Eiskalt und herzenswarm
Le Clézios neues Buch führt zurück in die Kindheit
Im neuen Roman von Nobelpreisträger Jean-Marie Le Clézio wächst ein Mädchen im Zweiten Weltkrieg im selbstgefälligen, kleinbürgerlichen Milieu auf. Le Clézio hat eine faszinierende Figur geschaffen – ein herzenswarmes Wesen mit eiskaltem Blick. Und die spiegelt das Leben des Autors in vielerlei Hinsicht.
Von Sascha Lehnartz
Als Jean-Marie Gustave Le Clézio im vergangenen Jahr den Nobelpreis für Literatur zugesprochen bekam, war die Überraschung nicht gering. In Deutschland war der 1940 in Nizza geborene Autor nur intimeren Kennern der französischen Literaturlandschaft bekannt, und dies, obwohl Le Clézio sich dort schon seit den frühen 60er-Jahren als feste Größe etabliert hat. 1963 gelang ihm der Durchbruch, als er für sein Debüt "Le procès verbal" den Prix Renaudot erhielt.
Seither hat er über 30 Bücher veröffentlicht und ein literarisches Universum erschlossen, das stets weit über Frankreich hinausweist. Le Clézio ist ein Weltenwanderer, der wie kaum ein anderer seine eigenen extraterritorialen Wurzeln zum Ausgangspunkt nimmt, um nach dem Platz des Menschen in der Welt zu fragen.
Le Clézios Vater war Brite, seine Mutter Französin, beider Familien stammten aus Mauritius, der Insel im Indischen Ozean, welche die Briten dem französischen Kolonialreich 1810 entrissen und dem eigenen einverleibt hatten. Zum Schriftsteller wurde Le Clézio der Sage nach recht jung: als er im Alter von acht Jahren seinem Vater nach Nigeria nachreiste.
Während der einen Monat dauernden Überfahrt schrieb er gleich zwei "Romane". Die starken Bilder, die er als Kind in Afrika sah, verließen ihn danach nicht mehr. Eines seiner Jugendwerke trug den Titel "Eine lange Reise", und von selbiger ist der Autor bislang nicht zurückgekehrt.
Er unterrichtete in England, leistete Militärdienst in Bangkok, wurde entlassen, weil er einen Artikel gegen Kinderprostitution schrieb, nach Mexiko versetzt, wo er sich für präkolumbianische Kulturen begeisterte. Er lebte mit Indianern in Panama. Er hat die Wüste erkundet und beschrieben, seine zweite Frau stammt aus Marokko, er hat sich mit den Inselkulturen von Mauritius und Haiti befasst, ein Buch über Frida Kahlo und Diego Rivera geschrieben, die Maya-Mythen von Chilam Balam übersetzt und sich in den letzten Jahren verstärkt für koreanische Kultur interessiert.
Wenn das Nobelpreiskomitee Le Clézio als großen "Erkunder einer Menschheit jenseits und unterhalb der herrschenden Zivilisation" preist, dann klingt das zwar, als habe ein Bezirksbürgermeister ein zu gut gemeintes Vorwort zum Karneval der Kulturen verfasst, aber tatsächlich besteht Le Clézios poetologische Ambition genau darin: der Menschheit literarisch gerecht zu werden - zumindest jenem Teil, über den er schreibt.
So weit gefasst Le Clézios Horizonte sein mögen, beliebig divers sind seine Themen keinesfalls, und als Autor scheint er trotz aller Weltläufigkeit fest verhaftet in der Zeit, in die er hineingeboren wurde. Einen "immobilen Nomaden" hat ihn sein Biograf Gérard de Cortanze genannt. Die Zeit, in der Le Clézio auf die Welt kam, ist der Zweite Weltkrieg. Erlebt hat er ihn als kleines Kind im besetzten Nizza. Das Kriegsende verbrachte er in einem Dorf in den französischen Alpen.
In vielen seiner Bücher finden die Heimatstadt und die Kindheitserlebnisse des Autors ihren Widerhall, so auch in seinem jüngsten, jetzt auf Deutsch erschienenen Roman, "Lied vom Hunger". Das Titelmotiv hat Le Clézio einem Gedicht von Arthur Rimbaud entliehen - "Feste des Hungers" - das den Hunger als metaphysische Erfahrung fasst, die sich tief ins Gedächtnis des Hungernden einschreibt und zugleich eine kaum mehr zu stillende Gier nach Leben begründet. "Ich weiß, was Hunger ist, ich habe ihn gespürt", lautet der erste Satz des Buches, und man darf diesen Romananfang als ehrliches Bekenntnis des Autors verstehen.
Le Clézio rahmt die Geschichte des Mädchens Ethel, die der Roman eigentlich erzählt, mit zwei autobiografisch gefärbten Kapiteln ein. Im ersten schildert Le Clézio, wie er in den kargen Nachkriegstagen zum ersten Mal in seinem Leben Weißbrot aß und Spam, das Dosenfleisch, das die amerikanischen Befreier verteilten.
Der Hunger, den er damals gespürt habe, "steckt noch in mir", bekennt er. Das grelle Licht, das dieser Hunger erzeugt habe, hindere ihn daran, seine Kindheit zu vergessen. Le Clézio hält das offenbar für ein zwiespältiges Geschenk, denn "glücklich zu sein heißt, sich nicht erinnern zu müssen".
Le Clézio beschreibt somit die Geburt des Schriftstellers aus dem Geiste des Hungers. Auch das Schlusskapitel verarbeitet ein biografisches Element - die Uraufführung von Ravels "Bolero" mit der Tänzerin Ida Rubinstein, der die Mutter des Autors 1928 in Paris beiwohnte. Für Le Clézio ist auch der "Bolero" eine Geschichte von "Zorn und Hunger" - und zugleich eine Prophezeiung. Die musikalische Gewalt, mit der er endet, kündigt für Le Clézio die mörderischen Exzesse des 20. Jahrhunderts an - und zugleich die Stille danach, in der sich die Überlebenden mitsamt ihren Schuldgefühlen zurechtfinden müssen.
Zwischen diesen beiden privaten Polen, dem kindlichen Hunger und dem bleibenden Entsetzen des Erwachsenen, entfaltet Le Clézio Ethels Geschichte - die jedoch auch wieder zahllose Spuren seiner eigenen enthält: Der Vater der Hauptfigur stammt wie der des Autors aus Mauritius, die Familie erlebt - wie die seine - den Krieg in Nizza und sein Ende in den französischen Alpen.
Le Clézio begleitet das Mädchen auf dem Weg in eine Erwachsenenwelt, die mehr und mehr aus den Fugen gerät. Im Wohnzimmer der Familie im 15. Pariser Arrondissement versammelt sich jeden Sonntag der Freundeskreis von Ethels Eltern, der sich schwadronierend vormacht, diese Welt noch zu durchschauen. "Es war zu jener Zeit, als Ethel erstmals den Namen Hitlers hörte", schreibt Le Clézio und hat so mit wenigen Pinselstrichen das nahende Unheil erfasst.
Als Kakofonie allzu bald hinfälliger Meinungen orchestriert er virtuos das Gerede eines selbstgefälligen Kleinbürgertums, das nicht ahnt, mit welchen Folgen sein eigener Sparflammen-Antisemitismus bald schon auf das Fürchterlichste überboten werden wird. So grandios wie diskret zeichnet Le Clézio das Heranwachsen seiner Protagonistin: Ethel, die gerade noch Kind war, reift Seite um Seite zur einzig erwachsenen Figur unter lauter kindischen Blendern und naiv Verblendeten heran. Bis ihr plötzlich bewusst wird, "dass sie 20 war und ihre Jugend hinter ihr lag, ohne dass sie diese wirklich erlebt hatte".
Ihren windigen Vater, der sie um das vom Großonkel geerbte Haus bringt, hat sie ebenso rasch durchschaut wie die Verbitterung ihrer Mutter über eine trostlose Ehe. Je ernster die Lage wird, desto mehr ist es Ethel, die das Überleben der Familie in die Hand nimmt.
Sie ist es, die die Eltern nach Nizza führt und schließlich in ein Dorf in den Alpen. Zugleich jedoch entfernt sie sich unwiderruflich von ihnen. "Es war zu spät, um die Wahrheit zu erfahren, ihre wirkliche Geschichte herauszufinden. Ethel stellte fest, dass sie sie nicht liebte, auch wenn sie eine gewisse Zuneigung zu ihnen empfand." Mit Ethel hat Le Clézio eine seltsam faszinierende Figur geschaffen, ein herzenswarmes Wesen mit eiskaltem Blick.
Jean-Marie Le Clézio: Lied vom Hunger. Kiwi. 217 Seiten, 18,95 Euro
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