07.04.08

Literatur

Die Buchmesse bietet China eine Plattform

2009 wird China das Gastland der Frankfurter Buchmesse sein. Das hat hat Kritik hervorgerufen. Buchmessen-Chef Jürgen Boos verweist im Gespräch mit Morgenpost Online auf die Chance, Schattenseiten eines Landes zu zeigen. Und er sagt, was passiert, wenn namhafte Intellektuelle die Buchmesse boykottierten.

Foto: pa/dpa
Juergen Boos


Juergen Boos (46) übernahm nach mehreren Leitungspositionen in deutschen Verlagen im Jahr 2005 die Geschäftsführung der Frankfurter Buchmesse. Im Interview sieht er dem Auftritt Chinas auf der Buchmesse optimistisch entgegen. Die Buchmesse richte keine Selbstdarstellung politischer Verlage aus. Sie sei Plattform zur Präsentation des Buches aller Kulturen. Deswegen sieht er Chancen der Buchmesse. Nämlich unterschiedlichen Verlagen und damit auch Kulturen Möglichkeit zu Austausch und Diskussion geben. Dadurch kämen sowohl positive, als auch negative Darstellungen ins Augenmerk der Öffentlichkeit.

*

Morgenpost Online: China wird 2009 Ehrengast der Buchmesse sein. Das Regime des Landes wird dabei Gelegenheit haben, das Kulturleben nach seinen Vorstellungen glanzvoll zu präsentieren. Den Vertrag zu diesem Auftritt haben Sie vor den gewaltsam niedergeschlagenen Unruhen in Tibet geschlossen. Wie sehen Sie den geplanten Auftritt heute?

Juergen Boos: Bevor wir China einluden, war uns klar, dass wir damit die kulturelle Präsentation eines politisch umstrittenen Landes auf der Messe haben werden. Umstritten insbesondere in unserer Branche mit Blick auf die Meinungsfreiheit. Tibet ist da ja nicht der einzige brisante Punkt. Brisant ist auch das Verhältnis Chinas zu Taiwan oder die Unterdrückung religiöser Minderheiten. Wir haben uns dann dennoch, oder gerade deshalb dafür entschieden, China einzuladen. Die Buchmesse ist eine Gelegenheit, auf die Kultur und Kulturindustrie eines Landes ein Schlaglicht zu richten – und dabei auch die Schatten zu zeigen.

Morgenpost Online: Was heißt das konkret? Beim Gastlandauftritt Chinas wird doch zum Beispiel die Kultur Tibets nur so dargestellt werden, wie die offizielle Politik Pekings sie sieht.

Boos: Die Frankfurter Buchmesse ist grundsätzlich Plattform, das heißt, sie schafft die Möglichkeit für die Selbstdarstellung der Verlagsbranche. Ich gehe davon aus, dass die Kultur Tibets von den unterschiedlichen Gruppierungen ganz unterschiedlich dargestellt werden wird. Alle werden auf der Buchmesse ihren Platz finden. Ob das exiltibetische Verlage sind, ob das indische Verlage sind, ob das Amnesty International ist, ob das die PEN-Clubs sind.

Morgenpost Online: Der offizielle Auftritt Chinas wird 2009 allerdings einen besonderen Raum auf der Messe einnehmen. Er steht gewissermaßen im Schaufenster. Gibt es Pläne, den Exiltibetern von der Messe aus auch Gelegenheit zur Selbstdarstellung einzuräumen?

Boos: Die Buchmesse ist keine politische Organisation. Wir sind eine Plattform, die Raum bietet für eine Vielfalt von Strömungen. Natürlich dürfen sich auch tibetische Verlage darstellen. Aber es ist nicht an uns, solche Selbstdarstellungen auszurichten. Wir organisieren vor der Messe ein politisches Symposium, auf dem alle brisanten Themen aufgegriffen werden – im Oktober dieses Jahres zum Beispiel eines zur aktuellen Diskussion der Türkei in Europa. Ein solches Symposium ist auch Teil des Auftrittes Chinas im Jahr 2009.

Morgenpost Online: Im Gegensatz zum chinesischen Regime haben die Tibeter allerdings nur beschränkte wirtschaftliche Mittel. Falls sich westliche Verlage zusammenschlössen, um auf der Buchmesse gemeinsam der exiltibetischen Kultur ein Forum zu bieten – würde die Buchmesse sie unterstützen?

Boos: Das wäre mit Sicherheit möglich. Sie erinnern sich vielleicht: Als Ayatollah Khomeini im Jahr 1989 seine Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie aussprach, schlossen sich in Deutschland etliche Verlage zusammen, um sein Buch "Die satanischen Verse" hierzulande zu publizieren. Diese Initiative fand hauptsächlich auf der Buchmesse statt, und die Messe hat sich daran aktiv beteiligt.


Morgenpost Online ONLINE: Bei der Pariser Buchmesse 2004, die einen China-Schwerpunkt hatte, verhinderte China, dass der im französischen Exil lebende chinesische Literaturnobelpreisträger Gao Xingjian eingeladen wurde. Wird Gao Xingjian 2009 zur Frankfurter Messe eingeladen sein?


Boos: Ja, wenn er von einem seiner in- oder ausländischen Verleger eingeladen wird. Die Buchmesse selbst initiiert keine Einladungen.

Morgenpost Online: Gilt das gleiche auch für andere Regimekritiker wie den Lyriker Bei Dao oder eben den Dalai Lama?

Boos: Ja.

Morgenpost Online: Französische Intellektuelle, darunter Bernhard Henri-Levy, André Glucksmann und Jack Lang haben kürzlich wegen Tibet zum Boykott der Olympischen Spiele in Peking aufgerufen. Wie würden Sie reagieren, falls namhafte westliche Intellektuelle wegen des Ehrengastes China 2009 die Buchmesse boykottieren?

Boos: Wir würden die Diskussion suchen. Wir würden ein Plenum organisieren, um über diese Frage, diese Boykottabsicht zu reden und würden zu diesem Plenum auch chinesische Intellektuelle einladen. Das ist unsere Rolle, unsere Aufgabe: eine Plattform, eine Basis zu schaffen für den Austausch von Ideen, und für eine Selbstdarstellung des Buches zu sorgen. Und das Buch ist immer auch politisch. Aber bei allen politischen Gegensätzen liegt uns daran, die kulturellen Kontakte und Dialoge nicht abreißen zu lassen.

Morgenpost Online: Das Buch ist immer auch das Symbol für die Freiheit des Wortes und Gedankens. Muss man vor diesem Hintergrund nach politischen Ereignissen, bei denen Meinungsfreiheit gewalttätig unterdrückt wird, nicht doch erst einmal die Kontakte zu dem jeweiligen Regime abbrechen? Nicht weil man hofft, politisch etwas zu verändern, sondern aus symbolischen Gründen?

Boos: Ja, der Meinung bin ich auch. Nach einem Massaker wie auf dem Platz des himmlischen Friedens 1989 wäre ein Auftritt Chinas als Ehrengast einer Buchmesse sicher nicht denkbar gewesen.

Morgenpost Online: Im Herbst dieses Jahres wird die Türkei Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein. Vor einem Jahr wurde der Journalist Hrant Dink von einem Nationalisten erschossen, der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk ist vor der nationalistischen Hetze in seinem Land für längere Zeit in die USA ausgewichen. Jetzt gerade wurde die türkische Menschenrechtlerin Eren Keskin zu sechs Monaten Haft verurteilt, weil sie dem türkischen Militär in einem Interview zu viel Einfluss auf die Politik vorgeworfen hat. Mit welchen Erwartungen sehen Sie heute dem Auftritt der Türkei entgegen?

Boos: Wir haben gewisse Erwartungen, und die beziehen sich insbesondere darauf, dass wir im Herbst einen liberalen Auftritt der Türkei erleben werden. Er soll dazu beitragen, in der Türkei ein Klima der Meinungsfreiheit herzustellen, in dem sich solche Dinge, nicht wiederholen können. Wir haben erste Informationen darüber, welche Verlage aus der Türkei zu diesem Auftritt anreisen: Es wird die ganze Bandbreite türkischen Kultur präsentiert werden, darunter auch kurdische Verlage. Der Auftritt soll der türkischen Verlagsbranche in ihrer Vielfalt dienen und hat keinen politischen Sendungsauftrag.

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