27.02.13

Nachruf

Stéphane Hessel, eine Lichtgestalt der Empörung

Mit der Streitschrift "Empört euch!" hat der französisch-deutsche Intellektuelle Stéphane Hessel in der Diskussion um die Finanzkrise Furore gemacht. Jetzt ist er mit 95 Jahren in Paris gestorben.

Foto: AFP

Stéphane Hessel, 1917-2013
Stéphane Hessel, 1917-2013

Kann ein Intellektueller heute ein Mahner sein? Schon das Wort klingt altmodisch; und diese Wahrnehmung wird verstärkt, jedesmal, wenn sich wieder ein Schriftsteller zu Wirtschaftsfragen äußert, die er nicht überschaut. Wer hört ihnen noch wirklich zu?

Stéphane Hessel hörten, als vor zweieinhalb Jahren sein Essay "Empört Euch!" erschien, erstaunlich viele zu: Der kaum vierzig Seiten schmale Band wurde in Frankreich ein Bestseller, weltweit wurden mehr als 4,5 Millionen Exemplare verkauft.

In ganz Europa beriefen sich Protestbewegungen auf die Thesen jenes würdevollen französisch-deutschen Denkers, der das Konzentrationslager Buchenwald überlebt hatte, als Diplomat gedient und als Lyriker und Essayist geschrieben. Auch in Deutschland verkaufte sich das Buch erfolgreich, Hessel wurde, in jenen Jahren unmittelbar nach der Finanzkrise, als rettendes, gutes Gewissen zitiert, er zog durch die Talkshows des Landes.

Hessel war damals dreiundneunzig Jahre alt, er trat wach auf, wütend, wie in letzter Mission, der Welt in seinen elegant feingliedrigen Sätzen so etwas wie ein unhinterfragbares Verständnis für Gerechtigkeit beizubringen.

Klage über Ungleichheit

Besonders ungewöhnlich waren Hessels Thesen nicht. Er forderte ein "entschiedenes Nein" zum "Diktat von Geld und Profit", wollte ein "entschiedenes Ja" zu "umfassender sozialer Sicherheit". Es war die bekannte Klage, unsere Gesellschaft sei von tiefer Ungleichheit gezeichnet und beherrscht von unkontrollierbaren Märkten; eine Formel, die seit der Finanzkrise zur sichersten aller Formeln geworden ist, die Welt zu erklären. Hessel aber hörte man nicht nur trotzdem zu. Man nahm ihn auch ernst.

Stéphane Hessel wird 1917 in Berlin geboren, sein Vater, aus dem jüdisch assimilierten Bürgertum stammend, ist der Schriftsteller Franz Hessel, seine Mutter die mondäne Journalistin Helen Grund. Stéphane wächst, zusammen mit seinem älteren Bruder Ulrich, zwischen Büchern und intellektuellen Gesprächen auf. Sein Schriftstellervater zieht durch die Stadt, Ende der zwanziger Jahre, und schreibt reduzierte Prosastücke, "Spazieren in Berlin" etwa, ein Buch, das Walter Benjamin als das Eintreten des Flaneurs Pariser Prägung in die deutsche Denkwelt feiert.

In der Welt von Widerstand und Intellekt

Wenige Jahre später, gerade hatte er noch mit Hilfe seiner Frau Proust, Balzac und Stendhal ins Deutsche übersetzt, wandert Franz Hessel mit seiner Familie nach Frankreich aus, Stéphane wird 1937 französischer Staatsbürger. Es war die Zeit, in der er, wie er später sagte, nicht ideologisch wurde, aber seinen Sinn für Widerstand entwickelte, überhaupt: die Fähigkeit durch eigenes Denken eine Haltung zu finden und diese auch zu verteidigen.

Nachdem Hessel vor den deutschen Truppen in Paris fliehen musste, schließt er sich der Résistance an. Im Sommer 1944 wird er von der Gestapo gefaßt und nach Buchenwald deportiert. Stéphane Hessel überlebt, weil er die Identität des kurz zuvor verstorbenen Gefangenen Michel Boitel annimmt und aus dem Zug entkommen kann, der ihn nach Bergen-Belsen bringen sollte.

Jene Jahre sind eine Erfahrung, die ihn bis in seine intellektuellen Ansprüche hinein geprägt haben: selbstständig zu denken und zu handeln, gegen alle Widerstände, gleichzeitig aber den Schmerz und die Dankbarkeit zu ertragen, dem Namen nach auch ein Anderer zu sein, eine zweite Identität zu haben, die ihm das Leben rettetet. Bis zuletzt war ihm diese Verbindung von unbedingtem denkerischen Willen und Zeitzeugenschaft anzumerken, sie schien ihn anzutreiben.

"Engagiert Euch!" knüpft an den Erfolg an

Nach dem Erfolg von "Empört Euch!" von 2010 veröffentlichte Hessel kaum zwei Jahre später "Engagiert Euch!". Die deutsche Übersetzung des kurzen Bandes führt der Hinweis an, es handele sich um "ein Gespräch" und eine "Streitschrift", was, ähnlich wie beim vorherigen Essay, modisch und vielleicht etwas gefällig klang. Zwei Jahre lang hatte sich Hessel mit Gilles Vanderpooten unterhalten, einem französischen Journalisten Mitte Zwanzig.

Das Ergebnis war ein Gedankenaustausch zwischen zwei an ihrer Umgebung Interessierten, einer jung, der andere alte, es ging um Entwicklungspolitik, Umweltschutz und die Grundwerte der Demokratie. Am Ende des Buches ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 abgedruckt, an deren Ausformulierung Hessel mitarbeitete. Am Beginn steht ein Appell, der an die Jungen von heute gerichtet ist: "Setzt euch zur Wehr!". Wem gegenüber und wozu, das blieb offen.

Frankfurter Schule und grünes Gewissen

Doch hier gilt, was einen die Figur Hessel lehrt. Betrachtete man allein die Argumente, dann konnte "Engagiert Euch!" manchmal wie ein sozialdemokratisiertes Thesenstück eines Globalisierungskritikers wirken, überzogen von der Skepsis der Frankfurter Schule und dem Gewissen der frühen Grünen. Und tatsächlich, Hessel war eben auch ein sozialliberal Geprägter Linker: Er setzte sich für die Entkolonialisierung, unterstützte die französischen Grünen bei Europawahlen, zuletzt erregte er Aufsehen mit einem wilden, später abgemilderten Vergleich von israelischer Siedlungspolitik mit der deutschen Besetzung Frankreichs.

Es gibt aber darüberhinaus Wahrheiten, die jenseits der Ideologie gelten. Stéphane Hessel war ein aktiver Denker, der gegen die Nationalsozialisten gekämpft und Konzentrationslager überlebt hat, der Sekretär der UN-Menschenrechtskommission war und lange Jahre als Diplomat für die Idee von Europa stritt, Sohn einer Familie, die den geistigen Glanz der zwanziger Jahre mitprägte; wie anders kann man einen solchen Mann beschreiben als eine Lichtgestalt des vergangenen Jahrhunderts?

Und noch eine weitere Wahrheit gibt es. Vor zwei Jahren, es war ein Frühlingsmorgen, traf ich Stéphane Hessel in Berlin, vor der Gründerzeitvilla des Literaturhauses in Charlottenburg, der Gegend seiner Kindheit. In gewähltem, endsilbengenauem Deutsch entschuldigte er sich erst für seine leichte Müdigkeit, um im nächsten Moment Rilke zu zitieren. Er sprach nicht wie jene Intellektuellen, die jede ihrer Bewegungen mit einer gelehrten Fußnote absichern müssen, sondern mit einer eleganten, weil beiläufigen Gebildetheit.

"Ich wollte handeln"

Irgendwann fragte ich ihn nach dem Vater, nach seiner Vergangenheit und Prägung, danach also, woher denn seine Liebe zu einem Denken komme, das nicht in Worten stehenbleibt. Warum wählte er für seine Gedanken die Form der essayhaften Streitschrift und nicht etwa die literarische? "Ach, bei uns zu Hause wurde immer so viel gedacht und geschrieben", sagte Hessel und blickte schildkrötig verschmitzt aus seinem Anzug hervor. Er habe nicht einfach schreiben wollen, sondern zum, handeln anregen.

Manchmal verleiht die Lebensgeschichte Argumenten ein anderes Gewicht. In die späte Klage von Stéphane Hessel brauchte keiner einstimmen, seine Überlegungen zum Zustand unserer Gesellschaft brauchte niemand teilen, doch man musste ihnen großzügig begegnen: weil es so etwas gibt wie eine biografische Wahrheit, die alles andere überstrahlt. Thesen hin oder her.

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ist der wache Mahner Stéphane Hessel im Alter von 95 Jahren in Paris gestorben.

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