Wallace-Tagebuch Teil 13
Hirsche für den Bürger des Nichts
Es ist eine der spektakulärsten Neuerscheinungen des Jahres: Die Übersetzung von "Infinite Jest", dem Meisterwerk von David Foster Wallace. 100 Tage lang liest Morgenpost Online je 16 Seiten von "Unendlicher Spaß" und versucht eine Deutung des Stoffes. Heute: Eine Rede an die Nation in der Wüste.
Von Elmar Krekeler
4. September
Ein Abend unter Hirschen. Mainz. Hauptquartier des Wehrbereichs II. Hirschgeweihe. Geradeaus hängt eine Gemse (heißt die jetzt schon Gämse oder hieß sie immer schon so). Selten so bewacht gefühlt. Männer in Uniformen umstellen lauter Literaten. der SWR stellt vor, wer den Preis der Bestenliste nächste Woche kriegen könnte. 21.36 Uhr. Stilles Wasser, muss gleich noch arbeiten.
Zurück aus den Fußnoten im Sanitärbereich der E. T. A. Jungs. Kein Wunder, dass mich - aber das muss ich hier ein bisschen leiser schreiben - die paar kasernierten Monate unter Männern so pustelig gemacht haben. Hormonüberschuss. Tennisballknetende Spätpubertierende. Alle lädiert.
Tennis kann nicht gesund sein, heile kommt da keiner raus. Inmitten des Überschaubaren ein Miniessay über die Defäkationshaltung (die hatten wir schon gleich am Anfang), also jener Haltung, die man einnimmt, wenn man was durchmacht. Hinreißend. Kacken ohne daran zu denken wird lange nicht mehr gehen.
Und dann sind wir wieder in der Wüste. Und der Sog ist wieder da. Ein Absatz über den Dämmerschatten der Wüste. So dunkel, einfach, klar und so leer. Marathe und Steeply, dessen Brustprotesen unentschieden in die Gegend schielen. Es geht um Wirklichkeit und Literatur, die wahren Gründe für den Untergang von Troja, um Liebe und um Politik. Und wofür von beiden man sterben.
Marathe hält eine Rede an die Nation. Ich bekenne mich hiermit zur Gefühlsduselei, die Marathe in seinem Rollstuhl nicht müde wird in den Boden der Wüste zu reden. Für meine Liebe würde ich sterben. Der Staat ist mir schnurz. Jedenfalls was das Sterben angeht. Eine Abhandlung über das Wort Fanatiker, das, sagt Marathe, nichts bedeutet als Gläubiger im Tempel. Was glaubt denn nun der Gläubige, vor welchem Tempel.
"Was ist, wenn es einmal keine Wahl gäbe, was zu lieben wäre", fragt Marathe. Ist keine Frage. "Dann, in solchen Fällen, bist du ein Fanatiker des Begehrens, ein Sklave der Gefühlsduselei deines individuellen, subjektiven und beschränkten Selbsts; ein Bürger des Nichts. Du wirst zum Bürger des Nichts. Du bist auf dich gestellt, allein und kniest vor dir selbst." Der Bürger des Nichts fällt, wird hin und her geweht. Tragisch, unfrei, verloren.
Keine Ahnung von der Liebe, der Mann. Oder vielleicht doch. Bin jetzt schon mal gespannt, wohin diese Fanatikerdiskussion DFW noch strudeln wird. Und grüße - euer Bürger des Nichts.
David Foster Wallace: Unendlicher Spaß. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 1547 S., 39, 90 €.
Weitere Autoren, die über "Unendlicher Spaß" schreiben, finden Sie auf der Seite www.unendlicherspass.de .
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
- Wallace-Tagebuch Teil 27: "Man kann eine Glocke nicht entläuten"
- Wallace-Tagebuch Teil 12: Warme Milch gegen das Fußnotenproblem
- Wallace-Tagebuch Teil 14: Ein gigantisches schmutziges Erzähl-Babel
- Wallace-Tagebuch Teil 14: Hiphoppende Blumenbar und ein eingeölter Guru
- Wallace-Tagebuch Teil 15: Lügen und ein Fall von dusseligem Unfall am Bau
- Wallace-Tagebuch Teil 16/17: Alles Roger mit der Witwe Suhrkamp
-
00:08Präsidentschaftswahl: Unterlegener Kandidat in Ägypten will gegen Wahler...
-
00:00Verkehrssünder: Flensburger Punktedatei soll weiter verschärft...
-
26.05.2012Festnahme: Toter in Friedrichshainer Bar: Verdächtiger gefass...
- 1. Relegationsspiel Hertha BSC und der Abstieg ohne Gnade
- 2. Formel 1 in Monaco Strafversetzung verdirbt Schumacher nicht die Laune
- 3. Nach Berufung Hertha BSC schickt seine Spieler in den Urlaub
- 4. Relegationsspiel Hertha BSC gibt sich offenbar geschlagen
- 5. Stromerzeugung Solaranlagen liefern so viel Strom wie fast 20 Atommeiler














