24.02.13

Vorbild Philadelphia

In Berlin entsteht ein Bethaus für drei Religionen

Warten auf den Mufti: Während Berlin ein gemeinsames Bet- und Lehrhaus für alle drei monotheistischen Religionen errichten will, ist ein vergleichbares Projekt in der muslimischen Welt kaum denkbar.

Von Wolf Lepenies
Foto: picture alliance / dpa

Hier sind sich die drei monotheistischen Religionen nahe: Bischof Yerzas, Rabbi Berl Lazar und Mufti Talgat Tadzhuddin von Russland bei einem Nationalfeiertag auf dem Roten Platz in Moskau. Wenn es um Religion geht, sind besonders muslimische Länder den anderen Buchreligionen gegenüber jedoch eher intolerant.
Hier sind sich die drei monotheistischen Religionen nahe: Bischof Yerzas, Rabbi Berl Lazar und Mufti Talgat Tadzhuddin von Russland bei einem Nationalfeiertag auf dem Roten Platz in Moskau. Wenn es um Religion geht, sind besonders muslimische Länder den anderen Buchreligionen gegenüber jedoch eher intolerant

Vor einigen Tagen sah ich Roland Stolte, den theologischen Referenten der Evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien. Roland Stolte engagiert sich für eines der spannendsten Bauprojekte in Berlin: Die Errichtung eines sogenannten Bet- und Lehrhauses am Standort der ehemaligen Petri-Kirche in Berlin-Mitte.

Das Bet- und Lehrhaus soll im Herzen Berlins ein Ort der Andacht für Christen, Juden und Muslime zugleich werden. Der Architekturwettbewerb ist abgeschlossen, wie die Finanzierung des Projekts gelingen kann, ist noch unklar. Wer vom Plan dieses Gotteshauses für die drei großen monotheistischen Religionen hört, denkt an die Ringparabel in Lessings Drama "Nathan der Weise", das 1783 in Berlin uraufgeführt wurde.

Einen Vorläufer des Bet- und Lehrhauses gab es in Philadelphia, wie Benjamin Franklin in seinen Memoiren berichtet. 1739 kam aus England der Reverend George Whitefield in die Stadt der "brüderlichen Liebe". Whitefield war Methodist und ein begnadeter Prediger, er galt als der größte Evangelist seit den Aposteln. So groß war seine Anziehungskraft auf die Gläubigen, dass ihm der eifersüchtige Klerus das Predigen in den Kirchen Philadelphias untersagte. Also predigte Whitefield im Freien – "in the fields" –, und so wirksam war seine Rede, dass, wie Franklin schreibt, "auf einmal alle Welt religiös wurde und man am Abend in jedem Haus Psalmen hören konnte, die in der Familie gesungen wurden".

Franklin und der Mufti

Die Bürger Philadelphias erteilten ihren Amtskirchen eine Lektion: Mit Spenden errichteten sie in kürzester Zeit ein Bethaus, "so groß wie Westminster Hall". Trustees wurden eingesetzt, die dafür sorgten, dass das Bethaus "für Prediger jedweder religiöser Überzeugung zur Verfügung stand, die den Menschen in Philadelphia etwas zu sagen hatten." Benjamin Franklin erzählt die Geschichte mit merklichem Stolz und schließt mit der Versicherung, "dass selbst der Mufti von Konstantinopel, sollte er einen Missionar aussenden, um uns den Islam zu predigen, hier eine Kanzel zu seiner Verfügung finden würde".

Philadelphia könnte ein Vorbild für Berlin sein: Die Bürgergesellschaft, nicht der Staat sollte das Bet- und Lehrhaus im Zentrum Berlins errichten. Das Bethaus in Philadelphia konnte Religionskonflikte nicht verhindern – dem Bet- und Lehrhaus auf dem Petriplatz wird dies ebenso wenig gelingen. Wichtige Zeichen des wechselseitigen Respekts und der Achtung der anderen Religionen aber wurden und werden so gesetzt.

Von einem Religionsfrieden sind wir entfernter denn je. Der Mufti errichtete in Konstantinopel kein Gebetshaus – und auch von den aktuellen Großayatollahs ist kein Plan bekannt, im Iran, in Pakistan oder in Afghanistan ein Gotteshaus zu bauen, in dem neben den Muslimen auch Christen und Juden beten können.

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