22.02.13

Franz Xaver Kroetz

"Du sitzt da und siehst dir beim Verfaulen zu"

Eigentlich hatte Franz Xaver Kroetz die Schriftstellerei schon an den Nagel gehängt. Jetzt dichtet er wieder. Ein Besuch in Obermenzing – zu Kaffee, Kuchen und einem Gespräch über das Alter.

Foto: picture-alliance / Sven Simon

Franz Xaver Kroetz ist Dramatiker, Regisseur und Schauspieler. Die Aufnahme zeigt ihn am Set des ZDF-Thrillers "Moor der Angst“ von 2010
Franz Xaver Kroetz ist Dramatiker, Regisseur und Schauspieler. Die Aufnahme zeigt ihn am Set des ZDF-Thrillers "Moor der Angst" von 2010

Auf dem herrlichen Holztisch dampft der Kaffee, Kuchen wartet auf einem Porzellanteller. Franz Xaver Kroetz ist ein zuvorkommender Gastgeber. Er hat in sein Haus in München-Obermenzing eingeladen, um über die Arbeit an seinen neuen Gedichten zu erzählen. "Meine jungen Geliebten" nennt er sie. Der große Dramatiker, bald 67 Jahre alt, konnte und wollte viele Jahre lang nicht schreiben. Jetzt hat er diese Krise mit Lyrik überwunden. Und er hat sich Gedanken über das Alter und den Tod gemacht. Erst beim Abhören des Tonbands wird deutlich, dass dieser Nachmittag einen besonderen Taktgeber hatte: Im Hintergrund tickt vernehmlich die Wanduhr.

Berliner Morgenpost: In Ihren neuen Gedichten geht es um Vergänglichkeit ...

Franz Xaver Kroetz: Die Gedichte handeln von nichts anderem als dem Verlöschen, dem Vergehen, dem Altwerden, von Krankheit, Verzweiflung – und der Akzeptanz des Ausweglosen. Sie haben durchaus auch eine humorvolle Sicht auf diesen alten Mann, der man plötzlich geworden ist.

Berliner Morgenpost: Fühlen Sie sich wirklich alt?

Kroetz: Das ist keine Attitüde. Das ist ernst. Sonst könnte ich es nicht über acht Jahre hinweg geschrieben haben. Ich glaube allerdings, dass es mit Privatem zusammenhängt: Eine Bank kann man vielleicht leiten, wenn die Ehe kaputtgeht, ohne dass die Bank Schaden nimmt. Schreiben kann man nicht. Es gab einen Zeitraum über zwei, drei Jahre, in der sich meine Frau entfernt hat aus unserer Ehe und durchblicken ließ, dass ich ihr zu alt, zu kaputt und zu langweilig bin. Das war für mich die größte Katastrophe meines Lebens mit Begleitumständen, wie sie viele andere Menschen auch kennen. Für mich ist damals so viel zusammengebrochen – ich habe Lyrik geschrieben, um nicht zu ersticken. Ich mache niemandem einen Vorwurf: Der Mensch lebt, macht seine Erfahrungen, verändert sich. Diese Gedichte mögen gut oder schlecht sein – authentisch sind sie in jedem Fall.

Berliner Morgenpost: 2004 hatten Sie den Dichterberuf eigentlich an den Nagel gehängt ...

Kroetz: Als ich gesagt – und auch gefühlt – habe, dass ich nicht mehr schreiben kann und nicht mehr schreiben mag, war das zunächst eine Form von Befreiung, eine Entstressung meines Lebens. Ich habe damals gedacht: "Du hast doch genug geschrieben. Es langt." Dieser Gedanke hat mich heiter gestimmt. Aber diese Freiheit hat sich ganz schnell als Leere herausgestellt. Bald schon hatte ich Sehnsucht, meinen Tag wieder irgendwie auszufüllen. Denn diese Befreiungslangeweile ist beschissen. Dann bin ich auf diese Gedichte gestoßen, die sich in meinen Tagebüchern befanden. Die Tagebücher selbst kann ich nicht veröffentlichen ...

Berliner Morgenpost: Warum nicht?

Kroetz: Sie sind zu banal, zu simpel, zu läppisch: "Kinder ausnahmsweise nicht krank. Kann's fast nicht glauben." Oder: "Selbst abgespült, weil kein anderer da war." Und so weiter. Das geht nicht. Als ich aber die Gedichte las, habe ich gedacht: "Komisch, Franz, die sind einerseits privat und persönlich. Sie sind aber auch über weite Strecken literarisch in Ordnung. Die sind eigentlich schon öffentlich, so wie sie im Tagebuch stehen. Natürlich musst du sie noch mal in den Schraubstock spannen, dran feilen, hobeln. Und du schreibst zurzeit andauernd Gedichte – willst du das nicht mal probieren?"

Berliner Morgenpost: Haben Sie das Schreiben vermisst?

Kroetz: Man ist schon süchtig danach. Du kannst das nicht so einfach abstellen, wenn du täglich am Schreibtisch gesessen hast, dein ganzes Leben aufs Schreiben konditioniert war. Und plötzlich spürst du: "Das ist alles Scheiße. Das ist lächerlich. Das hast du doch alles schon geschrieben." Wenn ich Glück hab', ist das jetzt vorbei. Ich bin jedenfalls auf der Suche nach einem Verlag.

Berliner Morgenpost: In Ihrem Gedichtband "Heimat Welt" von 1996 fordern Sie "Stacheldraht" für Ihre Sätze und "Sicherheitsverwahrung" für Ihre Gedanken. Wie gefährlich kann Lyrik sein?

Kroetz: Ich neige ja grundsätzlich zur Destruktion – auch mir selbst gegenüber. Bei dem Gedicht, das Sie zitieren, habe ich im Rückblick das Gefühl, als wollte da einer seine rebellische Gesinnung thematisieren. Aus heutiger Sicht erscheint mir das gefährlich: Dass der Autor sich im Gedicht quasi an eine rebellische Existenz heranschleicht, die er in Wirklichkeit aber niemals eingelöst hat: "Kir Royal" hat er gespielt.

Berliner Morgenpost: Und sonst – was hat gefehlt?

Kroetz: Er ist niemals zur RAF gegangen und gestorben! Um es mal zuzuspitzen. Und er war immer ein Mercedesfahrer. (Schlägt mit der Faust auf den Tisch.) In diesem Gedicht steckt mein großer Wunsch nach einer Existenz, die Spuren hinterlässt – es muss ja nicht mit Waffen sein, sondern es kann auch der Einsatz für ein Dritte-Welt-Projekt sein. Rückblickend lese ich das mit Interesse: Das ist ein Teil meiner Biografie, dieser ewige Wunsch, politisch und gesellschaftlich zu wirken. Aber nur weil man in die DKP eintritt und dort ein paar Operettenauftritte hat, ändert man die Welt nicht.

Berliner Morgenpost: Früher sahen Sie das aber anders ...

Kroetz: Kann sein. Aber heute sehe ich das wirklich kritisch. Ich bin Schriftsteller. Ich wollte schreiben. Ich hab' geschrieben, und alles andere war mir scheißegal. Dieser rebellische Unterton, das gewünschte Eintauchen in die Gnade der Tat, die teilweise aus diesen älteren Gedichten spricht, find' ich heute rührend – aber auch unglaubwürdig. Dass daraus ein paar ganz interessante Texte entstanden sind, ist etwas anderes. Wir Schriftsteller schreiben die besseren Sachen oft aus nicht so hohen Motiven.

Berliner Morgenpost: Ich erinnere mich, wie Sie Shaw zitierten: "Alte Männer sind gefährlich, Ihnen ist die Zukunft gänzlich gleich."

Kroetz: Darüber denke ich manchmal fünfmal am Tag nach, weil ich mich frage: "Franz, geht es dir jetzt nicht doch sehr viel besser? Hast du es nicht wirklich überstanden? Kannst du jetzt nicht wirklich locker lassen?" Ich bin es zum Beispiel gar nicht gewöhnt, dass ich jeden Monat einen Betrag aufs Konto bekomme, ohne etwas zu tun. Rente! Ich habe keinen Erwerbsdruck mehr. Ich werde jetzt 67, wenn morgen ein Krebs bei mir festgestellt wird, der mich in sechs Wochen umbringt: Nehmen kann mir die 67 Jahre niemand mehr. Doch bin ich deswegen locker? (Lange Pause.) Jein. (Sehr lange Pause.) Jetzt gerade habe ich das Gefühl, dass das Leben nicht mehr so viel wert ist, dass ich ihm groß nachweinen müsste.

Berliner Morgenpost: Es gibt Menschen, die mit über 80 noch aktiv im Leben stehen ...

Kroetz: Mir fällt es oft schwer, einen einzigen Tag zu überstehen. Die Müdigkeit, das Fehlen von Antrieb ist was Widerliches. Ich bin nicht mehr neugierig – ich zwing' mich dazu. Und natürlich gibt es Alters-Depressionen: Du sitzt da und siehst dir beim Verfaulen zu. Das ist die negative Seite. Und dann gibt es fröhliche, auch komische Augenblicke. In denen gelingt mir das Leben zwar auch nicht, aber ich kann drüber lachen. Ich würde gerne wissen: Wenn bei mir Krebs diagnostiziert werden würde – wie würde ich reagieren? Wenn ich jetzt darüber nachdenke, würde ich jede Therapie ablehnen. Ich will keine Chemo, ich will möglichst ohne Schmerzen sterben! Lasst's mich bloß in Ruh' mit eurer ganzen Intensivmedizin.

Berliner Morgenpost: Das sagen Sie jetzt, da Sie gesund sind ...

Kroetz: Ich stehe dem Alter sehr hilflos gegenüber. Es gibt Autoren wie Walser oder Handke, die einen gut erhaltenen Eindruck auf mich machen. Bei mir ist das anders – und das liegt an einem Dreiklang in meinem Leben. Da ist zum einen der Beruf: Dramatiker ist ein Scheiß-Beruf. Ein Leben lang Menschen machen – aber nur im Kopf. Die Einsamkeit, die damit zusammenhängt. Dann die angeborene Depressivität – und dazu kommt drittens der Alkohol. Zwar trinkt man im Alter weniger, weil man's nicht mehr so verträgt. Doch diese Melange ist schrecklich.

Berliner Morgenpost: Machen Sie sich Gedanken, wie es nach Ihrem Tod mit Ihrem Werk weitergehen wird?

Kroetz: Ich bin der festen Überzeugung, dass zehn oder 15 meiner mehr als 60 Stücke innerhalb der Welttheatergemeinschaft weit über meinen Tod hinaus erhalten bleiben. Das sind die aus der sozialen Kompetenz heraus geschriebenen Stücke, weitgehend große Literatur, die heute überall gespielt wird: von Brasilien bis Portugal, von Israel bis in die Türkei. Das wird weitergehen.

Berliner Morgenpost: Wie erleben Sie das Theater heute?

Kroetz: Das Theater hat keine gesellschaftliche Relevanz mehr. Bin ich altersblöde oder war das früher besser? Vielleicht, weil es damals mit Heinar Kipphardt und Peter Weiss singuläre Erscheinungen gab? Oder war es so, weil es keine Konkurrenz, also kaum andere Medien, gab? Ich freue mich, wenn meine Stücke in den nächsten 200, 300 Jahren noch leben. Aber ob das Theater überlebt? Ich überlebe dann halt in einem Sarg, der "Theater" heißt.

Berliner Morgenpost: Viele Künstler schreiben Autobiografien. Käme das für Sie in Frage?

Kroetz: Nein, ganz sicher nicht. Ich möchte mein Leben nicht zusammenschrumpfen lassen – weder im Guten, noch im Schlechten. Ich habe ein wahnsinnig buntes Leben, das auch in sehr viele dunkle Kapitel hineinreicht. (Lange Pause.) Ich war zehn Jahre lang ein gefährlicher Mensch. Ich habe vieles, vieles getan, was ich gern ungeschehen machen würde. Außerdem würde eine Autobiografie literarisch nicht funktionieren: Mein Leben ist zu groß, zu schrecklich, zu verführerisch – das kann man nicht in ein Scheiß-Buch mit 500 Seiten zwängen.

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Franz Xaver Kroetz
  • Leben

    Franz Xaver Kroetz, wurde am 25. Februar 1946 in München geboren und wuchs in Niederbayern auf. 1992 heiratete er die Schauspielerin Marie-Theres Relin; das Paar ließ sich 2006 scheiden.

  • Theater

    Kroetz besucht eine private Schauspielschule, wechselte dann ans Wiener Max-Reinhardt-Seminar. 1971 wurden seine Einakter „Heimarbeit“ und „Hartnäckig“ an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt – und begründen Kroetz’ Ruf als Erneuerer des Volksstücks.

  • Fernsehen

    1986 wurde Kroetz einem großen Publikum als Klatschreporter Baby Schimmerlos in Helmut Dietls Fernsehserie „Kir Royal“ bekannt.

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