Rückkehr zur Musik
Sven Regener will nicht mehr Herr Lehmann sein
Donnerstag, 30. Juli 2009 11:39 - Von Nadine Lischick.Multitalent Sven Regener, der Autor der "Herr Lehmann"-Trilogie, besinnt sich nach seinen Erfolgen als Schriftsteller wieder seiner anderen Passion. Mit der Berliner Band Element of Crime hat er jetzt das zwölfte Studioalbum eingespielt. Im Gespräch mit Morgenpost Online sagt der Sänger, warum Teamfähigkeit nicht sein Ding ist.
Morgenpost Online: Herr Regener, Sie haben mal zugegeben, dass Sie mit Element of Crime in all den Jahren eigentlich nur drei bis vier Songs geschrieben haben, aber die eben immer wieder.
Sven Regener: Ja klar. Das reicht auch für ein Leben, muss ich sagen. Viele Bands haben nur ein Lied! Das genügt für ein paar Langspielplatten. Mit vier ist man schon sehr gut. Das heißt ja nicht, dass man nur vier aufgenommene Songs braucht, aber es gibt eben bestimmte Themen oder musikalische Stile, die immer wiederkehren und immer wieder neue Ergebnisse bringen. Genau das macht ja auch einen Stil aus, alles andere läuft auf einen Gemischtwarenladen hinaus.
Morgenpost Online: Wie viele von diesen drei bis vier Songs sind auf dem neuen Album "Immer da wo du bist bin ich nicht" zu hören?
Regener: Da fragen Sie was. Zwei bis drei würde ich denken. Das ist wie mit Farben: Einige Alben sind mehr auf der blauen und grünen Seite angesiedelt, andere eher auf der gelben und roten. Ein Maler hat ja auch nur drei genuine Farben zur Verfügung.
Morgenpost Online: Einer der Songs heißt "Deborah Müller". Wie viele Deborah Müllers gibt es auf der Welt?
Regener: Ich schätze mal keine. Das ist einfach ein sehr seltener Name mit einem sehr typischen kombiniert - so ein bisschen wie Toast Hawaii. Oder Sauerkraut Hawaii. Sauerkraut mit Ananas drin. Das ist damit gemeint.
Morgenpost Online: Es gibt aber eine Deborah Müller.
Regener: Kennen Sie eine?
Morgenpost Online: Nein, aber die Suchmaschine Google kennt durchaus eine.
Regener: Dann hoffe ich mal, dass ich keine Klage kriege wegen Persönlichkeitsrechten.
Morgenpost Online: Sie machen mit Element of Crime seit 24 Jahren Musik. Es heißt, während des Studiums seien Sie zu ungeduldig für Gruppenarbeit gewesen und hätten die Sachen oft an sich gerissen. Nun ist Element of Crime ja auch Gruppenarbeit...
Regener: Ja, ich habe diese Angewohnheit auch heute noch teilweise. Teamfähigkeit ist bei mir einfach unterentwickelt. Wir alle tun uns ein bisschen schwer damit, weil keiner von uns auf dieses Gruppending steht, nach dem Motto: "Die Boys halten zusammen". Das funktioniert bei uns nur anhand der Musik. Wie man Songs schreibt, wissen wir. Da gibt es ganz klare Verteilungen der Rollen und Aufgaben.
Morgenpost Online: Erinnern Sie sich noch an die erste Geschichte, die Sie in Ihrem Leben geschrieben haben?
Regener: Nein. An so was erinnere ich mich nicht. Meistens waren das doch Schulaufsätze zu einem bestimmten Thema, oder?
Morgenpost Online: Vielleicht haben Sie ja mit neun schon kurze Geschichten für Ihre Mutter geschrieben.
Morgenpost Online: In Ihren Büchern steckt in jedem der darin auftauchenden Charaktere ein bisschen Sven Regener. Trifft das auf Ihre Songs auch zu?
Regener: Ich glaube schon. Aber nicht so, dass man direkt von den Songs auf mich schließen kann. Als Künstler braucht man immer Distanz. Es kann mal sein, dass man aus der Vergangenheit, einer imaginären Zukunft oder einem Paralleluniversum schöpft. Aber das Hier und Jetzt ist das unfruchtbarste, was es gibt, weil die Distanz fehlt. Das ist etwas, was mich beim Songschreiben überhaupt nicht interessiert. So was schreibt man in ein Tagebuch.
Morgenpost Online: Schreiben Sie Tagebuch?
Regener: Nein. So ein Tagebuch kann ja auch komplett geschwindelt sein, das muss nicht der Realität entsprechen. Was ist überhaupt die Realität, wenn man sie in der Kunst widerspiegeln will? Man weiß es sowieso nicht. Ich weiß nur, dass Distanzlosigkeit sehr kunstfeindlich sein kann.
Morgenpost Online: Im Forum Ihrer Homepage freute sich jüngst jemand darauf, dass der Sänger Frank Lehmann bald mit Element of Crime auf Tournee gehen wird...
Regener: Das ist der "Schwarzwaldklinik"-Effekt, Doktor Wussow. Das ist eben eine Projektion, die da stattfindet. Das darf man nicht persönlich nehmen. Problematisch wäre, wenn ich das selbst verwechseln würde. Das wäre dann wohl ein Fall für den Therapeuten. Aber da bin ich wenig gefährdet.
Zur Person:
Element of Crime wurde 1985 von Sänger, Gitarrist und Trompeter Sven Regener und Gitarrist Jakob Ilja in Berlin gegründet. Die Band nannte sich nach einem Film von Lars von Trier. Bassist David Young und Schlagzeuger Richard Pappik komplettieren heute das Quartett. Das 1987 von John Cale produzierte, noch englischsprachige Album "Try to be Mensch" wurde über 10 000 Mal verkauft. 1991 erschien mit "Damals hinterm Mond" das erste komplett deutschsprachige Album von Element of Crime. Bisher erschienen 12 Alben der Band. Die Arbeiten an der neuen CD "Immer da wo du bist bin ich nie" (siehe Cover) sind jetzt beendet. Sie wird am 18. September veröffentlicht.
Sven Regener wurde am 1. Januar 1961 in Bremen geboren. Nach dem Abitur studierte er Musikwissenschaften in Hamburg und Berlin. 1982 nahm er seine erste LP mit der Berliner Band Zatopek auf. 1984 stieß er zur Gruppe Neue Liebe. 1985 gründete er Element of Crime. 2001 veröffentlichte Regener seinen ersten Roman "Herr Lehmann", in dem er das Leben eines Kreuzberger Barkeepers beschreibt. Das Buch wurde mehr als eine Million Mal verkauft und von Leander Haußmann mit Christian Ulmen in der Titelrolle verfilmt. 2004 erschien der zweite Lehmann-Roman "Neue Vahr Süd". 2008 veröffentlichte er den dritten und letzten Band "Der kleine Bruder".
















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