04.03.13

Sterben Was Menschen im Angesicht des Todes bereuen


Wenn Menschen den Tod vor Augen haben, werden im Rückblick viele Dinge, die einst so wichtig erschienen, unwichtig

Foto: Peter M¸ller / CHROMORANGE / pa/chromorange

Wenn Menschen den Tod vor Augen haben, werden im Rückblick viele Dinge, die einst so wichtig erschienen, unwichtig Foto: Peter M¸ller / CHROMORANGE / pa/chromorange

Von Christiane Oelrich

Weder Geltung, Geld oder Sex spielen bei Sterbenden im Rückblick eine Rolle: Sie bedauern stattdessen eine mangelnde Glückssuche. Eine Pflegerin von Todkranken hat daraus Lebenslektionen destilliert.

In der Hollywood-Version sind Wünsche von Sterbenden grandios: einmal Fallschirmspringen, einmal wie Krösus im teuersten französischen Restaurant in Paris essen, einmal auf Großwildjagd gehen – das alles tun Jack Nicholson und Morgan Freeman in den Rollen der todkranken Patienten Edward und Carter 2007 im Film "Das Beste kommt zum Schluss".

Im wahren Leben haben Sterbende Wünsche, die weder Geld noch Hollywood erfüllen können: Sie bedauern zu viel Arbeit und zu wenig Glückssuche. Das sollten sich die Lebenden hinter die Ohren schreiben, und zwar so früh wie möglich, findet die Australierin Bronnie Ware, die jahrelang Sterbende gepflegt hat. "Keinen meiner Pfleglinge hörte ich rückblickend klagen, er wünschte, er hätte mehr gekauft oder besessen, keinen einzigen", schreibt sie.

Sie hat aus dem, was viele Menschen am Ende ihres Lebens am meisten bedauern, einen Leitfaden für die Lebenden gemacht und damit einen Riesenerfolg gelandet. Ihr Buch "Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen" wurde seit dem Erscheinen im Frühjahr 2012 in viele Sprachen übersetzt. Am 11. März erscheint es auf Deutsch.

Das eigene Glück nicht vernachlässigen

Wares Botschaft: Liebe Dich selbst mehr. "Man sagt sich, dass kann ich ja später noch machen. Aber es ist egal, ob man 40, 50 oder 60 ist – der beste Zeitpunkt, etwas anzupacken, ist immer jetzt sofort", sagt die 45-Jährige. Folge deinem Herzen und nicht nur den Erwartungen anderer Menschen, empfiehl die Autorin.

"Wir sind alle nur eine bestimmte Zeit auf der Welt. Mach Dir das klar und nimm die Dinge in Angriff. Jetzt! Wenn zum Beispiel eine Beziehung keine Ehrlichkeit aushält, beende sie besser. Das ist gesünder, und es macht einen zufriedener, wenn man ehrlich sagen kann, "das passt mir nicht" oder "mir gefällt nicht, was du da machst", so die Autorin.

Der Buchtitel ist allerdings irreführend. Ware berichtet zwar ausführlich über ihre Patienten und die Gespräche. Im Mittelpunkt des Buches steht aber ihre eigene Lebensgeschichte und die Suche nach dem Glück, mit viel Nabelschau und langen Betrachtungen des Seelenlebens der Autorin.

Ware wuchs auf einem Bauernhof auf, ging auf eine Klosterschule und arbeitete in der Bank. Dann schmiss sie den Job aus Angst vor Alltagsroutine und zog in die Welt. Zurück in Australien landete sie mehr aus Verlegenheit und ungelernt in einem Pflegejob – mit Wohnrecht, um Miete zu sparen.

Weisheiten halfen aus der Depression

Während sie die Kranken unterhielt, pflegte und beim Sterben begleitete, halfen die Weisheiten der Kranken ihr aus Depression und Lebensmüdigkeit zurück ins Lebensglück.

"Schauen Sie mich an. Ich sterbe! Wie konnte ich nur jahrelang darauf warten, frei und unabhängig zu sein", lamentiert etwa Wares Patientin Grace, die es jahrelang mit einem kauzigen Mann aushielt. "Ich hätte mir auch ein paar Sachen für mich gewünscht, und dazu hatte ich einfach nicht genug Mut."

Bedauern Nummer eins: sich nicht selbst treu gewesen zu sein, sondern gelebt zu haben, wie es andere erwarteten. Jozsef bedauert zu viel Arbeit, Jude, dass sie ihre Gefühle nicht zum Ausdruck gebracht hat, und Doris tut es um viele eingeschlafene Freundschaften leid.

Rosemary sagt das, was bei Ware selbst einen wunden Punkt berührte: "Ich wünschte, ich hätte mir gestattet, glücklicher zu sein. Was für ein jämmerlicher Mensch ich gewesen bin."

Eine Lektion für die Lebenden

Was Sterbende bedauern, müsste Ware zufolge den Lebenden eine Lektion sein. Zu viele Menschen bedauerten am Ende ihres Lebens verpasste Gelegenheiten. Sterbende würden am meisten bedauern, zu bestimmten Zeiten die falschen oder keine Entscheidung getroffen zu haben.

"Viele Leute denken oft: Ich habe ja keine andere Wahl, aber daraus besteht doch das ganze Leben: sich für das eine oder andere zu entscheiden. Es wird einem später leid tun, wenn man immer nur gelebt hat, um andere glücklich zu machen oder Konflikten aus dem Weg zu gehen", so Ware.

Ware bezeichnet sich in dem Buch als das schwarze Schaf der Familie, mit einer stürmischen Beziehung zu ihrem Vater. Sie driftet, sucht den Sinn des Lebens und erkundet ihren Mangel an Selbstwertgefühl. "Es war ein schwieriger Lernprozess, mir selbst mit Liebe und Freundlichkeit zu begegnen", schreibt sie.

Ware verfasste die Memoiren, wie sie das Buch selbst nennt, während der Schwangerschaft, bevor ihre Tochter Elena vor einem Jahr geboren wurde. Heute arbeitet sie als Autorin und Songschreiberin.

(dpa/oc)
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