Traditionshaus Insel Verlag meldet Insolvenz an

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Neues im Suhrkamp-Drama: Nach Recherchen der „Welt“ hat auch der Insel Verlag bereits vor Wochen einen Insolvenzantrag gestellt – obwohl das traditionsreiche Haus stets profitabel war.

Im vergangenen Jahr hatte die deutsche Literaturwelt allen Grund zu feiern: Der 100. Geburtstag der berühmten "Insel-Bücherei" stand an, einer verlegerischen und buchkünstlerischen Institution, die die deutschsprachige Literaturmoderne wie keine zweite Buchreihe geprägt hat. Am 2. Juli 1912 kam Band Nummer 1 in die Buchhandlungen: Rainer Maria Rilkes "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke". Anton Kippenberg, der den 1901 gegründeten Insel Verlag zu einem der führenden in Deutschland machte, schrieb in den kommenden Jahrzehnten Verlags-, Literatur-, und nicht zuletzt Buchkunstgeschichte.

Deutsche Klassiker, allen voran Goethe, und Weltliteratur, von Shakespeare bis Tolstoi, aber auch die Großen der Gegenwart in preiswerten, aber von Künstlern hochwertig gestalteten, bibliophilen Ausgaben – dafür stand die "Insel-Bücherei" und steht sie bis heute. Ein weiteres Jubiläum wäre in diesem Jahr zu begehen: Vor genau fünfzig Jahren übernahm Suhrkamp unter Siegfried Unseld den westdeutschen Insel-Verlag (nach der Wiedervereinigung kam der ostdeutsche, damals noch am Gründungsort Leipzig residierende Teil hinzu). Die Legende lebt: Im Herbstprogramm sind die Insel-Bücherei-Bände Nummer 1383 bis 1391 angekündigt. Nummer 1383 ist das neue Werk der diesjährigen Bücherpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff, Nummer 1391 enthält "Weihnachtsbriefe an die Mutter" – von Rainer Maria Rilke.

Geht mit Rilke nun die große Tradition auch wieder zu Ende? Nach Recherchen der "Welt" hat der "Insel Verlag Anton Kippenberg GmbH & Co. KG" bereits am 3. Juni beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg einen Insolvenzantrag gestellt und die Eigenverwaltung beantragt. Die für das Verfahren zuständige Richterin erklärte auf Anfrage, sie prüfe gegenwärtig den Antrag. Bis ein angefordertes Sachverständigengutachten vorliege, sei in diesem Fall für sie "alles noch offen".

Insolvenz auch für die "Beiboote"

Was passiert hier? Am 27. Mai hatte Suhrkamp ein Schutzschirmverfahren beantragt, eine besondere Form des Insolvenzverfahrens, das der Geschäftsführung drei Monate Zeit gibt, einen eigenen Sanierungsplan vorzulegen. Unverhohlenes Ziel dieses Vorgehens ist die Entmachtung des missliebigen Minderheitsgesellschafters Hans Barlach. Denn ein Szenario des Sanierungsplans ist die Quasi-Enteignung von Gesellschaftern, deren Anteile dann ein Dritter übernehmen könnte. Dafür wurde von Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz selbst die Familie Ströher ins Spiel gebracht, Erben des Wella-Konzerns.

Bereits am 31. Mai hatte Frank Kebekus, der Generalbevollmächtigte des Verlags, in der "Wirtschaftswoche" die Möglichkeit angedeutet, dass auch für die "Beiboote" – neben dem Insel Verlag auch noch der Deutsche Klassiker Verlag, der Jüdische Verlag und der Verlag der Weltreligionen – zusätzliche Insolvenzverfahren eingeleitet werden könnten. Das ist im Falle von Insel offenbar unmittelbar danach geschehen. Das Brisante daran: Hier handelt es sich um eine normale, gewissermaßen "echte" Insolvenz – ohne vermeintlich rettenden "Schutzschirm".

Man muss sich das klarmachen: Im Zuge eines Schachzugs, der der Öffentlichkeit als Befreiungsschlag verkauft werden sollte, beantragt Suhrkamp die Insolvenz für ein mehr als hundert Jahre altes Traditionsunternehmen. Dieses mag der Jurist verniedlichend ein "Beiboot" nennen. Tatsächlich ist das Ganze ein höchst dramatischer Vorgang und eine historische Zäsur. Wer sich einmal die Schätze des (an Marbach verkauften) Insel-Archivs von den Archivaren hat zeigen lassen, weiß, dass es hier um den ureigensten Kern deutscher Literaturgeschichte geht.

"Zweistellige Zuwachsraten"

Mancher ehemalige Suhrkamp-Mitarbeiter ist über die Entwicklung schlicht entsetzt: Denn "die Insel" war immer höchst profitabel gewesen, mit ihren edlen Backlist-Schätzen und populären Bestsellern (wie Carlos Ruiz Zafóns "Der Schatten des Windes" oder zuletzt Pola Kinskis Erinnerungen). Als Ulla Berkéwicz noch im Januar in der "Zeit" versicherte, Suhrkamp sei "praktisch schuldenfrei", fügte sie hinzu: "Beim Insel Verlag haben wir sogar zweistellige Zuwachsraten." Wie kann dieser verlässliche Gewinnbringer binnen Monaten zahlungsunfähig geworden sein?

Die Konstruktion ist, wie stets bei Suhrkamp, komplex: Insel, formal eigenständig, war de facto immer nur ein Suhrkamp-Anhängsel. So gab es keine eigenen Mitarbeiter oder Rücklagen. Die regelmäßig fließenden Einnahmen wurde mittels eines "Cash-Poolings" sofort innerhalb des Gesamtunternehmens verrechnet, das wiederum die erbrachten Leistungen wie Personal, Mietanteil etc. jährlich pauschal in Rechnung stellte.

Jetzt hat Suhrkamp kurzfristig eine Forderung von 1,8 Millionen Euro erhoben, die natürlich (womit auch?) von der Tochter nicht beglichen werden kann. Die Geschäftsführung des insolventen Suhrkamp Verlags (Berkéwicz, Thomas Sparr und Jonathan Landgrebe) hat also an die Geschäftsführung des gesunden Insel Verlags (Berkéwicz, Sparr, Landgrebe) – quasi an sich selbst –, eine Rechnung geschickt, von der klar ist, dass sie nicht bezahlt werden kann. Folge dieses Manövers: Zahlungsunfähigkeit.

Hans Barlach hält die Suhrkamp-Insolvenz für "vollkommen konstruiert", er spricht von "betrügerischem Bankrott" und hat Einspruch eingelegt. Der Fall Insel bestätigt ihn in seiner Einschätzung. Gegenüber der "Welt" bekräftigte er noch einmal seine Zuversicht, dass die Insolvenzverfahren gar nicht erst eröffnet werden.

Fast zehn Millionen für ein neues Haus?

Es klingt einfach grotesk: Wie ebenfalls erst jetzt bekannt wurde, hatte Suhrkamp noch unmittelbar vor dem Schutzschirmantrag riesige Investitionen geplant. In der Gesellschafterversammlung vom 10. Mai, so erzählt Barlach, habe er Ausgaben von 11,2 Millionen Euro zustimmen sollen: neben zwei hohen Autorenvorschüssen den Kosten für den Bau eines neuen Verlagshauses in Berlin-Mitte für 9,6 Millionen Euro. Ein Grundstück steht zur Verfügung, für das Suhrkamp mit Partnern selbst als Bauträger auftreten will. Angeblich handelt es sich um eine bislang unbebaute Toplage zwischen Linienstraße und Torstraße in der Nähe der Volksbühne. Gestern noch Bau-, heute schon Insolvenzpläne?

Wer kann noch an die Beschwichtigungen der Geschäftsführung glauben, man habe alles unter Kontrolle? Die Unwägbarkeiten dieses juristischen Jonglierens scheinen immer größer. Möglich, dass man Barlach tatsächlich los wird. Aber zu welchem Preis? Kann die Familienstiftung dann ungeschoren bleiben? Und kann Ulla Berkéwicz wirklich steuern, wer am Ende die Fäden in der Hand hält, und einen Investor ihrer Wahl ins Boot holen, der ihren Einfluss auch zukünftig sicherstellt?

Dass das Insel-Drama bisher nicht bekannt geworden ist, könnte ein Hinweis darauf sein, dass Suhrkamp selbst inzwischen im Klammergriff der Insolvenzgerichte etwas mulmig zumute ist. "Für mich läuft der Antrag im Schatten des großen Suhrkamp-Verfahrens", erklärt die zuständige Richterin. Vor der Anfrage der "Welt" habe sich bei ihr niemand nach dem Insel Verlag erkundigt. "Es sind ja auch keine Arbeitnehmer betroffen." So kann man es auch sehen. Betroffen ist eben nur einer der klangvollsten Namen der deutschen Verlagsgeschichte. Abgewickelt wird eine große Tradition.

Mitarbeit: Uwe Müller

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