20.02.13

"Les Miserábles"

Rot sprudelt das Blut, blass knödelt Russell Crowe

45 Mal wurde der Klassiker bereits verfilmt, das Musical läuft seit 28 Jahren in London. Der nächste Kino-Versuch gibt sich bildgewaltig – was die Musik angeht, aber auch ein wenig zart.

Von Manuel Brug
Quelle: Universal Pictures
15.02.2013 2:36 min.
"Les Misérables" kommt mit Starbesetzung ins Kino. Anne Hathaway, Hugh Jackman und Russell Crowe sind nur einige der Superstars in der Musical-Verfilmung, die bereits für acht Oscars nominiert wurde.

So viel Elend! So viel Niedertracht! Aber auch so viel Emotion und Liebe! Das konnte nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln sich entfalten. Das strebte zur Bühne und in die Sportstadien, das wollte als Musical singen und natürlich auch die Leinwand erobern.

Kein Zweifel, Victor Hugos 1862 veröffentlichte, so dickleibige wie vollsaftig romantische Schwarte "Les Miserábles" war publizistisch niemals elendig, sondern von Anfang an ein vielfach adaptierter Welterfolg. Es gab bisher allein 45 Verfilmungen, sogar in japanischen und ägyptischen Varianten, als Fernsehserie und als Zeichentrickfilm. Die ganze Menschheit wollte und will mitleiden und lieben bei der sich über Jahrzehnte hinziehenden Jagd des Polizeiinspektor Javert auf den entlaufenen, inzwischen unter neuem Namen reputierlich lebenden und um Gerechtigkeit kämpfenden Sträfling Jean Valjean.

Diese findet ihren Höhepunkt auf den Pariser Barrikaden der Junirevolte 1832. Erst müssen freilich die den rebellischen Studenten Marius vergeblich liebende Éponie sowie der kleine Gavroche höchst melodramatisch sterben, bis Marius in dem Armen der liebreizenden Cosette sein Happy End findet. Diese wiederum ist die Ziehtochter Valjeans, da ihre Mutter Fantine, die sich für sie sogar prostituierte, schon einige hundert Seiten früher ihr Leben ausgehaucht hat. Nachdem Valjean sogar seinem schlimmsten Feind Javert die Freiheit schenkt, stürzt sich dieser in die Seine – weil er den Glauben an eine irdische Gerechtigkeit (in seinem unverzeihlichen Sinne) verloren hat.

Es rauscht das Abwasser, es sprudelt das Blut

In ihrer verführerisch populären Mischung aus epischer Schwere, Freiheitspathos und feister Kolportage eignen sich "Les Misérables" natürlich unbedingt für ein Musical. Denn von so vielen großen Gefühlen lässt sich trefflich im Dauerstaccato schmettern. So kam 1980 die Pariser "Les Mis"-Uraufführung von Claude-Michel Schönberg und Alain Boubil, die 1985 noch einmal definitiv für London überarbeitet wurde, gerade richtig. Sie wurde zur Hochzeit des vom Westend ausgehenden, nach der großen Oper schielenden durchkomponierten Musical-Booms zum einzigen ernsthaften Konkurrenten von dessen Vater Andrew Lloyd Webber und seinem "Phantom of the Opera". Beide Stücke konkurrieren seither um die Krone des kommerziellsten Hits. "Les Miserables", das in London seit 28 Jahren gespielt wird, haben jedenfalls seither dort und anderswo 60 Millionen Zuschauer in 42 Ländern und 21 Sprachen gesehen. Selbst Google listet die Musical-Variante vor allem anderen Fassungen.

Nur die 46. Verfilmung ließ auf sich warten, obwohl Produzent Cameron Mackintosh, der Harvey Weinstein der Musicalbranche, schon diverse Anläufe unternommen hatte. Nun hat es endlich geklappt, und der betuliche Tom Hooper ("The King's Speech") bekam den Regiezuschlag. Kein Fan wird enttäuscht sein, alles ist genauso wie auf dem Theater, nur noch viel digitalgrößer. Die Fluten des Meeres und der Abwasserkanäle rauschen, Ratten und menschliche Abfälle bevölkern die pittoresk gammeligen Elendsquartiere. Sepiabraun breiten sich die Pariser Stadtansichten aus, rot sprudelt unter dem Pulverdampf das Blut übers Pflaster. Mit acht wichtigen Nominierungen geht man sogar ins Oscar-Rennen.

Es wurde live im Studio gesungen

Doch wie so oft: das moderne Filmmusical kommt mit seiner Künstlichkeit nicht wirklich zurecht. Zwar sind diesmal – bis auf den grässlich knödelnden Russell Crowe als Javert – singende Profis am Vokalwerk (die Éponie Samantha Barks verkörperte die Rolle sogar auf der Bühne), doch die mussten, anders als sonst üblich, nicht zum vorproduzierten Soundtrack die Lippen bewegen, sondern im Studio live singen. Was sich oft dünn und komisch anhört und gar nicht sonderlich authentisch; selbst beim sonst auf der Bühne tollen, darstellerisch als abgemagerter Valjain grandios zähen Hugh Jackman. Einzig die ebenfalls professionell vorbelastete Anne Hathaway schafft es, als kulleräugig kurzgeschorene Fantine in ihrem hungerfeenhaft kurzen Zehnminutenauftritt nicht nur überzeugend zu sterben, sondern auch den "Les Mis"-Hit "I Dreamed a Dream" so schön und anders zu singen, dass man die Augenbrauen von Susan Boyle endlich vergessen kann.

Auch der schmollmündige Sommersprossen-Beau Eddie Redmayne (Marius) und Amanda Seyfried (Cosette) kosen und küssen allerliebst, und als trittbrettfahrender Schankwirtabschaum wiederholen Helena Bonham Carter und Sacha Baron Cohen als schön gossenmieses Ehepaar Ténadier einfach ihre entsprechenden Rollen aus Tim Burtons "Sweeney Todd". Der dann eben doch souveräner aufzeigte, wie man einen Musicalklassiker werkgerecht formatieren und trotzdem für Kino originell neu aufbereiten kann.

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