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25.09.09

Late Night

Brausepulver aus dem Bauchnabel bei Schmidt

Absurde Wahlkampfszenen, "Merkels Geheimw-Affe", 50 Jahre "Die Blechtrommel": Harald Schmidt feuerte in seiner neuen Show wieder aus allen Rohren. Dabei wirkt er so treffsicher und scharfzüngig wie zu seinen besten Zeiten – nicht zuletzt dank eines kongenialen Nachwuchs-Teams.

ARD

50 Jahre "Die Blechtrommel": Das Buch von Günter Grass inspirierte Harald Schmidt zu einer Aktion. Aus dem Bauchnabel Monica Ivancan schleckte er Brausepulver.

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Die Manöverkritik fiel gnädig aus: "Schnell, aktuell, böse, witzig". Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles und bekannt für seine schonungslosen Worte, war von Harald Schmidts zweiter Sendung seit der Trennung von Oliver Pocher begeistert.

Der legendäre Regisseur, der diesmal auf dem Platz des ehemaligen Schmidt-Begleiters Manuel Andrack saß und somit als Schmidts Sidekick fungierte, kriegte sich kaum ein: "Sie sind ein Sonderfall. Sie schweben zwischen Feuilleton und Banalität. Dass Sie jetzt wieder zu sich selbst finden ist toll."

Mit seinem Urteil lag Peymann richtig: Die Sendung war ein Kracher und knüpfte an vergangene Hochgefühle an. Dafür trug Schmidt jedoch nur teilweise selbst die Verantwortung. Denn die besten Gags lieferte das junge Team, dass der Altmeister um sich geschart hat. Da tanzte Christian Brey Frank-Walter Steinmeiers Verrenkungen im Flugzeug nach und Dr. Peter Richter von der FAZ analysiert als Kunstexperte die Wahlplakate auf Kölns Straßen.

Perfekte Pantomime lieferte der Einspieler mit Katrin Bauerfeind: Die Ex-"Ehrensenf"-Moderatorin "interviewte" eine schweigende Kanzlerin Merkel. Deren stoische Mimik bot perfekt geschnittene Stummfilm-Komik in Reinkultur – als Kommentar zum kaum hörbaren Wahlkampf der CDU entwaffnender als jeder Kabarett-Gag.

Schmidt selbst feuerte seine Stand-Up-Salven trocken und zielsicher raus. Drei, vier Witze zur Wahl, dann schoss sich das selbstbetitelte "Überhangmandat des Ersten" auf Wirtschaftsminister zu Guttenberg ein. Eine MAZ, die den CSU-Mann im engen T-Shirt mit der Aufschrift "Krisenbewäl -Tiger" zeigt, bietet den Aufhänger für neue Wortschöpfungen: "Unternehmenszuw- Echse" oder "Merkels Geheimw -Affe" etwa.

Zwei Darsteller aus Schmidts Entourage sind mittlerweile so genial, dass man sich fragt, wie lange der Chef sie noch halten kann. Ralf Kabelka hat seine Figur des CDU-Manns Dr. Udo Brömme in einer Art und Weise verinnerlicht, dass man geneigt ist, den Schauspieler dahinter zu vergessen. Diesmal ging der aalglatte Provinzkandidat auf die Straßenwahlkämpfer kleiner Parteien los.

Ganz ohne Füllworte überzog der eloquente Karrierist seine vermeintliche Konkurrenz mit guten Tipps und Anschauungsunterricht in Bürgernähe. Zwei junge Männer, die für die Piratenpartei Flyer verteilten, wurden mit Sachfragen bombardiert: "Wie steht ihr zum Länderfinanzausgleich?" Schweigen. "Afghanistan?" "Äh, wir haben dazu noch keine offizielle Linie..." Solche Szenen verdeutlichen Schmidts Anspruch, mit der Pointe immer auch auf aktuelle Absurditäten in unserer Gesellschaft hinzuweisen. Dieser Spagat gelingt ihm mit einer Leichtigkeit, die allen anderen Mitbewerbern in der TV-Landschaft abgeht.

Neben Kabelka glänzte besonders Jan Böhmermann. Zum Brüllen, wie der Radiomoderator die linke Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht interviewte. Hier war es das Spiel mit dem Rollenklischee von der "schönen Kommunistin" (BILD), das entlarvt wurde.

Böhmermann ("Ich erliege nicht der Versuchung, Wagenknecht auf ihren Intellekt zu reduzieren, wie es viele meiner Kollegen tun") driftete als vorgeblicher ARD-Reporter in schwüle Tagträume mit der attraktiven 40-Jährigen ab, während diese über den Kapitalismus plauderte.

Die Ikone der Linkspartei merkte zwar, dass ihr gegenüber nicht mehr ganz bei der Sache war ("Hab’ ich sie aus dem Konzept gebracht?"), schöpfte aber keinen Verdacht. Böhmermann stammelte schließlich liebestrunken eine Einladung zum Essengehen ("halb beruflich, halb privat"), die Wagenknecht kokett ausschlug. Beklemmend, aber urkomisch.

Intendant Peymann machte sich die ganze Sendung über einen Spaß. Allürenfrei erzählte er von den Veränderungen, die das Theater in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat und kommentierte immer wieder die Qualität von Schmidts Performance.

Die erreichte ihren Höhepunkt, als anlässlich des 50-jährigen Jubiläums von Günter Grass’ "Blechtrommel" berühmte Szenen der Verfilmung nachgestellt werden sollten. Schmidt selbst schlüpfte in die Rolle des kleinen Oskar und leckte einer auf seinem Schreibtisch liegenden Zuschauerin Brausepulver aus dem Bauchnabel.

Natürlich erst nachdem er – getreu der literarischen Vorlage – das Pulver mit seinem Speichelfaden angerührt hatte. Eklig? Vielleicht. Dank Schmidts absolut unterkühlter Mimik jedoch völlig unanstößig. Derartigen Nonsens so cool zu präsentieren ist eine Gabe. Und die macht diese Sendung anarchisch, unberechenbar und einzigartig – so wie früher.

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