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29.09.09

Buchmesse

Die Pauschalkritik an China ist unangebracht

Wenn es um China geht, plustert sich Deutschland gerne zum Demokratie-Oberlehrer auf. Doch der Wirbel um das Reich der Mitte ist unberechtigt, meint Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Denn China verändert sich dramatisch. Statt Pauschalkritik braucht es einfach Zeit.

AFP

Am 1. Oktober 2009 hat China die Gründung der Volksrepublik vor 60 Jahren gefeiert. WELT ONLINE gibt einen Überblick über die Geschichte des Riesenreichs.

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Was machen die Dresdner Kunstsammlungen falsch, dass man sie bisher noch nicht kritisiert hat? Habe ich als deren Direktor etwas falsch gemacht, weil ich nie eine chinesische Delegation in aller Öffentlichkeit der Kritik preisgegeben habe? Oder haben wir auf beiden Seiten etwas falsch gemacht? Gar das wohlfeile Werkzeug der Polit-Vermarktung nicht richtig beherrscht?

Kein Skandal-Artikel im "Spiegel", kein Türenknallen und keine Entschuldigungsadresse, sondern kleine kulturelle Fortschritte, fast schon business as usual, Kuratorenaustausch, unendlich lange Arbeitsgruppensitzungen, viele Gespräche, viel Humor, viel Vertrauen und viel Maotai-Schnaps versteht sich.

Doch im Ernst: Was bewegt deutsche Institutionen, was bewegt angeblich verantwortlich handelnde Personen auch jetzt im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse, wo China Ehrengast ist, immer wieder aufs Neue, zu behaupten, sie wüssten, wie chinesische Demokratie zu funktionieren hat? Ersetzt hier nicht der erhobene Zeigefinger die ausgestreckte Hand?

Wohlgemerkt: China ist ein Land mit zum Teil erheblicher sozialer Ungerechtigkeit, großen politischen Problemen und einem erst in Ansätzen erkennbaren Rechtsstaat. Es gibt zwei Ansätze, damit umzugehen: Den des ausgestreckten Zeigefingers, wahlweise des umgelegten weißen Schals, der die eigene weiße Weste symbolisieren soll. Oder den der ausgestreckten Hand.

Weshalb müssen offiziell handelnde chinesische Vertreter öffentlich desavouiert werden? Weil es so wohlfeil, man könnte auch sagen "billig" ist? Protokollzwänge kennen auch wir. Wer jemals einen deutschen Länderfürsten empfangen hat, der weiß das. Niemand verliert gerne sein Gesicht. Erst recht nicht ein chinesischer Delegierter. Erst recht nicht eine Nation, die unter dem europäischen Kolonialismus genug gelitten hat.

"Ich habe nichts gegen Chinesen, ich mag sie halt nicht", lässt Lukas Bärfuss in seinem neuen Theaterstück "Öl" im Deutschen Theater in Berlin den Industrie-Expansionisten Krahmer sagen. Auf Krahmers Niveau bewegen sich heute leider viele Krämerseelen in Politik und auch in der Kultur. Sind wir im Stolz auf unsere europäische Aufklärung hochmütig geworden? Haben wir vergessen, dass die Aufklärung selbst mit viel weniger Vorurteilen auf China schaute?

Man führt ausgerechnet diejenigen vor, deren Zivilisation um so vieles älter ist als unsere. Anstatt sich mit der neuen Generation in China zu beschäftigen, die bereits den Geschichts- und Kulturverlust beklagt, deshalb Museen baut, sich mit Geschichte und Identität befasst, gibt man sich lieber der Pauschalkritik hin. Egal, ob es die Olympischen Spiele oder sonstige Erfolge sind, wenigstens moralisch sollen sie uns unterlegen sein. Dieser Reflex wird gerne und oft bei uns bedient.

Ausgerechnet wir Deutschen. Aber wer weiß, vielleicht brauchen wir solche Diskussionen ja, um von Unzulänglichkeiten, Einschränkungen von Bürgerrechten, mangelndem Schutz für Minderheiten im eigenen Land abzulenken. Mitten in Deutschland, in Dresden, wurde vor einigen Wochen vor den Augen ihrer Familie die Mutter eines kleinen Kindes bestialisch ermordet. Der Vater, der seine Frau, seine Familie, sein Glück retten wollte, wurde von der Polizei angeschossen. Wo waren da die Mahnwachen? Wo das Bedauern von offizieller Seite? Wo der Ruf nach dem Schutz der Menschenrechte?

Ich habe noch keinen Chinesen kennen gelernt, der an seinem Land alles in Ordnung findet, aber ich habe auch noch keinen Chinesen kennen gelernt, der für sein Land eine Hoffnung damit verbindet, dass sich Deutschland zum Demokratie-Oberlehrer aufplustert.

Man erwartet in China nicht, dass ausgerechnet wir sagen, wie sich das Land zu verändern habe. Man erwartet, dass wir unsere Werte zunächst einmal bei uns mit Leben erfüllen. Dass wir dann mit unserem Beispiel Hoffnung geben, mit unserer Kritik den Menschen in China helfen und nicht uns selbst über die Schlagzeile des nächsten Tages retten.

Wie oft wurde ich auf deutschen (Kultur-)Delegationsreisen in China von deutschen Journalisten interviewt und musste die stereotype Frage beantworten: "Sprechen Sie auch die Menschenrechte an?" Natürlich tue ich das - in Worten und Taten. Kultur und Bildung sind Menschenrecht. Auch deswegen bin ich in die Kultur gegangen. Auch deswegen kooperiere ich so eng mit China. Weil ich so eines der wichtigen Menschenrechte von der normativen Ebene des Rechts in die reale Ebene des Lebens übersetzte.

Politische Debatten mit Dissidenten

Wir erleben ja Vorgänge wie im Vorfeld der Buchmesse nicht zum ersten Mal. In München sollte 1996 auf einer Pressekonferenz das Tanz- und Theaterfestival "China heute" angekündigt werden. Statt der kulturellen Debatten wurden dort - für die Chinesen überraschend - plötzlich politische Debatten mit Dissidenten angekündigt. Das Festival wurde von chinesischer Seite abgesagt, Oberbürgermeister Ude sprach von Zensur.

Der in der Zwischenzeit in China arrivierte Galerist Alexander Ochs war damals Mitveranstalter. Er sagte in einem Interview, dass die Künstler weit mehr auf die Veranstalter sauer seien, als auf die eigene Regierung, "sie können nicht verstehen, wie unprofessionell und ahnungslos angesichts der chinesischen Verhältnisse eine deutsche Langnase reagieren kann". Ob Herr Ude, zwischenzeitlich zu einem Freund Chinas geworden, immer noch so reagieren würde?

Wer schon mal mit Stäbchen in der Hand erfolgreich Nahrung zu sich genommen hat, sieht sich selbst gleich als einen Asien-Experten und übersieht den Blick für das große Ganze und die dramatischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte. Diese gehen so weit, dass selbst die Jüngeren, die die Veränderungen vorangetrieben haben und deren Nutznießer sie sind, mittlerweile befürchten, dass diese auch noch den verbliebenen Rest an Tradition zerstören könnten. Es gehen so viele junge Menschen in Tempel wie nie zuvor.

China braucht Zeit

Man sollte die kleinen Zeichen der Veränderung nicht unterschätzen. Symptomatisch ist es, dass die überarbeitete Politausstellung des National Museum of China, die in wenigen Tagen eröffnet wird, nicht mehr mit "Road of Revolution", sondern "Road of Rejuvenation" überschrieben wird. Lassen wir doch diesem Land noch die notwendige Zeit, es hat sich doch schon so dramatisch viel verändert.

Nehmen wir das Thema Kunst: China war 2008 laut Art Newspaper der Hauptexporteur von Gegenwartskunst. Noch Ende der Neunzigerjahre waren die Künstler in ihrem Schaffen eingeschränkt. Welch eine Geschwindigkeit des Umbruchs! Interessanterweise wird dieser Umbruch mit der Ausstellung "Living in Times" markiert, die 2001 im Hamburger Bahnhof in Berlin stattfand. Was bisher Underground war, war plötzlich ein Zeichen der Liberalisierung.

Das chinesische Kulturministerium hat diese Ausstellung finanziert, Fan D'ian, heute Direktor des National Art Museums of China in Peking und Hou Hanru, der zu dieser Zeit bereits elf Jahre in Paris lebte und heute in San Fransisco die Basis für seine weltweiten Aktivitäten etabliert hat, haben die Ausstellung kuratiert.

2010 wird im bis dahin vollkommen renovierten National Museum of China die Eröffnungsausstellung unter dem Titel "Die Kunst der Aufklärung" stattfinden. Themen sind die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen, öffentlicher Diskurs und Partizipation an der philosophischen Debatte innerhalb der europäischen Zivilisationsgeschichte.

Die Emanzipation des Menschen mit Blick auf eine der Bildung und Kultur verpflichtete Gesellschaft steht im Mittelpunkt der Ausstellung. Aber auch die Schattenseiten der Aufklärung, die Ängste der Menschen, werden nicht verschwiegen. "Das technisch-rationale Weltbild, das dem Fortschrittsglauben verpflichtet ist, wird im 19. und 20. Jahrhundert Grundlage für Kolonialismus und Totalitarismus" - so ist es in der Konzeption der Ausstellung zu lesen.

An dieser arbeitet ein chinesisch-deutsches Expertenteam. Dieses Ausstellungsprojekt hat Unterstützung durch die führenden Repräsentanten Chinas und Deutschlands gefunden. So wurden die gemeinsamen Verträge zwischen dem Nationalmuseum und einigen großen deutschen Museen im Beisein von Ju Jintao und Horst Köhler und später zusätzlich von Angela Merkel und Wen Jimbao unterzeichnet.

Politik der Veränderung ist Politik der Annäherung

Aber es ist vor allem dem Auswärtigen Amt gelungen, Mittel und Wege zu finden, damit diese Ausstellung im nächsten Jahr realisiert werden kann. Denn eine Politik der Veränderung ist gleichzeitig eine Politik der Annäherung. Annäherung ist im Normalfall kein Thema für öffentliche Auftritte und Debatten, und trotzdem gibt es bisweilen ungewöhnliche Situationen: Als Außenminister Steinmeier anlässlich seines Besuchs in der Gerhard-Richter-Ausstellung im National Art Museum of China 2008 klar und deutlich aussprach, dass Kunst Freiräume brauchen würde, um sich richtig entfalten zu können, legte in der Erwiderungsrede sein Amtskollege Yang Jiechi das Manuskript auf die Seite und unterstützte ausführlich Steinmeiers Position, die kurz zusammengefasst hieß: "Wir brauchen einen Dialog, der uns befähigt, gemeinsame Lösungen für gemeinsame Aufgaben zu finden."

Was die kluge und besonnene Außenpolitik Steinmeiers, auch und gerade im Bereich der auswärtigen Kulturpolitik leistet, sollte man nicht durch schon fast triebhaftes mediales Auftreten im Inland hintertreiben. Wir sollten nicht auf Schaulaufen in der geschützten Heimat setzen. Es hat sich bisher immer gezeigt, dass es meist fruchtbarer ist, auch in schwierigen Situationen miteinander im Gespräch zu bleiben, als sich in spektakuläre, letztendlich aber leere Gesten zu flüchten.

Wem das nicht genügt, der möge sich auf das Erbe der Aufklärung besinnen: Auf den Ansatz Kants, dass die äußerliche Veränderung staatlicher und gesellschaftlicher Praktiken à la longue betrachtet zu einer Veränderung der Denkungsart führen. Das ist der sittliche Grund für kulturelle Kooperation. Darauf hat sich die Außenpolitik besonnen, darauf sollten sich aber auch bei uns so manche Akteure in Politik, Kultur und Medien wieder besinnen.

Der Autor Martin Roth ist seit 2001 Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Der 1955 in Stuttgart geborene Kulturwissenschaftler und Soziologe war Direktor des Hygiene-Museums Dresden und Leiter des Themenparks der Expo 2000 in Hannover.

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