18.02.13

Lebensmittelskandal

Der Ekel vor Pferdefleisch kommt aus Stalingrad

Von wegen Sentimentalität: Der Widerwille vor Pferdefleisch hat historische Gründe. Deutsche denken da an Lebensmittelkarten, Hungerwinter und Ostfront. Mit "Hanni & Nanni" hat das nichts zu tun.

Foto: picture alliance

Halb verhungerte Landser konnten bei diesem Anblick nicht widerstehen: Tote Stute an der Ostfront
Halb verhungerte Landser konnten bei diesem Anblick nicht widerstehen: Tote Stute an der Ostfront

Folgende Szene spielte sich vor einigen Jahren in einem Supermarkt auf Sardinien ab: Zwei deutsche Frauen stehen vor der Fleischtheke. Weil sie kein Italienisch können, zeigen sie auf eine Auslage und ahmen mit fragendem Gesichtsausdruck das Grunzen eines Schweins nach. Der Verkäufer schüttelt den Kopf, schnalzt dann mit der Zunge wie Hufgeklapper, bewegt den Oberkörper leicht auf und ab und hält mit der Hand einen imaginären Zügel. Die Frauen überlegen, was man mit Pferdefleisch wohl machen könnte, argwöhnen, dass es für den Grill zu mager ist und verzichten auf den Kauf, weil ihnen kein Rezept einfällt. Von Ekel keine Spur.

Der jüngste Lebensmittelskandal hat wieder ein paar interessante Vorurteile über die deutsche Volkspsyche hervorgebracht. Viele Kommentatoren tun so, als wäre die Abneigung gegen Pferdefleisch erstens riesengroß und allgegenwärtig und zweitens die sentimentale Verirrung einer Nation von dekadenten Suppenkaspern. Im Grunde, so legt diese Interpretation nahe, sei die Pferdefleischphobie ein Indiz für die weitgehende Metrosexualisierung der Deutschen. Demnach sind wir alle – Männer wie Frauen – ein Volk von "Wendy"-Leserinnen, das angesichts der Vorstellung, seine Kuscheltiere zu essen, vom Ekel befallen wird.

Die Ostfront war kein Ponyhof

Doch der Widerwille gegen Pferdefleisch kommt nicht vom Ponyhof – er kommt aus Stalingrad. Dahinter steckt nicht Kleinmädchenhysterie, sondern historische Erfahrung. Nirgendwo ist der Ekel vor Pferdefleisch so ausgeprägt wie in der Generation, die noch den 2. Weltkrieg und die Nachkriegsjahre erlebt haben. Während von den Jüngeren fast jeder im Urlaub südlich der Alpen schon mal Pferdefleisch probiert hat, bekreuzigt sich die Generation 70 plus immer noch beim Gedanken an den Notfraß ihrer Hungerjahre.

Pferdefleisch ist in Deutschland nie so populär gewesen wie in den romanischen Ländern, aber auch nie so tabu wie beispielsweise in England – was dem Skandal auf der Insel erst die rechte Wucht verlieh. Im 19. Jahrhundert wurde es – mehr als ein Jahrtausend nachdem es Papst Gregor III. 732 auf die Liste für Christen verbotener Lebensmittel gesetzt hatte – auf dem ganzen europäischen Kontinent wieder eingeführt. Es gab richtiggehende Kampagnen für den Verzehr dieses billigen, massenhaft verfügbaren und gesunden Fleischs. Diese Werbung war in Deutschland zwar nie so erfolgreich wie in Frankreich, aber man aß Pferdefleisch auch hier: Traditionell wird beispielsweise Rheinischer Sauerbraten daraus hergestellt.

Mit Glück war das Pferd tot, bevor es zerteilt wurde

Das alles endete mit dem Krieg. Kaum eine Schilderung aus dem Kessel von Stalingrad kommt ohne jene barbarischen Massaker aus, bei denen Landser aus den verendeten Pferden Stücke schnitten und diese dann herunter schlangen – oft noch roh. Ähnliche Szenen spielten sich auch auf den Flüchtlingstrecks aus dem Osten ab; ein Pferd, das im Hungerwinter 1946/47 auf der Straße verendete, blieb dort ebenfalls nicht lange liegen. Wenn das Tier Glück hatte, war es tot, bevor es zerteilt wurde. Das sind die Horrorbilder, die den Alten den Appetit verderben.

Hinzu kam, dass Pferdefleisch quasi von den Behörden als minderwertig stigmatisiert wurde: Für seine Lebensmittelmarken bekam man damals die doppelte Menge, wenn man sich für Pferd entschied. So wurde suggeriert, das es sich dabei um minderwertigen Dreck handelte – ähnlich den Produkten von kranken Tieren, die man in der Freibank kaufen konnte.

Wer rohen Fisch isst, sollte Pferd eine Chance geben

Diese historischen Erinnerungen – und nicht die Lektüre von "Hanni und Nanni retten die Pferde" – haben dafür gesorgt, dass man Fleisch von Pferden heute nur noch bei Nischenhändlern bekommt und 40.000 deutsche Schlachttiere, wie Michael Miersch vorrechnet, heute verbrannt statt gegessen werden. Aber vielleicht ist die Zeit reif für eine Wende im Essverhalten: Eine Generation, die gelernt hat Scampi, Calamari oder rohen Fisch zu genießen und die sogar vor Strauß und Känguru nicht zurückschreckt, würde vielleicht auch Pferdefleisch eine Chance geben. Vor allem, wenn man ihr klar machte, wie viel weniger "Chemie" da drin steckt als in Industriehühnern, - schweinen oder -rindern. Die Supermärkte müssten sich nur trauen.

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