24.02.13

Französischer Film

Wer den Frieden stört, wird beim César verlacht

Der österreichische Regisseur Michael Haneke ist der Sieger beim französischen Filmpreis, Hollywoodstar Kevin Costner bekommt einen Ehren-César. Um Frankreichs Filmwirtschaft aber tobt eine Debatte.

Foto: dpa /picture alliance

Offenbar zu Tränen gerührt: Hollywood-Star Kevin Costner reiste einen Tag vor der Oscar-Verleihung nach Paris, um einen Ehren-César anzunehmen und bedankte sich in rührendem Französisch
Offenbar zu Tränen gerührt: Hollywood-Star Kevin Costner reiste einen Tag vor der Oscar-Verleihung nach Paris, um einen Ehren-César anzunehmen und bedankte sich in rührendem Französisch

Das französische Kino präsentiert sich gern als einträchtige Familie, in der große Talente stets auf Anschluss hoffen dürfen. So betrachtet sie den Österreicher Michael Haneke längst als einen der Ihren. Großzügig hat es unlängst auch den Iraner Asghar Farhadi vereinnahmt, der in Paris seinen neuen Film dreht. Wer jedoch den Frieden stört, darf bei alljährlichen Familientreffen, der César-Verleihung, mit Spott rechnen.

Ein Chor von Rotarmisten, der die Marseillaise sang, spielte am vergangenen Freitag launig auf den berühmtesten Steuerflüchtling Frankreichs an, Gérard Depardieu. Gerade war bekannt geworden, dass er in der russischen Provinzhauptstadt Saransk seinen offiziellen Wohnort angemeldet hat: ausgerechnet in der "Straße der Demokratie". Den Schauspieler, dem zwischenzeitlich auch Algerien, Cuba, Montenegro und die Ukraine die Staatsbürgerschaft angeboten haben, suchte man im Pariser Théâtre du Châtelet mithin vergeblich. Er hatte es vorgezogen, eine Aufführung im Bolschoi zu besuchen.

Noch ein weiterer Abtrünniger fehlte am Freitagabend: der Produzent und Verleiher Vincent Maraval, der am 29. Dezember 2012 in der Tageszeitung "Le Monde" eine Polemik gegen die exorbitanten Gagen französischer Stars veröffentlicht und gehörige Unruhe gestiftet hatte. Er rechnete der Branche vor, dass voraussichtlich nur einer der zehn erfolgreichsten französischen Filme nach seiner Kinoauswertung Gewinn abwerfen wird; alle anderen seien Dank der Gier der Schauspieler viel zu teuer.

Sind französische Filmstars zu gierig?

Damit löste er heftige Debatten über das französische Fördersystem aus. Im Detail ist seine Anklageschrift zwar anfechtbar – er irrte sich bei der Höhe etlicher Gagen und nur ein Bruchteil der überbudgetierten Blockbuster erhielt tatsächlich staatliche Zuwendungen-, sein grundlegender Befund ist jedoch nicht von der Hand zu weisen. Die Schere zwischen der finanziellen Ausstattung von Autorenfilmen und Großproduktion geht immer weiter auseinander.

Angesichts der Sparpolitik François Hollandes, dessen Kabinett eine gewisse Filmfeindlichkeit unterstellt wird, und Brüsseler Plänen zur europäischen Vereinheitlichung der Filmförderung, steht die stolze französische exception culturelle nun auf dem Prüfstand. Keck eröffnete der Präsident der diesjährigen Preisverleihung, der Komiker Jamel Debbouze, die Zeremonie mit den Worten, es sei die 38. und letzte.

Über die Tragweite dieser Erschütterung konnten die zumeist flauen Gags des Moderators Antoine de Caunes nicht hinwegtäuschen, zumal dies ohnehin der große Abend der Abwesenden war. Michael Haneke, mit Césars für das beste Originaldrehbuch und die beste Regie ausgezeichnet, legte in Madrid letzte Hand an seine Inszenierung von "Cosi fan tutte", bevor er zur Oscar-Verleihung abreiste.

Der männliche Hauptdarsteller von "Liebe", Jean-Louis Trintignant, war in Brüssel – allerdings nicht als Steuerflüchtling, sondern weil er dort Theater spielte. An seiner Stelle nahm sein Sohn Vincent den Preis entgegen und versicherte dem Publikum, für seinen depressiven Vater seien die Dreharbeiten ein wahrer Jungbrunnen gewesen.

Alexandre Desplat, der für die beste Filmmusik zu "Der Geschmack von Rost und Knochen" ausgezeichnet wurde, war in Los Angeles, wo er sich für die Partitur zu "Argo" Oscar-Chancen ausrechnet.

Kevin Costner: "Ich bin ein Cowboy-Darsteller"

Der Preisträger des Ehren-César allerdings hatte die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen: In rührend verstolpertem Französisch dankte Kevin Costner dem französischen Publikum dafür, dass es ihn "so akzeptiert, wie ich bin: ein Cowboy-Darsteller."

Es war eine trotzig gute Form, in der sich das französische Kino an diesem Abend zeigte. Gegen die Preisvergabe lassen sich wenig Einwände erheben. Vier Césars für Jacques Audiards "Der Geschmack von Rost und Kochen" (neben der Musik für das beste Originaldrehbuch, den besten Schnitt und Nachwuchsdarsteller) und drei für Benoit Jacquots "Lebewohl, meine Königin" (bestes Kostüm- und Szenebild, beste Kamera) verrieten Augenmaß.

Trotz neun Nominierungen war abzusehen, dass Leos Carax' "Holy Motors" eine Spur zu bizarr für den Geschmack der Filmakademie ist. Bedauern darf man hingegen, dass Noemie Lvovskys muntere Komödie "Camille Redouble" bei der Rekordzahl von 13 Nominierungen leer ausging.

Der große Sieger des Abends, "Liebe", bescherte der Zeremonie ihre emotionalen Höhepunkte. Die Dankesrede der Produzentin Margaret Menegoz in der Kategorie "Bester Film" war ein kluges Plädoyer für die staatliche Filmförderung und Kooperation ("Um europäische Filme zu machen, muss man nicht auswandern.").

Emmanuelle Riva nahm den Preis als beste Hauptdarstellerin stellvertretend für das gesamte Team an. "Freund, versäume nicht zu leben", zitierte sie Kleist, "denn die Jahre fliehn. Und es wird der Saft der Reben uns nicht länger glühen." Den César konnte die grazile Dame kaum tragen: "Er wiegt mehr als ich!" Auch sie machte sich dann auf den Weg zur Oscar-Verleihung. Dort wird sie in jedem Fall Grund zum Feiern haben: Der 24. Februar ist ihr 86. Geburtstag.

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