21.02.13

Schottland

Ehrenrettung von Shakespeares Macbeth

Erst hagelte es Kritik an Shakespeares Darstellung von Richard III. Jetzt finden die Schotten, ihr Macbeth sei zu blutrünstig gezeichnet: Der Dichter habe nur seinem eigenen König schmeicheln wollen.

Foto: ufa fabrik

Blutrünstiger Mörder oder friedlicher Herrscher? Das schottische Parlament möchte statt Shakespeares Theaterfigur Macbeth (hier in einer Berliner Aufführung) das Bild des historischen Königs stärker in den Vordergrund gerückt wissen
Blutrünstiger Mörder oder friedlicher Herrscher? Das schottische Parlament möchte statt Shakespeares Theaterfigur Macbeth (hier in einer Berliner Aufführung) das Bild des historischen Königs stärker in den Vordergrund gerückt wissen

Jetzt aber wird es ernst, jetzt geht es William Shakespeare an den Kragen – pardon, an seinen Ruf als historisch verlässlicher Dramatiker. Um den stand es zwar nie besonders gut, aber es gibt eben immer wieder Zeiten, die das Bekannte neu erfinden wollen und uns weiszumachen versuchen, einen Großen von seinem Sockel stürzen zu können. So unlängst geschehen mit Shakespeares Verarbeitung des buckligen Richard III., in seinem gleichnamigen Drama.

Der hatte, wie wir seit der kürzlichen Entdeckung der Gebeine dieses letzten Plantagenet-Königs wissen, lediglich eine gebogene Wirbelsäule, was zu ungleichen Schultern führte, und das ist etwas anderes als ein Buckel. Aber der passte so hübsch zum Bild von Richard III. als einem vermaledeiten Schurken, wie die Tudor-Propaganda ihn sah. Die hatte Shakespeare eilfertig übernommen, um Gloriana, seine Herrin, um Königin Elizabeths I. und den Anspruch der Tudor-Linie auf den Thron umso besser in Szene setzen zu können.

Nun aber das zweite Kapitel der Entthronung des Barden: Macbeth. Den angeblichen Usurpator-König aus grauer Vorzeit, gestorben 1057, hatte Shakespeare um 1606, als der Stuart Jakob I. auf die Tudor-Linie gefolgt war, zu einem blutrünstigen Mörder stilisiert, der als königlicher Gefolgsmann, als "Thane of Glamis" (gesprochen "Glahms"), König Duncan umbringt, um sich selber auf den Thron zu hieven.

"Der echte Macbeth wird in ein schiefes Licht gerückt"

Es geht in Shakespeares Drama schrecklich zu Ende mit König Macbeth. Aber das Ganze ist den Schotten plötzlich ein Dorn im Auge, wie den Mitgliedern der Richard III. Society die Darstellung des bösen Richard.

Geschichtsklitterung, nichts als Geschichtsklitterung, so urteilen auch die Schotten über Englands größten Dramatiker und seine Behandlung des Macbeth-Stoffes. Sie haben sogar vor wenigen Tagen durch den konservativen Abgeordneten Alex Johnstone im Parlament zu Edinburgh einen Antrag eingebracht, der diese Beschwerde führt: "Im Anschluss an die Debatte um Richard III. stellen wir fest, dass Shakespeares Darstellung von Macbeth, 550 Jahre nach dessen Tod, mehr über die Beziehung des Dichters zu seinem Gönner, dem Stuart-König Jakob I., aussagt als über akkurate Geschichte. Wir bedauern, dass die erfolgreiche Regierungszeit des echten Königs Macbeth, 1040-1057, durch Shakespeare in so schiefes Licht gerückt wird, und schließen uns dem Ruf nach vertiefter Erforschung der schottischen Geschichte aus dieser Zeit an, was die Zahl der Touristen zu solchen Orten wie Glamis in der Grafschaft Angus oder Lumphanan in Aberdeenshire stark erhöhen könnte. Es geht darum, Fakt von Fiktion zu trennen."

Mehr Touristen an Macbeths Wirkungsstätten locken

Man sieht: Im Vorfeld ihres Votums für die Unabhängigkeit, im Herbst 2014, drehen die Schotten jetzt das große Rad ihrer Geschichte in der Hoffnung, auch den Tourismus des Landes vor den revisionistischen Karren spannen zu können. "Das Potenzial für Spurensuche, Touren, Events und Informationen aus der Zeit dieses schottischen Königs ist beträchtlich", heißt es in der Touristik-Agentur "VisitScotland", wo man gleichzeitig zugibt, dass Macbeth "durch Shakespeare unsterblich gemacht" worden sei.

Das aber ist der springende Punkt: Die Tatsache, dass der historische Macbeth so friedlich und stabil regierte, dass er sogar eine Pilgerreise nach Rom riskieren konnte, ohne zu Hause eine Rebellion befürchten zu müssen, reißt wahrlich niemanden vom Stuhl. Aber die Tragöde des Mörders und Tyrannen Macbeth umso mehr.

Glückliches Schottland, dass der Nebel seiner Geschichte sich bei Shakespeare zu großer Dichtung lichtet, wenn sein fiktiver Macbeth in letzten Akt dies zynische Vermächtnis formuliert – zugleich die poetische Lizenz des Autors, ironisch dargeboten: "Leben ist nur ein wandernd Schattenbild; / Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht / Sein Stündchen auf der Bühn', und dann nicht mehr / Vernommen wird; ein Märchen ist's, erzählt / Von einem Blöden, voller Klang und Wut, / Das nichts bedeutet."

"Told by an idiot", heißt es im Original – das ist die Maske, durch die der tiefe Menschenkenner Shakespeare zu uns spricht. Auch zu den Schotten.

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