Szene
New Yorker lieben deutsche Kunst und Clubmusik
Unsere Kultur ist auch in den Staaten gern gesehen: Im Interview mit Morgenpost Online verrät Stephan Wackwitz, Leiter des Goethe-Instituts in Manhattan, dass die deutsch-amerikanischen Beziehungen gar nicht so spröde sind und warum Berlin locker mit New York mithalten kann.
Von Hannes Stein
Morgenpost Online: Sie erfinden gerade das Goethe-Institut in New York neu. Warum?
Stephan Wackwitz: Aus der Not heraus. Wir haben ein Problem mit der Feuersicherheit in unserem Hauptgebäude an der Fifth Avenue.
Morgenpost Online: Das Gebäude entspricht nicht den deutschen Vorschriften?
Wackwitz: Den amerikanischen auch nicht, man käme im Brandfall nicht mehr hinaus. Das nehmen wir jetzt zum Anlass, mit neuen Örtlichkeiten weiter im Süden von Manhattan zu experimentieren. Unser Ausstellungsraum in der Ludlow 38 ist so etwas wie unser Innovationsmotor in der bildenden Kunst. Jetzt kommt noch das Wyoming Building dazu.
Morgenpost Online: Was ist der Hintergrund?
Wackwitz: Das Gebäude an der Fifth Avenue gegenüber dem Metropolitan Museum wurde vom Goethe-Institut in einer ganz spezifischen Situation bezogen. Ende der Fünfziger-, Anfang der Sechzigerjahre war es so etwas wie ein psycho-geografischer Brennpunkt der deutschen Auslandskultur. Dort saßen die alteingesessenen Deutschen, die am "German Broadway" und seinen Seitenstraßen noch als geschlossenes Siedlungsgebiet sichtbar waren.
Morgenpost Online: Wo war der "German Broadway"?
Wackwitz: Von der 86. Straße East aufwärts bis zur 96. Straße. Heute existieren nur noch Restbestände davon: eine bayerische Bäckerei, ein paar Feinkostläden und das Restaurant "Heidelberg". Auf der anderen Seite gab es dann die Emigranten, die alles Deutsche liebten und sich dafür interessierten - nur eben nicht für das Land selbst, das sie vertrieben und ihre Verwandten ermordet hatte. Aber 1959 war so ein Explosionsjahr der bundesrepublikanischen Kultur: Die "Blechtrommel" von Günter Grass erschien ...
Morgenpost Online: Auch "Mutmaßungen über Jakob" von Uwe Johnson ...
Wackwitz: Siegfried Unseld übernahm den Suhrkamp-Verlag, Heinrich Böll veröffentlichte "Billard um halb Zehn". Es war eine Art Urknall. Und die Idee war, in dem Gebäude an der Fifth Avenue eine Versöhnung zwischen zwei deutschen Auslandsgruppen herbeizuführen, die nicht mehr miteinander redeten. Im Zeichen eben dieser bundesrepublikanischen Neuerfindung der deutschen Kultur.
Morgenpost Online: Hat die Versöhnung funktioniert?
Wackwitz: Ich glaube, dass sie zum Teil funktioniert hat - und dass sie auch eine Ausstrahlung auf die amerikanische Gesellschaft hatte. Was die Gründer allerdings nicht wissen konnten: dass noch etwas Anderes funktionieren würde, nämlich die Erfindung des neuen deutschen Films auf dem Umweg über New York. Das ist wenig bekannt: Rainer Werner Fassbinders Karriere hat im Grunde in New York begonnen, und dabei hat das Goethe-Institut eine enorme Rolle gespielt.
Morgenpost Online: Erzählen Sie.
Wackwitz: Filme von Fassbinder und Werner Herzog sind auf New Yorker Festivals als ganz faszinierende Beiträge aus Deutschland wahrgenommen worden. "Angst essen Seele auf" etwa war ein großer Hit auf dem Tribeca-Festival. Und erst nachdem Fassbinders Filme in New York gefeiert worden waren - das sagen übereinstimmend alle Zeitzeugen -, hatten sie in Deutschland Erfolg.
Morgenpost Online: Dieser historische Moment ist unwiderruflich passé?
Wackwitz: Ja. Jüngere Leute, die heute hier herüber kommen, die in New York Karriere machen wollen, gehen nicht mehr ins Goethe-Institut. Die gehen aber auch nicht mehr auf die Upper East Side. Die treiben sich in der Lower East Side herum. Und deswegen ist es eigentlich gar nicht so schlimm, dass wir in dem Gebäude an der Fifth Avenue jetzt erst mal eine Pause einlegen. Wir werden das Haus aber später wieder aufmachen - als Ort für "residencies".
Morgenpost Online: Kann man sagen, dass sich das Goethe-Institut unter Ihrer programmatischen Leitung in den New Yorker Stadtraum hinein auflöst?
Wackwitz: Einerseits ja, andererseits werden wir unsere Arbeitsgebiete künftig sehr stark aufeinander beziehen. Das Programm in der Ludlow 38 werden Kunstvereine gestalten, das Programm im Wyoming Building bestreiten wir selber. Unsere Bibliothek liegt künftig in der Spring Street. Sie müssen bedenken, dass die Upper East Side kulturell ausgesprochen konservativ konnotiert ist. Das Metropolitan Museum ist ja wie der Vatikan! Mit dem Wyoming Building siedeln wir uns dagegen von jetzt an in der Nähe des New Museum an - also bei den Ketzern, um in der theologischen Metapher zu bleiben.
Morgenpost Online: Leiden Sie ganz furchtbar darunter, dass sich die Amerikaner nicht für Deutschland interessieren?
Wackwitz: Dieses Vorurteil ist falsch. Die Amerikaner interessieren sich sehr für Deutschland: für deutsche Kunst und deutsche elektronische Clubmusik. Vor allem interessieren sie sich brennend für Berlin. Wahr ist, dass die Amerikaner kein Interesse an deutscher Literatur haben. Sie übersetzen sie nicht, und sie lesen sie nicht. Vielleicht muss man, wenn es um deutsche Kultur geht, also weniger auf den Schriftsteller und Hanser-Verleger Michael Krüger hören - und mehr auf den Kunsthistoriker und Chefkurator am "MoMA" Klaus Biesenbach.
Morgenpost Online: Was interessiert die Amerikaner an deutscher bildender Kunst?
Wackwitz: Mir scheint, dass wir von vorfaschistischen Image-Restbeständen zehren. Die Berlin-Euphorie etwa knüpft an das Image an, das Berlin vor den Nazis hatte.
Morgenpost Online: Also jenes Berlin, das Christopher Isherwood beschrieben hat.
Wackwitz: Berlin ist künstlerisch konnotiert, es ist erotisch konnotiert, und es gilt außerdem als billig. Das ist sozusagen die Isherwood-Trias. Was hier außerdem fasziniert, ist die demonstrative Düsternis, das Anselm-Kiefer-Gefühl, dass da schwere Zeichen in sich auftürmenden Gewitterwolken über den Atlantik hereingeweht werden.
Morgenpost Online: Weltschmerz, Tiefsinn und Heidegger-Geschwurbel.
Wackwitz: Aber es gibt auch das Gefühl: Hier entsteht etwas Neues in der Mitte Europas, Berlin ist eine alte Metropole, die sich wieder belebt, da müssen wir hin. Seit ich nach New York kam, habe ich ungelogen zwei- oder dreimal den Satz gehört: "Wenn Sie aus Berlin sind, was machen Sie dann eigentlich hier?" Das stimmt mich sehr froh - als Bürger dieser Republik und als kulturellen Organisator.
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