18.02.13

Kunst im Krankenhaus

"Wie ein Magen" - wenn Baselitz in der Klinik hängt

Ein ungewöhnliches Projekt: Der bekannte Überkopf-Maler Baselitz zeigt seine Grafiken an einem Ort, der sonst eher Kranken vorbehalten ist.

Von Gabriela Walde
Foto: Massimo Rodari

Die besondere Kunstführung: 75 Grafiken sind von Georg Baselitz im Klinikum Westend zu sehen
Die besondere Kunstführung: 75 Grafiken sind von Georg Baselitz im Klinikum Westend zu sehen

8.17 Uhr, Montagmorgen. Das ist keine Zeit für die Musen der Kunst. Im Klinikum Westend beginnen in der Chirurgie gleich die OPs, Magen, Leber, um die geht es hier. Doch heute ist Georg Baselitz im Krankenhaus. Gott sei dank nicht der bekannte Überkopf-Maler selbst, einer der Großen auf dem internationalen Kunstmarkt, sondern seine Grafiken.

75 an der Zahl, Frühwerke und Aktuelles, hängen an den Wänden der Stationen 1b und 4b. Das "Remix" der frivolen "Großen Nacht im Eimer" empfängt vor der Kantine, drinnen tanzen um die Suppenschüsseln ganz heiter und beschwingt die Paare von "Sing Sang BDM". Und die Ärzte bekommen eine Führung, bis sie gleich zum Skalpell greifen werden.

In Berlin hat er studiert

Ein ungewöhnliches Projekt: Eine Station ist nun mal kein musealer White Cube. Hier zwischen Betten, Desinfektionsspendern und Laufstangen muss die Kunst an den Wänden einen "Härtetest" bestehen, findet Anne Marie Freybourg. "Hier geht es nicht um Theorie, sondern um das Spannungsfeld von Leben und Tod".

Seit zehn Jahren kuratiert die Kunsthistorikerin in den DRK Kliniken Berlin/Westend bereits die verschiedenen Ausstellungen, junge Künstler drüben auf der Geburtsstation, die arrivierten im Hochhaus, allesamt eine Initiative von "Kunst im Westend". Manchmal reagierten die Künstler zuerst etwas erschrocken, Kunst zwischen OP und Pathologie ist nicht jedermanns Sache.

Doch dann seien sie erstaunlich offen gewesen, so Freybourg. Die Fallhöhe der Kunst misst sich ja auch an der Realität. Marwan und Heinz Trökes haben hier schon ausgestellt. Aber nicht nur Künstler, sondern auch Literaten haben Tradition im Westend: Gottfried Benn arbeitete hier von 1912/13 in der Pathologie, Gedichte wie "Kleine Aster" sollen von den Eindrücken am Totentisch beeinflusst sein.

Computertomographie als abstraktes Körper-Bildnis

"Wie ein Magen" sieht eine Grafik aus, sagt einer der Mediziner. So hat jeder seine Bilderwelt. Nur die Rezeption ist eben anders. Eine Computertomographie ist schließlich auch nichts anderes als ein abstraktes Bildnis des menschlichen Körpers. Wir stehen vor einem Blatt aus der "Bäume"-Mappe, Anfang der Siebziger entstanden. Lauter schlanke Stämme, auf den Kopf gestellt, abstrakt, ein klassisches Naturmotiv, sehr deutsch, von Caspar David Friedrich inspiriert.

Nun ist es so, dass Baselitz, der in Berlin an der Hochschule der Künste studiert hat, mit seinen Arbeiten ans Westend zurückkehrt. Zur Eröffnung des Neubaus 1970 gab es einen Wettbewerb für ein "Kunst am Bau"-Projekt, so eine Ausschreibung gehörte damals noch nicht zum städteplanerischen Alltag. Markus Lüpertz machte auch mit bei diesem Kunstkontest. Als sein Werk nicht realisiert wurde, war er so sauer, dass er es zerstörte.

Die Idee mit der Kunst im Krankenhaus kam von Josef Paul Kleihues, der damals Projektleiter war. Baselitz kleckerte nicht, sondern klotzte, sein Triptychon im Eingangsbereich ist fast zehn Meter groß.

"Lebenskraft" heißt es, ein seltsamer Titel für einen Baselitz, mag man denken, aber als Auftragsarbeit im Umfeld von Krankheit durchaus treffend. Geradezu positiv, gegenständlich. Zu der Zeit malte Baselitz alles andere als idyllisch, harte Helden und Partisanen zogen durch seine dunklen Bildfluchten.

Bilder auf den Kopf gestellt

1969 vollzog er eine Kehrtwende, die zu seinem Markenzeichen werden sollte. Er stellte seine Motive zunächst seitwärts, später komplett auf den Kopf. Nun hingen die Figuren sozusagen in der Luft. Vielleicht saß Baselitz auch noch eine Erinnerung im Nacken, die ihn bewog zumindest an diesem Ort ein moderate Szene zu wählen.

Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte 1963 in der Galerie Werner & Katz – Baselitz hatte dort seine erste Einzelausstellung – seine "Große Nacht im Eimer". Stein des Anstoßes war ein überdimensionierter Phallus.

Dagegen ist "Lebenskraft" tatsächlich ein positives, heiteres Bild. Die gemalten Birken sind jene, die draußen vor dem Gebäude standen. Und Seurat wird zitiert, ein Sonnenhut ist zu sehen. 7000 Euro zahlte damals das Bezirksamt Charlottenburg für den Dreiteiler – in zwei Raten. "Viel Geld für die Jungs damals!", so Anne Marie Freybourg.

So weit, so gut. Doch 1991 war das prächtige Werk einfach weg, verschwunden aus der Vorhalle. Ein Fall von "Beutekunst" im Krankenhaus – Baselitz stand Kopf. Die Suche begann, in Depots wie in den Kellern des Gebäudes. Irgendwann wurde es gefunden: Im Vorzimmer des neuen Direktors, das Krankenhaus war zwischenzeitlich mit der Charité fusioniert worden. Der Fall des Künstlers landete sogar auf dem Schreibtisch vom Regierenden Klaus Wowereit.

Der entschied: Die Lebenskraft geht dorthin zurück, wohin sie gehört. So erzählt die Eingangshalle des Hochhauses noch heute ein Stück skurriler Berliner Kunstgeschichte.

Malerei neu erfinden

"In Berlin", hat Baselitz kürzlich gesagt, "habe ich vielleicht meine wichtigsten Werke geschaffen". Aber so ganz gut ist er auf die Hauptstadt immer noch nicht zu sprechen. Wut auf die Berliner Museumslandschaft hat er, und auf all die Museumsleute, die sich damals nicht um Ankäufe der wichtigen deutschen Künstler gekümmert haben, nicht um seine, auch nicht um Richter, Kiefer und Polke.

Baselitz kann ganz schön grantig sein, wenn er einmal loslegt, aber das gehört zu seiner Rolle. Ein Rebell wollte er sein, anders malen, als die anderen, die Malerei neu erfinden. Wie im letzten Jahr. In "Sing Sang Zero" bewegt sich ein Paar dicht umschlungen. Leicht ist der bunte Strich, beide Figuren stehen nicht Kopf, sondern auf beiden Beinen.

"So eng", sagte einer der Ärzte, "steht man heute auf der Straße nicht mehr zusammen. Was will der Künstler uns damit sagen?" – "Na ja", schiebt er nach, "egal, in unserem Leben geht es tagtäglich darum, Gefühle auszudrücken." Wenn es so ist, dann hat Baselitz im Westend viel erreicht.

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