21.02.13

Villa-Massimo-Chef

"Ich bin von morgens bis abends deutsch!"

Seit zehn Jahren leitet Joachim Blüher die Deutsche Akademie Villa Massimo in Rom. Er hat das einst ziemlich isolierte Stipendiaten-Idyll zu einem lebhaften Zentrum des Kulturbetriebs gemacht.

Von Constanze Reuscher
Foto: picture-alliance/ dpa

Der Direktor der Villa Massimo Joachim Blüher mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zwischen ihnen steht die Figur „Togatus“
Der Direktor der Villa Massimo Joachim Blüher mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zwischen ihnen steht die Figur "Togatus"

Da steht er, schwarzer Pulli, schwarze Jacke, runde Brille in der weißen Tür im weißen Saal. Alles ist minimalistisch außer ihm selbst. Joachim Blüher, 59, ist groß und rund. Die italienische Küche ist eben himmlisch und sie zu mögen so irdisch. Er hat sich goldene Orden der Kölner Ehrengarde umgehängt, die Faschingszeit klingt nach und die Orden klappern vor seinem Bauch. Dann setzt er mit Baritonstimme zu einem "Guten Morgen!" an, lacht über sich selbst, freut sich über die kleine Show, die so früh am Tag die Stimmung hebt.

Inszenieren, kleine Details oder große Events, andere oder sich selbst, ist Joachim Blühers Talent. Er ist Direktor der Deutschen Akademie in Rom Villa Massimo, in der deutsche Künstler auf Kosten der Bundesregierung ein Jahr leben dürfen. Sie ist eine der 18 ausländischen Künstlerakademien der Stadt, liegt in einem malerischen Park – eine fast vier Hektar große Oase hinter hohen Mauern im lärmenden Rom. Ein Idyll, das auch ein Handicap sein kann. "Schluss mit dem Dornröschenschlaf", war daher Blühers Motto, als er 2003 erstmals Stipendiaten in der Villa empfing. Am Freitag tat er es zum zehnten Mal, mit Erfolg.

Villa Massimo ist zu einem lebhaften Zentrum im römischen Kulturbetrieb geworden. Sie ist weniger prunkvoll als die Akademie der Franzosen Villa Medici, die oben auf dem Pincio über Rom thront. Aber wo früher nur wenige Diaspora-Deutsche auf Empfängen herumstanden, die nicht wussten, wie sie die Diskrepanz zwischen einer antik-barocken Außenwelt und moderner deutscher Kunst in wenigen Minuten verdauen sollten, ist heute Hochbetrieb, wenn Blüher in die Villa lädt. Hunderte, manchmal auch Tausende, strömen in den Park, die meisten Gäste sind Italiener. Was ist so anders als früher?

Botschafter deutscher Kultur

Blüher ist ein kompromissloser Botschafter deutscher Kultur, aber er will kein Vermittler von Kulturen sein, nichts darf vermengt werden. "Die Kultur ist das Gesicht eines Landes. Erst wenn wir gegenseitig die jeweilige Einzigartigkeit schätzen, wird der Unterschied zum Reichtum," sagt er. "Eine Ware, auch Kunst muss identifizierbar sein, damit sie angenommen wird. Auch ich bin von morgens bis abends deutsch."

Es spricht der Kunsthändler und Galerist, der Joachim Blüher in Köln war. Angefangen hatte der Kunsthistoriker bei Michael Werner. "Das waren harte Jahre, aber eine Lehre fürs Leben. Ich habe die berühmtesten Künstler der Welt kennengelernt." Später als eigenständiger Galerist musste er auch die ganz Unbekannten verkaufen. Unternehmergeist, internationale Kontakte und die Arbeit mit jungen Künstlern wurden zu Blühers Kapital im Rom-Gepäck.

Als Blüher in die Akademie kam, war die Villa eine riesige Baustelle. Nach 90 Jahren musste grundsaniert werden, was der deutsche Mäzen Eduard Arnhold 1913 dem preußischen Staat vermacht hatte: Haupthaus , Park und Pavillons der Künstler. "Es war nichts da, nicht einmal ein Adressverzeichnis", erinnert er sich. Es gab kaum Geld für Ausstellungen und, noch schlimmer, keine Philosophie für die Arbeit mit den Stipendiaten.

Starstipendiat Till Brönner musiziert

"Am Anfang hat es oft Streit gegeben. Die Erwartungshaltung der Künstler war oft sehr hoch", erklärt Blüher. Um "die maximale Distanz zwischen einem, der den Staat vertritt und denen, die gerade das nicht wollen", zu überwinden, stellte eine Künstlerberaterin ein, die sich um die praktischen Probleme der Künstler im komplizierten römischen Alltag kümmerte. Denn das Rom-Jahr stellt für Blüher auch in Zeiten der Globalisierung noch einen wichtigen Kreativschub dar: "Man kann so cool sein, wie man will. Aber am italienischen Wein, am guten Essen, auch am Mond über den Pinien, kommt keiner vorbei."

Blüher nutzte das Vakuum als Chance. Er machte Hauskonzerte und wenn da Starstipendiaten wie Till Brönner in der Villa musizieren, stehen die Gäste bis in den Park hinaus. Er macht Lesungen, da kommen auch Schriftsteller wie Uwe Timm, die früher von der Villa nichts wissen wollten. Er machte die Ausstellung "Un Quadro al Massimo", ein Wortspiel: "Höchstens ein Bild" oder "Ein Bild in der Villa Massimo". Nur je ein deutsches und italienisches Werk werden einen Abend lang gezeigt. Zur Premiere kamen Georg Baselitz und Enzo Cucchi. Die Reihe ist heute ein Kult. Einmal im Jahr wird der Park zur Bühne italienischer Film-Celebritys beim Globo d'Oro, dem Filmpreis der Auslandspresse.

Aber Joachim Blüher hat vor allem seine Künstler in den Mittelpunkt gerückt. Beim großen Sommerfest wird jeder Pavillon zur Galerie oder zur Bühne für Lesungen, kleine Konzerte, Performance, Kunst. Das Drängeln der vielen tausend Gäste schafft die Distanz ab und hilft beim Annähern an die moderne deutsche Kunst. Es hilft, mit einem wie Jim Rakete im Park am Holztisch zu sitzen, bei bayerischem Bier, Kartoffelsalat, Würstchen und bis in den Morgen zur Musik Berliner Discjockeys zu tanzen. "Ich habe das Anbieten abgeschafft und die Begierde geweckt", sagt er.

Wer diesen Joachim Blüher besichtigen will, kann das am 21. Januar in Berlin im Gropiusbau tun. Blüher reist mit seinen Künstlern an, die ihre Werke aus einem Jahr Rom ausstellen – für nur vier Stunden, das weckt Begierde.

Foto: picture alliance / dpa

Die Villa Massimo in Rom wurde dem preußischen Staat 1913 vom deutsch-jüdischen Philantrophen Eduard Arnhold vermacht
Die Villa Massimo in Rom wurde dem preußischen Staat 1913 vom deutsch-jüdischen Philantrophen Eduard Arnhold vermacht
© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Liebes-Nachhilfe Flirten wie ein Silberrücken
William und Kate Hip-Hop-Crashkurs für die Royals
Chaos Panik in indischer Stadt durch verirrten Leopard
Xbox-One vs PS4 Microsoft muss knappe Niederlage hinnehmen
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Indien

Statt Hippies kommen heute Russen nach Goa

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote