22.02.13

August-Bebel-Preis

Wie die SPD den Tarnkappenbomber Wallraff ehrt

Bei einer Feierstunde in der SPD-Zentrale wird Günter Wallraff mit dem Bebel-Preis geehrt. Günter Grass rühmt ihn als "Nervensäge", der Laudator nennt ihn bewundernd einen "Tarnkappenbomber".

Foto: dpa

War undercover schon als Alkoholiker und Waffenhändler unterwegs: der Journalist Günter Wallraff.
War undercover schon als Alkoholiker und Waffenhändler unterwegs: der Journalist Günter Wallraff.

Preise gibt's bekanntlich wie Sand am Meer. Politische Preise auch. Wie dieser zustande gekommen ist – der August-Bebel-Preis –, hat der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel am Freitag in Berlin bekanntgemacht. Er habe 2010 in Lübeck bei Günter Grass "antreten" und sich "anhören" müssen, was der Literaturnobelpreisträger im letzten Bundestagswahlkampf erlebt hätte. Dass nämlich kaum noch ein Mensch in Deutschland wisse, wer August Bebel gewesen sei! Der Gründer der Sozialdemokratie! Und dass man deshalb schleunigst etwas unternehmen müsse!

Es macht offenbar nicht immer Spaß, Vorsitzender einer altehrwürdigen Partei zu sein. Jedenfalls nicht, wenn man es mit einem Literaturnobelpreisträger zu tun hat, der bis heute herumposaunt, dass es Willy Brandt ohne seine Hilfe 1969 nicht ins Kanzleramt geschafft hätte. Dem einen oder anderen geht der selbsternannte "Es-Pe-De"-Retter Grass ja mittlerweile kräftig auf die Nerven.

Das konnte man anlässlich der Preisverleihung am Freitagnachmittag der SPD-Zentrale an dem Heiterkeitserfolg erkennen, den Grass mit der Bemerkung erzielte, der diesjährige Preisträger werde ja von vielen als Nervensäge empfunden. Vermutlich war Grass der einzige im Saal, der nicht begriff, dass die Lacher sich auf ihn selbst bezogen.

Wallraff gibt seit Jahren den Rächer der Enterbten

Der Preisträger – der zweite nach dem Sozialphilosophen Oskar Negt – war übrigens Günter Wallraff. Dieser unermüdliche Rächer der Enterbten, der für seine Undercover-Reportagen schon Alkoholiker, türkische Gastarbeiter, Waffenhändler, Obdachlose und Boulevardjournalisten gemimt hat. Ein Mann, der, wie im Willy-Brandt-Haus ebenso bewundernd wie einmütig festgestellt wurde, stellvertretend für alle Gutmenschen "im Dreck wühlt".

Von dem man, wie sein Laudator Willi Winkler erklärte, deshalb auch keine Belletristik erwarten könne, sondern nur die schonungslose Hardcore eines Mannes, der immer wieder aufs Neue ausziehe, das Fürchten zu lernen. Wallraff mache es sich nämlich "nicht wie unsereins" an seinem Schreibtisch gemütlich, nein, dieser Mann müsse erst ein anderer werden, bevor er mit dem Schreiben loslege! Zusammengefasst: Der "Pazifist" Wallraff sei "sein eigener Tarnkappenbomber".

Dieser Volltreffer wird garantiert von dieser Veranstaltung im Gedächtnis hängen bleiben, die dafür erfunden wurde, dass SPD-Mitglieder und SPD-Sympathisanten anderen SPD-Mitgliedern oder SPD-Sympathisanten einen SPD-Preis überreichen. Weshalb man sich eigentlich wenig Überraschendes davon erwartet hatte. Andererseits weiß man ja, dass sich Partys, zu denen man erst überhaupt keine Lust hatte, zu regelrechten Krachern entwickeln können.

Leider gibt es den nächsten August-Bebel-Preis erst 2015. Dann ist Günter Grass 87. Der hat in Berlin ausdrücklich auf seine gute gesundheitliche Verfassung hingewiesen. Voraussichtlich werden die Sozialdemokraten bei der anstehenden Bundestagswahl also wieder mit ihrem Nobelpreisträger zu rechnen haben.

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