11.05.13

Schmargendorf

Dirigent Thielemann übernimmt Schirmherrschaft für Hospiz

Im Herbst soll das neue Hospiz in Schmargendorf eröffnen. Dirigent Christian Thielemann übernimmt die Schirmherrschaft. Im Interview sprach er über das Hospiz, Musik als Trauerhilfe und das Sterben.

Foto: dpa

Dirigent Christian Thielemann, Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, engagiert sich für das Berliner Hospiz-Projekt
Dirigent Christian Thielemann, Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, engagiert sich für das Berliner Hospiz-Projekt

Ein würdevolles Sterben im Kreise von Familie und Freunden – das ist das Anliegen der Hospizbewegung, und das wünschen sich sicherlich auch die meisten Menschen. Der Bedarf an Hospiz-Plätzen ist groß. In Berlin sterben jährlich 30.000 Menschen. Fast die Hälfte davon im Krankenhaus, die andere Hälfte zu Hause und in Pflegewohnheimen, nur ein geringer Teil in Hospizen. In Berlin gibt es 13 Hospize mit 190 Plätzen. Einen Platz zu erhalten, ist schwer. Die Paul-Gerhardt-Diakonie baut gerade auf dem Gelände des Martin-Luther-Krankenhauses in Schmargendorf ein Hospiz und schließt damit eine Lücke in der eigenen Versorgungskette. Im kommenden Herbst soll das Haus mit den 14 Zimmern eröffnen. Christian Thielemann, Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, hat die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen.

An der Besichtigung des Hospizes am Freitag konnte er nicht teilnehmen, er hat der Berliner Morgenpost aber vorher ein Interview gegeben. Brigitte Schmiemann sprach mit ihm. Als einer der weltweit gefragtesten Dirigenten gastiert der Berliner an den führenden Opernhäusern sowie auch bei den Berliner und Wiener Philharmonikern. Er arbeitet mit den Orchestern in New York, Philadelphia und Chicago zusammen, mit dem Israel Philharmonic Orchestra ebenso wie mit dem Philharmonia Orchestra in London sowie dem Concertgebouworchester Amsterdam.

Berliner Morgenpost: Herr Thielemann, wie sind Sie vom Dirigentenpult zur Schirmherrschaft für ein Hospiz gekommen?

Christian Thielemann: Ich denke, alle Menschen machen sich zu den unterschiedlichsten Zeitpunkten Gedanken, wie sich das Ende des Lebens gestaltet. In den letzten Jahren starben einige für mich sehr wichtige und besondere Menschen. Wir alle hoffen aus voller Gesundheit einfach morgens nicht mehr aufzuwachen. Dass die Realität sich oft anders darstellt, habe ich nun mehrmals persönlich miterleben müssen. Als ich gefragt wurde, ob ich die Schirmherrschaft für das Paul-Gerhardt-Diakonie-Hospiz übernehmen könnte, habe ich dieses sehr gerne getan. So kann ich meinen Beitrag leisten, einem Thema, das für lange Zeit ein Tabu war, mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu geben.

Das Thema Sterben wird oft verdrängt, in der Musik kommt es hingegen häufig machtvoll wie in den Werken Richard Wagners zum Ausdruck. Hat Sie auch die Musik zum Thema Sterben/Hospiz geführt?

Besonders die Musik gibt Gefühlen, sei es Glück, sei es Trauer, einen besonderen Ausdruck. Professionell habe ich tagtäglich mit diesen Gefühlen zu tun, erlebe diese jedoch eher als Teil eines Werkes und seiner Interpretation. Der Umgang mit dem Thema Sterben ist etwas ganz persönliches, etwas schicksalhaftes – die Musik kann bei der Trauer helfen.

Haben Sie (trotzdem im wirklichen Leben) also eher Berührungsängste mit dem Tod, so wie die meisten Menschen?

Natürlich! Rational weiß man, dass von Geburt an die biologische Uhr tickt. Wenn es dann aber soweit ist, dass ein geliebter Mensch stirbt, so will man es nicht wahrhaben. Ein Trost mag das Alter des Sterbenden sein, eine Lücke hinterlässt der Tod aber immer. An sein eigenes Schicksal mag man schon gar nicht denken. Um dieses aber selbstbestimmt beeinflussen zu können, empfehle ich jedem – so schwierig der Gedanke ist – Vorsorge durch beispielsweise eine Patientenvollmacht zu treffen.

Was schätzen Sie an dem zukünftigen Paul-Gerhardt-Diakonie-Hospiz besonders, was wird es von anderen unterscheiden?

So wie ich die Pläne bisher kennen gelernt habe, soll mit dem Hospiz ein besonders wohnlicher Ort, eingebettet in die Natur, geschaffen werden. Hier sind durch die Gestaltung der Räume umfangreiche familiäre, kulturelle und spirituelle Angebote umsetzbar. Besonders beeindruckt bin ich von dem Konzept für Familien, das Hospiz für Jung und Alt zu öffnen. So gibt es einen großen Raum, der für Familien und junge Erwachsene bestimmt ist, in dem zusammen gespielt, gemalt wird und in dem auch Kinder betreut werden können. Die Gartenanlagen sollen die Möglichkeit geben, die Jahreszeiten zu erleben und sich zu besinnen. Ich denke, mit dem Paul-Gerhardt-Hospiz entsteht ein Rückzugsort, geprägt vom diakonischen Gedanken des Helfens und der Nächstenliebe.

Ein Hospiz-Gedanke ist es auch, dass das Sterben wieder mehr ins Leben integriert werden soll. Niemand möchte einsam zu Hause sterben müssen oder relativ anonym in einem Krankenhaus. Dies ist aber immer häufiger der Fall. Müsste der Staat hier nicht viel mehr Unterstützung leisten?

Vor 100 Jahren war es eine Selbstverständlichkeit, dass Sterbende zu Hause von ihren Familien betreut wurden. Heute hat sich durch moderne Lebenskonzepte und Anforderungen, besonders beruflicher Art, das Familienleben geändert. Man ist nicht mehr so ortsgebunden, und besonders in Großstädten gibt es immer mehr Singlehaushalte. Die Bedürfnisse und Angebote am Ende des Lebens haben sich stark gewandelt. Die Gesellschaft und der Staat müssen darauf eingehen und zusammen neue Wege suchen. Dies geschieht, soweit ich das beurteilen kann, mit der Hospizbewegung, die von der Gesellschaft initiiert wurde und vom Staat mehr und mehr aufgegriffen wird.

Was wünschen Sie den Menschen, die in dem neuen Hospiz ihren letzten Lebensabschnitt verbringen und sich auf das Sterben vorbereiten? Und was wünschen Sie den Mitarbeitern und Ehrenamtlichen im Hospiz, die die Kranken auf ihrem letzten Weg begleiten?

Für mich als Musiker ist es wichtig, ein harmonisches Klangbild zu schaffen, denn dieses ermöglicht, das Gesamtwerk zu verstehen und es zur vollen Wirkung zu bringen. So ist es besonders wichtig, eine Atmosphäre der inneren Ruhe und Harmonie im Paul-Gerhardt-Diakonie-Hospiz zu schaffen, damit ein Abschied in Frieden, in Geborgenheit ermöglicht wird. Diesen schwierigen Weg des Einklanges herzustellen, erfordert viel Kraft und Einfühlungsvermögen, hierfür wünsche ich Stärke und Durchhaltevermögen.

In welcher Form werden Sie als Schirmherr das Hospiz-Projekt unterstützen?

Als Schirmherr bemühe ich mich, die Wichtigkeit der Hospizbewegung und die Aufgabe des Paul-Gerhardt-Diakonie-Hospizes mehr und mehr in die Öffentlichkeit zu tragen. Gerne werde ich bei besonderen Aktionen helfen.

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