24.02.13

Theater

Antú Romero Nunes erhält Friedrich-Luft-Preis

Der 29-jährige Regisseur erhält für seine Inszenierung von Schillers "Die Räuber" den Friedrich-Luft-Preis 2012 der Berliner Morgenpost.

Von Stefan Kirschner
Foto: picture alliance

Der Eindruck täuscht: Paul Schröder (l.), Aenne Schwarz und Michael Klammer bestreiten den „Räuber“-Abend im Maxim Gorki Theater nicht gleichzeitig. Sie treten nacheinander auf
Der Eindruck täuscht: Paul Schröder (l.), Aenne Schwarz und Michael Klammer bestreiten den "Räuber"-Abend im Maxim Gorki Theater nicht gleichzeitig. Sie treten nacheinander auf

"Ich" ist das erste Wort, das Franz auf der Bühne spricht. Eine klare Ansage. Denn in den folgenden 50 Minuten geht es eigentlich nur um ihn. Er tritt aus dem Dunkel an die Rampe, scheint sich zu sorgen. Die Frage "Ist Euch auch wohl?" richtet er direkt ans Publikum, das die Worte auch mangels weiterer Personen auf der Bühne auf sich bezieht.

Eigentlich gelten sie dem Grafen Moor, dem Vater von Franz, aber diese Figur ist – wie die meisten anderen auch – gestrichen. Mit der Frage nach der Befindlichkeit beginnt Friedrich Schillers Drama "Die Räuber" – und auch Regisseur Antú Romero Nunes setzt sie an den Beginn seiner Inszenierung am Maxim Gorki Theater. Und eröffnet damit ein faszinierendes Spiel.

Die siebenköpfige Jury des Friedrich-Luft-Preises der Berliner Morgenpost hat der 29-jährige Regisseur mit seiner Arbeit überzeugt. "Die Räuber" erhält als "beste Berliner und Potsdamer Inszenierung des Jahres 2012" den mit 7500 Euro dotierten Friedrich-Luft-Preis.

Die Jury bezeichnete die Inszenierung als "Destillat des Schillerschen Dramas, das neue Räume öffnet. Nunes stellt den Klassiker in einen gegenwärtigen Kontext, ohne dabei das Stück zu verraten. Mit seiner innovativen Form entfaltet der Regisseur eine Lust am Spiel und ein Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer."

Mit dem Reklam-Heft auf dem Schoß

Nunes reduziert das Personal des Dramas in seiner Inszenierung auf die Kinder, die drei Elternsuchenden: Amalia, Karl und Franz, der Intrigant, der als Zweitgeborener keine Chance auf die Erbfolge hat. Also fälscht er einen Brief, und tut so, als ob ihn die Nachricht selbst schockieren würde: Franz serviert seinem alten Vater eine regelrechte Räuberpistole, in der Hoffnung, dass der seinen geliebten Sohn Karl verstößt, weil der angeblich in Leipzig mächtig über die Stränge schlägt. Soll ein Vermögen verspielt, die Braut eines Bankiers entjungfert und den Mann abschließend in einem Duell erschossen haben. Franz' Plan geht auf, der Bruder wird vom Vater enterbt.

"Jetzt bin ich Herr", sagt Franz am Ende seines Monologs. Schauspieler Paul Schröder schlüpft chargierend auch mal in andere Rollen, den Vater spricht er mit weinerlicher Stimme, einen Boten mit Schweizer Dialekteinfärbung. Die jeweiligen Szenen des Dramas werden als eine Art running gag angesagt, wer mit dem Reklam-Heft auf dem Schoß im Theater sitzt wie ein Tugendwächter der Klassiker-Inszenierungs-Kontrollkommission, könnte nachlesen, was fehlt oder ergänzt wurde. Eine Lektüre des Textes hilft im Regie-Theater immer, aber wenn Amalia von Franz mit den Worten "bildhüsch, aber scheiße" angekündigt wird, ist auch ohne Textkenntnis klar, dass diese Worte nicht Schiller stammen.

Die Pause wird geklaut

Amalias Auftritt ist der kürzeste der drei. In der berührendsten Szene trauert Amalia (Aenne Schwarz) um ihren geliebten Karl, schält sich – mit dem Rücken zum Publikum – aus ihrem leuchtend blauen Kleid und umarmt sich in ihrer grenzenlosen Einsamkeit selbst.

Dann rechnen alle mit einer Pause, aber die wird dem Publikum geklaut – ein kleiner Witz, wir sitzen ja in den "Räubern". Im ohrenbetäubenden Lärm kommt Michael Klammer (der überwiegend Karl spielt) mit einem verschmitzten Lächeln auf die Bühne und nimmt sich die Ohrstöpsel raus. Als sich die Lage beruhigt hat, spricht er mehrfach den Schiller-Satz: "Pfui, Pfui über dieses schlappe Kastratenjahrhundert, zu nichts nütze, als die Taten der Vorzeit wiederzukäuen." Und genau das macht er dann, imitiert Fabian Hinrichs Volksbühnen-Auftritt in "Kill your darlings!" und kommt über die Blackfacing-Debatte, Henry Hübchen und den Kabarettisten Josef Hader zur Erkenntnis, dass Rebellion irgendwie auch nicht mehr möglich ist.

Acht Inszenierungen nominiert

Die Entscheidung der Jury war einmütig. Acht Inszenierungen waren für den Theaterpreis der Berliner Morgenpost nominiert. Und relativ schnell zeichnete sich ab, dass sich das Rennen zwischen drei Arbeiten entscheidet: Die ärgsten Konkurrenten der "Räuber" waren "Murmel Murmel" – Herbert Fritsch hat das nur aus einem Wort bestehende Stück an der Volksbühne inszeniert – und "Ein Volksfeind", den Thomas Ostermeier an der Schaubühne herausgebracht hat. Außerdem waren für den Friedrich-Luft-Preis 2012 nominiert: "Frau Müller muss weg", dass Sönke Wortmann am Grips Theater inszenierte, René Polleschs Version von "Don Juan" (Volksbühne), "Geschichten aus dem Wiener Wald", die Regisseur Enrico Lübbe am Berliner Ensemble herausbrachte, Vanessa Sterns "Kapital der Tränen" (Sophiensäle) und "Zeit zu lieben Zeit zu sterben" unter der Regie von Antú Romero Nunes (Maxim Gorki Theater), die zweite Nominierung für den Luftpreisträger.

Hausregisseur am Maxim Gorki Theater

Nunes wurde 1983 in Tübingen als Sohn eines portugiesischen Vaters und einer chilenischen Mutter geboren, beide Eltern flohen vor den jeweiligen Diktaturen in ihrem Land. 2005 nahm Nunes ein Regiestudium an der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin auf, sein Mentor war Regisseur Jan Bosse. Vier Jahre später kam seine Diplominszenierung, eine Dramatisierung von Schillers Erzählung "Der Geisterseher", im Studio des Maxim Gorki Theaters heraus. Der Geheimtipp entwickelte sich schnell zum Renner. Schon in dieser Arbeit geht es um Bühnenmagie, um das Verhältnis von Lüge und Wahrheit. Ein zentraler Aspekt bei Nunes. Gorki-Intendant Armin Petras erkannte die Begabung, förderte das junge Talent, machte ihn zum Hausregisseur. Mittlerweile inszeniert Nunes auch am Hamburger Thalia Theater, in Frankfurt und Zürich und an der Wiener Burg.

Von den "Räubern" wird es nur noch wenige Vorstellungen geben. Im Sommer verlässt Armin Petras Berlin und übernimmt die Intendanz des Staatsschauspiels Stuttgart, seine Nachfolgerin Shermin Langhoff wird einen komplett neuen Spielplan vorstellen. Die Auszeichnung soll am 23. April 2013 im Anschluss an eine Vorstellung der "Räuber" überreicht werden.

Die Berliner Morgenpost verleiht den Preis seit 1992 im Angedenken an ihren 1990 gestorbenen Theaterkritiker Friedrich Luft.

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