Wallace-Tagebuch Teil 27
"Man kann eine Glocke nicht entläuten"
Es ist eine der spektakulärsten Neuerscheinungen des Jahres: Die Übersetzung von "Infinite Jest", dem Meisterwerk von David Foster Wallace. 100 Tage lang liest Morgenpost Online je 16 Seiten und versucht eine Deutung des Stoffes. Heute: die apresgardistische Bewegung als Kino der chaotischen Stasis.
Von Elmar Krekeler
23. September
Auf zum SCH.M.A.Z. 18.30. Noch eine Minute länger in diesem Telefongewitter, in diesem Idiotenschlagwetter, und ich wäre zum Punter meines Laptops geworden. Und das Ding wäre garantiert weiter geflogen, als Orin sein Lederei jemals hätte treten können. Belle bloß noch in den Hörer. Je näher die Messe, desto mehr Explosivstoffe lagern sich an. Ist jedes Jahr dasselbe. Nach der Messe implodiert das dann und führt zu einem Wachkoma von nicht unter einer Woche.
Um mich noch ein bisschen mehr zu reizen, zum Ausrasten fehlt es in der S-Bahn zwar nicht an Gründen (hab ich schon ein einziges Mal erwähnt, dass der öffentliche Nahverkehr in Berlin kriminell?? In der Tat) – die zweite Lieferung von Fußnoten. Eben mal ein Sprung um 1000 Seiten (das ging bei dem Dreck von Jonathan Littell nicht von Seite 400 aus).
Wir erfahren: Dass Quebec von den USA besetzt ist (was könnten die da bloß gewollt haben). Neues über Drogen und ihre Wirkweise. Dass die apresgardistische Bewegung als Kino der chaotischen Stasis firmiert und sich durch die "absichtlich irritierende Abstinenz von verschiedenen, in ein Bedeutungsganzes mündenden Erzählsträngen auszeichnet". Dass Samuel Johnson der Prototyp des grammatikolexikopädagogischen Piesepampels (sic!!!) ist. Neues über Drogen und ihre Wirkweise.
Den Satz: "Man kann eine Glocke nicht entläuten." Dass es eine gigantische Verlagskonzentration gegeben haben muss: Ein Taschenbuch erscheint bei Bantam-Doubleday-Dell-Little-Brown. Dass Gately bei seinen Betreuungsstunden in Ennet House nicht immer nur spannede Sachen erlebt. Dass 99,9 Prozent dessen, was einem im Leben widerfährt, einen eigentlich nichts angeht. Was ein unabweisbare Weisheit ist, was einem jeden Tag aufs Neue im Verlagswesen vorgeführt wird. Dass es eine Dworkinistische Hartlederorganisation gibt und Pizzitola-Auschreitungen, die Mitglieder der P.P. P.F.V. diskreditierten, worauf diese Splittergruppe zerfiel.
Könnte P. P. P. F. V. eine späte Nachfolgeorganisation der Volksfront von Judäa sein oder der Judäischen Volksfront? Hat DFW Patronen von Python zu sich genommen. Irgendeine Doktorarbeit wird das irgendwann bestimmt herauskriegen. Noch ist es nur lustig.
David Foster Wallace: Unendlicher Spaß. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 1547 S., 39, 90 €.
Weitere Autoren, die über "Unendlicher Spaß" schreiben, finden Sie auf der Seite www.unendlicherspass.de .
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