22.02.13

Zeitgeschichte

Der verdrängte Judenmord der Siebzigerjahre

Neues zum blutigen Februar 1970: Der Hamburger Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar stellt sein Buch über die antisemitischen Wurzeln des linksradikalen Terrorismus vor.

Foto: pa/dpa/Joachim Barfknecht

Nach einem Brandanschlag auf das Gebäude der Israelitischen Kultusgemeinde am 13.2.1970 wird eine Bewohnerin mit Rauchvergiftungen ins Krankenhaus transportiert .
Nach einem Brandanschlag auf das Gebäude der Israelitischen Kultusgemeinde am 13.2.1970 wird eine Bewohnerin mit Rauchvergiftungen ins Krankenhaus transportiert .

Wieso ist dieses Kapitel der deutschen Geschichte nicht bekannter? Im Februar 1970 sterben innerhalb von elf Tagen fünfundfünfzig Menschen bei Paketbombenattentaten, einem Brandanschlag und einer versuchten Flugzeugentführung. Es ist die opferreichste Terroraktion seit dem Zweiten Weltkrieg, ihr Ziel sind Israelis und Juden.

"Wann endlich beginnt bei euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?", fragte damals Dieter Kunzelmann, Gründer der linksradikalen Tupamaros, in einer Kampfschrift. Jetzt ist seine Frage der Titel des neuen Buches von Wolfgang Kraushaar über die antisemitischen Wurzeln des linken Terrorismus, das am Freitag in Berlin vorgestellt wurde.

Das lange Zitat, das in Schreibmaschinentypografie die Buchvorderseite fast ganz bedeckt, ist für ein Sachbuch unmodisch sperrig. Man habe es jedoch unbedingt "hervorholen" wollen, betonte Rowohlt-Verlagschef Alexander Fest, um jene Tage, die aus "der Geschichte des Landes herausgefallen" sind, präsent zu machen, sichtbar.

Brandanschlag und Flugzeugentführung

Den historischen Grundkern bilden vor allem zwei Ereignisse in München: die Entführung einer El-Al-Maschine am 10. Februar, die schließlich blutig scheitert, und der Brandanschlag auf ein jüdisches Altersheim in der Reichenbachstraße, bei dem sieben Holocaust-Überlebende sterben.

Wie eng verbunden waren militante Linksradikale, Kunzelmann etwa, Fritz Teufel und Georg von Rauch, mit palästinensischen Terrorgruppen, die zwei Jahre später das Attentat bei den Olympischen Spielen in München verübten? Kam es zu Absprachen, als einige Deutsche sich in Jordanien in einem Trainigslager der Fatah militärisch ausbilden ließen und Arafat trafen? Gab es eine ideologische Nähe, die auf eine antisemitische Grundhaltung jener bis ins Letzte hinein radikalisierten Achtundsechziger schließen lässt?

Wolfgang Kraushaar, Politikwissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung, knüpft die Fragen zu einem krimiartigen Erzählungsnetz. Er sei kein Staatsanwalt, sagte Kraushaar, er könne Indizien zusammenführen, aber keine Beweise erbringen. Sein Buch sei eine "aktengestützte Rekonstruktion der Zeit", keine in ihrer Form abgeschlossene Studie.

Die verborgene Schuld

Dass es bei diesem Projekt auch indirekt um die Form historischer Zeit geht, legte der Historiker Dan Diner nahe. Die knapp neunhundert Seiten zeugte auch von einer im kollektiven Bewusstsein der Siebzigerjahre verborgenen Schuld angesichts des Holocaust, einer "zweiten Verdrängung". Die Verästelungen von antiisraelischen und antisemitischen Gedanken seien im Nachhinein kaum auftrennbar, fügte Kraushaar an. Es ging nicht um einen moralischen Grundvorwurf an die Linke von damals.

Dass brutalste Gewalt auch aus freiheitsliebenden Bewegungen kommen kann, wissen wir; warum jene Tage im Februar so unbeachtet blieben, nicht. Ob man nun der Beweisführung des Reports folgt oder nicht, seine Geschichte enthält ein Psychogramm der Bundesrepublik: das Fortleben jener Mordgedanken der Eltern in den Kindern, die sich doch eigentlich davon befreien wollten.

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