11.04.13

Bühnen

Neugierig, aber reichlich untreu – So ist das Berliner Publikum

Zuwächse und Abstürze: Für die Zuschauer zählt immer mehr, was sie sehen, und weniger, wo sie es sehen. Insgesamt haben drei Millionen Besucher die Vorstellungen gesehen.

Von Stefan Kirschner
Foto: picture alliance/ dpa

Spitze: 50,10 Euro erlösen die Berliner Philharmoniker im Schnitt pro Karte. Das Foto zeigt den Dirigenten Sir Simon Rattle mit seinen Musikern anlässlich der Jubiläumsfeier der Europäischen Union in der Philharmonie
Spitze: 50,10 Euro erlösen die Berliner Philharmoniker im Schnitt pro Karte. Das Foto zeigt den Dirigenten Sir Simon Rattle mit seinen Musikern anlässlich der Jubiläumsfeier der Europäischen Union in der Philharmonie

Drei Millionen Besucher haben die 9403 Vorstellungen der staatlich geförderten Theater und Orchester in Berlin im vergangenen Jahr gesehen. Das ist ein deutlicher Zuwachs im Vergleich zu 2011, aber der ist in diesem Fall der Statistik geschuldet. Denn 2012 sind mit den beiden Kudammbühnen und dem Schlosspark-Theater zwei Einrichtungen dazugekommen, die im Rahmen der neuen Förderung im Bereich der Boulevardtheater finanziell vom Land unterstützt werden. Beide Bühnen verkauften zusammen etwa 300.000 Karten – und ziemlich genau im diesen Wert stiegen die Besucherzahlen auch an. Unterm Strich ist aber trotzdem nicht alles beim Alten geblieben: Es gab offenbar interessante Wanderbewegungen zwischen den einzelnen Häusern. Die Volksbühne, das Grips Theater und die Komische Oper zählten beim Publikum zu den großen Gewinnern.

Zufriedener Bürgermeister

Das geht aus dem Jahresbericht 2012 über die "finanzielle Entwicklung der landeseigenen Theater- und Orchesterbetriebe" hervor. Das 41 Seiten starke, vor Zahlen strotzende Werk aus der Senatskanzlei liegt der Berliner Morgenpost vor. Es soll übernächste Woche im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses besprochen werden. Im Vorwort schreibt der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der auch den Kulturbereich verantwortet, das die institutionell geförderten Theater und Orchester "erwartungsgemäß das Bühnenjahr 2012 erfolgreich abgeschlossen haben". Das klingt selbstbewusst, sollte die Abgeordneten aber nicht davon abhalten, sich etwas ausführlicher mit dem Bericht zu beschäftigen. Denn die Senatskanzlei beschränkt sich bei ihren Bewertungen auf einen Vergleich zwischen den von den Bühnen prognostizierten Werten mit den Ist-Werten; wir vergleichen die aktuellen Ergebnisse mit denen des Vorjahres.

Volksbühne im Aufwind

2012 war im Bereich der Sprechtheater das Jahr der Volksbühne. Das von Frank Castorf geleitete Haus verzeichnete mit 143.000 Besuchern rund 8000 mehr als 2011, die Auslastung stieg von 64 auf 76 Prozent. Anteil daran dürfte auch die Rückkehr von Herbert Fritsch haben. Der war ein beim Publikum berüchtigter Schauspieler, weil er zu später Stunde gern ausgiebig improvisierte, was den ohnehin langen Abend nochmals verlängerte. Er verließ schließlich das Volksbühnen-Ensemble und startet eine Regie-Karriere. Erst in der Provinz, aber nachdem er mit Arbeiten aus Oberhausen und Schwerin zum Theatertreffen eingeladen wurde, standen ihm auch die großen Häuser offen. Seine Inszenierungen "Eine (s)panische Fliege" und "Murmel Murmel" gehören zu den Hits an der Volksbühne – und erschließen dem Haus offenbar auch neue Publikumskreise. Rege nachgefragt werden diese Vorstellungen beispielsweise von Besucherorganisationen wie der Freien Volksbühne, wie Geschäftsführerin Alice Ströver bestätigte.

Andere Theater verlieren

An den anderen vier Staatstheatern geht die Entwicklung in die andere Richtung: Die Zahl der Besucher am Maxim Gorki Theater ging von 92.000 auf 80.000 zurück, die Auslastung sank von 76 auf 69 Prozent. Die Schaubühne hatte im vergangenen Jahr in Berlin (Gastspiele bleiben in dem Bericht unberücksichtigt) 100.000 Besucher, rund 6000 weniger als im Vorjahr, die Auslastung ging von 80 auf 77 Prozent zurück. Vorstellungen des Deutschen Theater besuchten 162.000 Menschen und damit 3000 weniger als 2011, die Auslastung lag im vergangenen Jahr bei 73 Prozent (2011: 75 Prozent). Auch das Berliner Ensemble (BE) musste einen Rückgang hinnehmen: Die Zahl der Zuschauer ging um knapp 7000 auf 182.000 zurück, die Auslastung von 83 auf 79 Prozent – das reicht aber immer noch in beiden Kategorien für den ersten Platz in der Gruppe der Staatstheater. Und auch was den Zuschuss pro Karte angeht, ein Indiz für Wirtschaftlichkeit, wie Intendant Claus Peymann immer gern betont, bleibt das BE in dieser Gruppe vorn: Mit durchschnittlich 67 Euro wird eine Karte bezuschusst, bei der Volksbühne sind es 115 Euro.

Staatsoper Unter den Linden legt zu

Ein noch größeres Zuschauerplus als die Volksbühne verzeichnete das Grips Theater, das im vergangenen Jahr 89.000 Besucher zählte, nahezu 13.000 mehr als 2011, die Auslastung stieg auf 83 Prozent. Die von Stefan Fischer-Fels geleitete Einrichtung punktete mit einem Erwachsenenstück – allerdings geht es in der Erfolgsinszenierung "Frau Müller muss weg" um ein schulisches Thema: Auf einem Elternabend soll die Klassenlehrerin zum Rückzug gemoppt werden. Die vermehrte Anzahl von Abendvorstellungen bescherte dem Grips außerdem einen höheren durchschnittlichen Kartenerlös (10,30 Euro statt 8,40 Euro); die Mehreinnahmen sollen zum Abbau des Fehlbetrages aus 2011 und zur Stärkung des Eigenkapitals dienen, so steht's im Bericht der Senatskanzlei.

Philharmonie ist spitze

Spitze bei den Erlösen pro Karte sind naturgemäß Einrichtungen, die eine Klientel ansprechen, die willens und fähig ist, etwas mehr Geld für einen Abend auszugeben: Dazu zählen Besucher der Philharmonie: 50,10 Euro erlöst Berlins Top-Orchester im vergangenen Jahr im Schnitt pro Karte. Fast gleichauf liegen der Friedrichstadt-Palast (45,70 Euro) und die Staatsoper (45,40 Euro). Andere Orchester kommen auf deutlich geringere Ticketerlöse: Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt liegt mit 22 Euro zwischen den Kudammbühnen (23 Euro) und dem Schlosspark Theater (21,40 Euro), die Rundfunk-Orchester und Chöre GmbH kommt auf 24,70 Euro. Zum Vergleich: Bei der Deutschen Oper lag der durchschnittliche Kartenerlös bei 38 Euro, beim Staatsballett bei 34,20 Euro und bei der Komischen Oper bei 23,70 Euro.

Bei der Deutschen Oper ist der Zuschauerrückgang erheblich, die Erklärung dafür aber einfach: Wegen Sanierungsarbeiten musste die Sommerpause verlängert werden, deshalb konnten weniger Vorstellungen gespielt werden, wie Pressesprecherin Kirsten Hehmeyer sagte. Die Deutsche Oper setzte 34.000 Tickets weniger ab, weil die Vorstellungen aber durchschnittlich besser besucht waren, stieg die Auslastung von von 73 auf 75 Prozent.

Mit 218.000 Zuschauern ist Berlins größtes Opernhaus immer noch das meistbesuchte. Neben der Staatsoper, die in ihrer Ausweichspielstätte Schiller-Theater über 6000 Tickets mehr verkaufen konnte und 189.000 Zuschauer hatte (die Auslastung stieg von 76 auf 83 Prozent), konnte die Komische Oper punkten: Die Zahl der Besucher stieg um 23.500 auf 181.000. Ein Verdienst von Neu-Intendant Barrie Kosky, dem es mit spektakulären Produktionen gelungen ist, eine jahrelange Stagnation zu beenden. Jetzt muss er das neu gewonnene Publikum nur noch halten. Keine leichte Aufgabe in einer Stadt mit diesem vielfältigen Angebot. Und einem Publikum, das wanderwillig ist.

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