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28.09.09

Kulturszene

Intendantin Harms verlässt die Deutsche Oper Berlin

Die Intendantin der Deutschen Oper Berlin, Kirsten Harms, will ihren Vertrag über das Jahr 2011 hinaus nicht verlängern. Zur Premiere von "Frau ohne Schatten" verkündete sie ihren Abschied. Damit wolle sie Spekulationen beenden und "für Klarheit im Haus und in der Stadt" sorgen.

© ddp
Kirsten Harms ist seit 2004 Intendantin der Deutschen Oper Berlin
Kirsten Harms ist seit 2004 Intendantin der Deutschen Oper Berlin

Vergleichsweise wenige Buhs wurden ihr am Ende der Premiere in der Deutschen Oper Berlin entgegen geschleudert. Kirsten Harms muss es als Erfolg, als Bestätigung gedeutet haben, denn anschließend trat sie im Foyer feierfröhlich aufs Podest, um etwas zu tun, was Regisseure normalerweise nicht tun sollten – sie erklärte ihr Regiekonzept. Da war die Rede von einer inszenierten Zerreißprobe. Die Kaiserin, eine Schwache, Aufrichtige, eine Frau ohne Rückgrat, suche nach ihrem Platz in der Schöpfung. Wer bis dahin noch nicht verstanden hatte, dass an diesem Abend gleich zwei Frauen ohne Schatten auf der Bühne zu erleben waren, der konnte am Morgen nach der Premiere verdutzt auf Kirsten Harms öffentliche Erklärung als Intendantin schauen.

Demnach wolle sie "für mehr Klarheit im Haus und in der Stadt" sorgen und teilt deshalb mit, dass sie "für eine Vertragsverlängerung über das Jahr 2011 hinaus nicht zur Verfügung steht". Der Berliner Kulturverwaltung wünsche sie "ein beherztes Vorgehen bei der Nachfolgesuche", denn das Entscheidungsvakuum beeinträchtige schon lange die Handlungsfähigkeit der Deutschen Oper.

So offenbart sich eine selbstquälerische Künstlerintendantin, die auch erleben musste, dass am Tag vor ihrer Premiere der frisch inthronisierte Generalmusikdirektor Donald Runnicles in einer ausverkauften Repertoirevorstellung von Wagners "Tannhäuser" gefeiert wurde. Das Orchester der Deutschen Oper zehrte noch am (nicht ausverkauften) Premierenabend von den neuen Energien, die sich deutlich Klang und Dominanz verschaffen. Gastdirigent Ulf Schirmer hatte am Pult ein leichtes Spiel, gelegentlich wünschte man sich sogar etwas weniger des opulenten Übermuts.

Die Premiere von Richard Strauss' "Frau ohne Schatten" war gleichsam ein artifizielles Ritual des Abschieds, des Verzichts. Harms, die sich gern in unschuldiges Weiß kleidet, hat in ihrer Erklärung das Innerste nach Außen gekehrt, denn genau genommen wissen alle Beteiligten, dass Donald Runnicles einen neuen kulturpolitisch draufgängerischen Intendanten an seiner Seite braucht. In den streng gehüteten Plänen ab 2012 taucht der Name Harms als Regisseurin auch bereits nicht mehr auf. Mit ihrem Statement hat die Hausherrin ihre zwischen den beiden Lagern zerrissenen Mitarbeiter aus ihrer eigenen kleinen Opernschöpfung entlassen. Ihre Neuinszenierung wirft gleichsam nur düstere Schatten übers Publikum.

Kirsten Harms zelebriert die restlose Entzauberung, das irdische Jammertal einer archaisch anmutenden Menschengeschichte. Sie siedelt die Oper von Richard Strauss und seinem Librettisten Hugo von Hofmannsthal in der sozialen Brutalität ihrer Entstehungszeit an, die Handelnden, Herrscher wie Proletariat, landen im dritten Akt buchstäblich auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs inklusive seiner vergifteten Nebelschwaden. Eher beiläufig mag man eine moralische Reinigung in Stahlgewittern vermuten. Das Inszenierungsteam (und Ehepaar) Harms und Bernd Damovsky hat drei erdrückende, aber durchaus auch staunenmachende Bühnenbilder geschaffen.

Auf Symbolistisches hat das Regieteam weitgehend verzichtet, wenngleich im Malachit-schwarzen Kaiserpalast zwei riesige Falken-Plastiken die ewige dienerische Gefangenheit demonstrieren. Hier ist die Kaiserin also gefangen – eine Frau in Weiß, die keine öffentlichen Erklärungen abgeben kann. Aber diese Frau ohne Schatten kann ihren Verzicht auf den Schatten, auf Kinder und ihre Liebe durchleiden. Kirsten Harms hat die ihr seit Kieler Intendanten-Zeiten nahe stehende Manuela Uhl in dieser Rolle besetzt. Deren strahlende Spitze, und vor allem ihr in den Tiefen gern geheimnisvoll wispernder Sopran lässt die Zerrissenheit deutlich werden. An ihrer Seite als Kaiser Robert Brubaker, die Fehlbesetzung des Abends. Er ist ein in mühsamer Aufgeregtheit gegen die Größe des Raumes ansingender Tenor, der spielerisch Statur zeigt.

In Harms' Selbstfindung einer Verlorenen bedarf es keiner mefistofelischen Amme. Doris Soffel kann ihre Partie vollmundig aussingen, ohne die Handlung vorantreiben zu müssen. Sie präsentiert sich mit gefälliger Stimmeleganz.

Die Leidenschaften fliegen eindeutig dem von Johan Reuter verkörperten Barak zu. Der Färber, ein bodenständiger Typ, der mit den Seinen in einem schlauchartig engen unterirdischen Schacht haust, wird zur eigentlichen Sympathiefigur. Reuter leiht ihm seinen sonoren, überaus beweglichen Bassbariton, der in aller Männlichkeit mit satten Farben spielt. Ein Erlebnis, obgleich man erst im dritten Akt bei "Mir anvertraut" die ganze lyrische Wärme des Liebenden zu hören bekommt. Eva Johannsson, sein Weib, kann sich lange nicht zwischen Zicke und aufreizender Kundry entscheiden. Erst spät gewinnt sie die Stimmmacht über sich.

Das Bedrückendste spielt sich wohl im Wechselspiel zwischen Graben und Bühne ab. Ulf Schirmer versucht immer wieder, das Orchester in die musikalisch schillernde Weiträumigkeit hinein zu öffnen, prallt aber an der szenischen Begrenzung ab. Schwer zu sagen, ob die Regisseurin weiß, dass sie im Subkontext der Inszenierung ihren eigenen Verzicht auf die Bühne gebracht hat. Aber es kommt derart authentisch herüber, dass dem Publikum am Ende die Buhs im Halse stecken bleiben.

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