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Herz der Finsternis

So war die Premiere im Deutschen Theater

Andreas Kriegenburgs Inszenierung von „Herz der Finsternis" sorgte am Donnerstagabend in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin für Irritationen beim Publikum. Die Uraufführung ist das erste Stück, das unter die Intendanz von Ulrich Khuon fällt. Ein wenig berührender Abend.

Der Bundespräsident ließ sich nicht blicken. Eigentlich schade, denn nach dem Besuch der Eröffnungspremiere des Schlosspark Theaters vor zweieinhalb Woche hätte Horst Köhler ruhig beim Neustart des Deutschen Theaters vorbeischauen können. Und zwar aus inhaltlichen Gründen. Schließlich liegt ihm die Wahrnehmung von Afrika und der Umgang mit dem Kontinent am Herzen. Und genau darum ging es in Andreas Kriegenburgs „Herz der Finsternis“-Inszenierung, mit der am Donnerstagabend in den Kammerspielen die Intendanz von Ulrich Khuon eröffnet wurde.

Die Erwartungen waren hoch – schließlich hatte Kriegenburg das Berliner Publikum erst im Mai beim Theatertreffen mit seiner Version von Kafkas Roman „Der Prozess“ verzaubert. Das gelingt ihm in den Kammerspielen des Deutschen Theaters nicht; obwohl die Inszenierung ästhetisch durchaus an den „Prozess“ anknüpft. Auch in „Herz der Finsternis“ greift der Regisseur auf seine Methode zurück, die Hauptfigur zu vervielfältigen. Sechs der sieben Schauspieler, darunter Daniel Hoevels und Elias Arens, sprechen den Text von Kapitän Marlow, der eine Reise ins Innere des Kongo – und eine zu sich selbst – unternimmt: Mal einzeln, mal chorisch, wobei Natali Seelig den größten Part an der Rampe stehend übernimmt. Dialoge sind selten. Durch die Aufsplitterung verschwimmen die Identitäten, aber naturgemäß verblasst auch die Charakterzeichnung der Figur.

Der einschließlich Pause zweieinhalbstündige Abend beginnt stumm und stark: Bühnenbildnerin Johanna Pfau hat einen kastenartigen, weißen Raum geschaffen. Kein Entrinnen möglich. Scheinbar. Eine kleine Verbeugung vor dem kürzlich verstorbenen Regisseur Jürgen Gosch, der gern in solchen Räumen spielen ließ – und damit auch die Herstellung von Theater ausstellte. An der hinteren Wand stehen die Requisiten: Eimer, Kostüme, Ketten, Bambusstangen. Eine Figur im schwarzen Anzug steht auf der Bühne. Schreibt etwas an die Wand. Das Licht geht aus und wieder an: Die nächste Person erscheint. Und kritzelt. Licht aus. Licht an. Der Vorgang wiederholt sich einige Male. Vielleicht zeichnen die Anzugträger Börsenkurse nach, vielleicht geben sie Klopf- oder Morsezeichen. Vielleicht sehen wir auch ins Innere eines Kopfes – und die ganze Geschichte könnte der Traum beziehungsweise Albtraum des Protagonisten sein.

Als Kapitän Marlow in Afrika angekommen ist, senken sich sechs überdimensionale Puppen in den Bühnenraum. Sie sind abgemagert bis auf die Knochen, bewegen anklagend ihren riesigen Kopf. Das macht nachhaltig Eindruck. Auch, wenn sich Olivia Gräser in die am Boden liegende Hand der Puppe schmiegt wie Fay Wray in der „King Kong“-Verfilmung.

John von Düffel, vielbeschäftigter Dramatisierer von literarischen Stoffen der unterschiedlichsten Art, lieferte die Vorlage. Seine „Herz der Finsternis“-Fassung bleibt nah an der biografisch eingefärbten Erzählung von Joseph Conrad. Die entstand vor gut 100 Jahren, als der Kolonialismus seine ganz hässliche Fratze zeigte. Conrad, ein gebürtiger Pole, der eigentlich Józef Teodor Konrad Korzeniowski hieß, war früh Waise. Mit 16 Jahren hatte er den Plan, ein britischer Seemann zu werden. Und wurde es. Lernte die neue Sprache, in der er später auch schrieb, erwarb 1886 das Kapitänspatent. Später heuerte er bei einer belgischen Firma an, befuhr den Kongo und unternahm die Reise ins Innere Afrikas – einer unzugänglichen, ungesunden, gefährlichen Region –, die er später literarisch verarbeitete. An den Küsten hatten sich die Kolonialisten längst ausgebreitet, regierten selbstherrlich und brutal, beuteten die Länder unter dem Deckmantel eines vermeintlichen Handels schamlos aus. Elfenbein war der begehrte Rohstoff.

Eigentlich dreht sich das Stück um eine Person, die erst ganz zum Schluss leibhaftig auftaucht: Kurtz. Der vornamenlose, legendenumrankte Elfenbeinhändler lebt im Herz der Finsternis. Er hat sich seinen eigenen Ministaat aufgebaut: Wird von den Einheimischen verehrt wie ein Gott; und führt sich auf wie ein Despot. Auf dem Zaun vor seiner Hütte sind die abgeschlagenen Köpfe von Einheimischen aufgespießt. Zur Abschreckung. Marlon Brando hat diese Rolle im Film „Apokalypse Now“ verkörpert; bei Kriegenburg spielt ihn Markwart Müller-Elmau undämonisch.

Es gibt in dieser Inszenierung komische Auftritte wie den von Peter Moltzen und Harald Baumgartner auf einer improvisierten Bambusschaukel. Es gibt lange Passagen, in denen im Chor gesprochen wird (worunter die Textverständlichkeit leidet). Es gibt überzeugende einzelne Szenen, aber alles wirkt etwas überillustriert. Kriegenburg beherrscht zweifellos sein Handwerk, aber bei dieser Arbeit geht das Konzept nicht auf. Ein Abend, der erstaunlich wenig berührt.

Deutsches Theater Kammerspiele, Schumannstraße 13a, Mitte. G.284.41.225. Termine: 22., 27. und 29. September; 7., 13., 17. und 18. Oktober.



Erschienen am 17.09.2009

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