Premiere in Berlin
Neues Hochhuth-Stück - Viel Lärm um wenig
Das Theater vorher war viel größer als der Theaterabend selbst. Der Dramatiker Rolf Hochhuth hat am Sonntag in Berlin in einem Ausweichquartier sein Stück "Sommer 14" gezeigt. Die Premiere war aber nicht der letzte Akt in seinem wochenlangen Streit mit dem Berliner Ensemble. "Jetzt geht der Kampf erst los", sagte Hochhuth.
Von Caroline Bock
Ursprünglich wollte Hochhuth in der Sommerpause das Stück über den Beginn des Ersten Weltkrieges am BE aufführen, was die Bühne ihm wegen eines Fristversäumnisses und Bauarbeiten verweigerte. Das Theater gehört dem 78-Jährigen über eine Stiftung. Intendant Claus Peymann ist über den Senat, der Pächter ist, sein Untermieter. Der Streit gipfelte darin, dass Hochhuth am Donnerstag das Haus stürmte und mit Peymann und der Berliner Kulturpolitik abrechnete.
Vor Gericht war der Dramatiker gescheitert. So zog er mit seiner Inszenierung in die Urania, ein Veranstaltungszentrum im alten Westen. Bei der Premiere blieben viele Plätze leer. Allerdings war Hochhuth ("Der Stellvertreter", "Wessis in Weimar") nach den Querelen die Aufmerksamkeit der Kritiker sicher. Nach knapp drei Stunden war der Applaus eher höflich als euphorisch. Ein Zuschauer schnarchte in der ersten Hälfte der Geschichtslektion, die verdienstvoll recherchiert, aber altbacken inszeniert ist.
Hochhuth erzählt in elf Bildern Ereignisse rund um den Beginn des Krieges vor 95 Jahren. Die Akteure tragen historische Kostüme, Pickelhaube und Backenbart, die Kulissen sind schlicht und wie aus dem Volkstheater. Zwischen den Szenen gibt es Klavier- und Gesangseinlagen, bei denen auch der "Tod" in verschiedenen Varianten auftritt. Der Realismus geht soweit, dass englische Figuren mit englischem Akzent sprechen oder dass jemand wie in der Schauspielschule theatralisch auf den Boden fällt, wenn er von der Pistolenkugel getroffen wird.
Zahlreiche historische Gestalten, darunter Kaiser Wilhelm II. (mit hängendem Arm), Winston Churchill, Reichskanzler Bethmann Hollweg und Admiral Tirpitz (mit Rauschebart), treten auf. An einigen Stellen ist das Stück lehrreich: Wer weiß schon, wie entsetzt die Chemikerin Clara Haber war, dass ihr Mann für den Krieg tödliches Giftgas entwickelte und dass sie sich deswegen umbrachte? Zugute halten kann man Hochhuth auch, dass bei der Inszenierung ausschließlich Arbeitslose mitwirken.
An der pazifistischen Moral gibt es nichts zu rütteln. "Der Krieg 1914 – 1918 ist nicht ausgebrochen, wie immer geschrieben wird, er ist gemacht worden, mit der Vehemenz, mit der er gewollt wurde", schreibt Hochhuth im Programmheft. "Ein Tier kann ausbrechen, ein Krieg muss entwickelt werden."
"Sommer 14 – Totentanz" wurde ironischerweise einst von Peymann in Auftrag gegeben. Uraufführung war 1990 am Akademietheater der Burg in Wien. Ob er sich mit Peymann – Hochhuth nennt ihn ein "unanständiges Lebewesen" – nach dessen Sommerurlaub zur Versöhnung an einen Tisch setzen würde? Der 78-Jährige winkt ab: "Er ist vollkommen unfähig, das zu tun." Warum sich Hochhuth den ganzen Ärger zumutet? "Das ist mein Beruf, ich bin Schriftsteller. Ich habe nichts anderes gelernt."
Am 28. September geht es vor dem Landgericht weiter. Dort will sich Hochhuth gegen eine theaterfremde Nutzung des Berliner Ensembles wehren, wie sein Anwalt, der CDU-Kulturpolitiker Uwe Lehmann-Brauns, schildert. Dass der Autor dem Senat den Vertrag für das Theater gekündigt hat – das hält der Jurist aber nicht für sinnvoll.
"Sommer 14 – Ein Totentanz" läuft noch bis Mittwoch jeden Abend an der Urania.
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