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23.09.09

Maxim Gorki Theater

Vier Darstellerinnen teilen sich in "Gertrud" eine Rolle

Mit seinem literarischen Hauptwerk "Gertrud" hat Einar Schleef seiner 1993 gestorbenen Mutter ein Denkmal gesetzt. Und gleichzeitig ein Stück deutscher Geschichte lebendig werden lassen. Am Maxim Gorki Theater wird nun die Bühnenfassung gezeigt. Darin spielen vier Frauen eine Person.

Es gibt Theater, bei denen stehen mehr Literatur-Dramatisierungen als Dramen auf dem Spielplan. So starteten gleich zwei große Häuser in Berlin mit Werken, die eigentlich nicht für die Bühne geschrieben wurden. Ausgerechnet am Maxim Gorki Theater, das mit seinen Roman-Adaptionen wirbt, ging die Spielzeiteröffnung gründlich daneben: Barbara Webers "Wahlverwandtschaften"-Inszenierung gehört eher in die Beziehungskiste als auf die Bühne. Aber der Flop ist verzeihlich. Denn jetzt zeigt Hausherr Armin Petras mit "Gertrud", was für einen virtuosen Theaterabend man aus einem Roman destillieren kann. Auch dank der Bühnen-Fassung von Jens Groß.

Gleich vier Schauspielerinnen teilen sich die Rolle der Gertrud: Friederike Kammer, Sabine Waibel, Regine Zimmermann und Anne Müller spielen die junge, die sportliche, die verliebte, die trauernde Gertrud. Ein großartiges Darstellerinnen-Quartett. Das zwar eigentlich nur eine Person verkörpert, aber Petras lässt in seiner Inszenierung gern mehrere Gertruds gleichzeitig auftreten. Die kommentieren und diskutieren dann auch mal die eigenen, vagen Erinnerungen. Oder spritzen sich im Schwimmbad laut schreiend mit Wasser aus einem Kanister nass. Erzählen von einer Eisenbahnfahrt von München nach Rostock, bei der die Bahnhöfe stramm stehen und die Heil-Hitler-Rufe sich bei jeder Station wiederholen. Und der kleine Hans sich einscheißt. Was Gertrud ziemlich peinlich ist.

Mit seinem literarischen Hauptwerk hat Einar Schleef seiner 1993 gestorbenen Mutter gewissermaßen ein Denkmal gesetzt. Und gleichzeitig ein Stück deutscher Geschichte, gespiegelt durch eine Frau aus bescheidenen Verhältnissen, lebendig werden lassen: Geboren im Kaiserreich, Sportlerkarriere in der Weimarer Republik, Heirat in Nazi-Deutschland, Alt- und Einsamwerden in der DDR – nachdem beide Söhne in den Westen geflohen sind.

Bei Armin Petras dauert der Parforceritt durch das vergangene Jahrhundert nur eineinhalb Stunden. Gespielt wird ausschließlich auf der Vorbühne. Die vier Darstellerinnen balancieren auf Balken über einem Abgrund. Bühnenbildner Olaf Altmann lässt eine Art Rampe bedrohlich in den Bühnenhimmel ragen. Sie dient als Projektionsfläche: Niklas Ritter (Video) lässt Turmspringerinnen fliegen, Nazi-Truppen marschieren und eine Achterbahnfahrt in die Bombardierung einer Stadt übergehen.

Die Inszenierung ist eine Übernahme vom Schauspiel Frankfurt, wo der neue Intendant das Repertoire aufgeräumt hat. Ein doppelter Glücksfall für Berlin, denn drei der vier Darstellerinnen sind jetzt im Ensemble des Gorki Theaters.

"Gertrud" am Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Berlin-Mitte. Tel.: (030) 20221115. Termine: 30.9. und 13.10., 19.30 Uhr.

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