18.02.13

Schauspieler

Gustaf Gründgens, des Teufels Intendant

War er Täter, war er Opfer? Die Rolle des Vorzeige-Schauspielers des Dritten Reiches, Gustaf Gründgens, wird endlich in einer neuen Biografie geklärt. Sein Vermächtnis ist der Reichskanzleistil.

Von Jacques Schuster
Foto: picture-alliance / IMAGNO/Austri

Gustaf Gründgens in seiner berühmtesten Filmrolle als Debureau in „Tanz auf dem Vulkan“. Hier singt er seine Erkennungsmelodie „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“.

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An Gustaf Gründgens scheiden sich bis heute die Geister. Obwohl vor fünf Jahrzehnten gestorben, gibt es kaum einen Zeitgenossen, der sich gelassen mit dem Schauspieler, Regisseur und Intendanten beschäftigt.

Die einen wedeln mit Klaus Manns Roman "Mephisto" und unterstreichen Gründgens zwielichtige Rolle als Schützling Hermann Görings im Berliner Schauspielhaus, wenn sie über ihn sprechen. Die anderen mühen sich, die mitunter gehässigen Angriffe des "albernen Kläuschen" (Gründgens) mit Hilfe von Zeugenaussagen zu widerlegen, die Gründgens' Mut unterstreichen und der Nachwelt zeigen sollen: Gründgens hat zwischen 1933 und 1945 mehr für Kollegen getan als Klaus Mann in seinem gesamten Leben.

Eine dritte Partei verweist auf Carl Zuckmayer. In seinem Report, den er 1943 für den amerikanischen Geheimdienst OSS verfasste, hob der Schriftsteller die "fouché-haften Züge" des Schauspielers hervor. Gründgens gehe "mit unsichtbaren Schlittschuhen an den Füßen am liebsten auf blankem Eis". Mehr als das: Er liebe es, "auf dem Rasiermesser seilzutanzen".

Gründgens selbst hat über das, was aus Zuckmayers Dossier an die Öffentlichkeit rann, nur den Kopf geschüttelt. Das Bild des Seiltänzers sei schief. Der habe sich nicht ständig nach allen Seiten umzudrehen, wie er es als Intendant des Staatlichen Schauspielhauses habe tun müssen – und das 800 Meter Luftlinie vom Hauptquartier der Gestapo entfernt.

Gralshüter des konservativen Theaters

Damit nicht genug, gibt es eine weitere Fraktion. Sie kümmert sich weniger um die schillernde Rolle Gründgens' im Dritten Reich, sondern stößt sich an seiner Auffassung von Ästhetik und Schauspielkunst. Der "Oberpriester des Reichskanzleistils" und "Gralshüter des konservativen Theaters" sei schon lange kein Vorbild mehr, wetterte Jürgen Flimm bereits vor einigen Jahren.

Die meisten Regisseure würden der Ansicht des derzeitigen Intendanten der Staatsoper Unter den Linden wohl beipflichten. Immerhin werden die gebildeteren Zeitgenossen unter ihnen zugestehen, dass Gründgens das Theater der Weimarer Republik in seinen Berliner Häusern über die Hitlerzeit hinüber rettete und die junge Bundesrepublik nach 1949 daran erinnerte, was die Maßstäbe für gutes Theater sind.

Kurzum, Gustaf Gründgens bleibt umstritten. Es ist seltsam, dass sich im Laufe der vergangenen fünf Dekaden kaum Autoren gefunden haben, die eine Biografie dieses 1899 in Düsseldorf geborenen Ausnahmeschauspielers in Angriff nahmen. Denkt man an den Rang und die intellektuelle Kraft dieses Mannes, ist es verwunderlich, dass die wenigen Studien, die über Gründgens erschienen sind, kaum die Ansprüche an eine wissenschaftliche Arbeit erfüllen. Allerdings ist mit Thomas Blubachers Buch nun endlich das Feld bestellt. Seine Biografie ist ein großer Wurf – sprachlich wie inhaltlich.

Narzissmus und grenzenlose Einsamkeit

Jahrelang hat sich der Theaterwissenschaftler mit der Vielschichtigkeit der Gründgens'schen Persönlichkeit auseinandergesetzt, sämtliche Quellen ausgewertet und all die Schauspieler befragt, die unter Gustaf Gründgens gearbeitet haben (soweit sie noch am Leben sind).

Monatelang hat er zudem über Gründgens' Wesen und Widersprüche, seinen Narzissmus und die schier grenzenlose Einsamkeit nachgedacht, unter der Gründgens über Jahre litt. Das Ergebnis ist eine um Gerechtigkeit bemühte Studie, erstellt unter den nüchternen, doch wohlwollenden Augen eines Analytikers, der seinen "Patienten" nicht verehrt, doch versteht, der nichts zu verbergen sucht, sondern dem Lesern eine Persönlichkeit in ihren Zeitverhältnissen nahe bringen will. Nicht mehr und nicht weniger.

Anders als in seinen früheren Büchern gelingt es Blubacher darüber hinaus, seine Erzählung so zu gestalten, dass er sandige, schleppenden Stelle umgeht und nicht endlos Theaterkritiken zitiert, wie es ihm in seinem Werk über die Geschwister Eleonora und Francesco von Mendelssohn zuweilen unterlief, die auch im Leben von Gustaf Gründgens eine Rolle spielten.

Gelungen sind zudem die Passagen über das Hamburger und Berliner Theaterleben der Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren, in denen der Monokelträger Gründgens zum Star der Bühne, des Films, des Nachtlebens aufstieg und von der jeunesse dorée der Hauptstadt ähnlich begeistert verehrt wurde wie von der Kritik gefeiert.

Kein Hehl aus seiner Homosexualität gemacht

Höhepunkt des Buches sind Blubachers Kapitel über Gründgens' Rolle im Dritten Reich. Detailreich schildert er, wie der Theaterstar der späten Weimarer Republik, der aus seiner Homosexualität nie ein Hehl gemacht und seine "weibliche Seite" in den Bars und Tanzlokalen an der Spree bis 1933 offen ausgelebt hatte, den Machtantritt der Nazis erlebte.

Sorgfältig wägt der Verfasser die vielen Versionen der Geschichte ab, die seit Klaus Manns Angriff und Gründgens' Verteidigung immer wieder zu lesen sind. Sein Urteil fällt eindeutig aus: ein entschiedenes Sowohl-als-auch! Es passt zum Alltag in einer Diktatur, in der das Leben selten schwarz oder weiß ist, sondern voller Grautöne.

Der Schauspieler sei weder der "Herr Ab-Gründgens" gewesen, für den ihn sein früherer Schwiegervater Thomas Mann hielt, noch sei er ein im goldenen Käfig gefangener Vogel, der stets um sein Leben zu fürchten hatte, wie es Gründgens nach dem Krieg theatralisch zum Besten gab.

Gründgens habe klar die Möglichkeiten gesehen, die ihm die neuen Machthaber boten, verachtete die Plebejer zugleich, hasste ihre Niedertracht und verabscheute ihr völkisch-germanisches Gespreize. Die Wohltaten, die sie ihm angedeihen ließen, aber genoss er, so Blubacher – vom stattlichen Gehalt bis zur Dienstwohnung im Berliner Schloss Bellevue.

"Des Teufels Intendant" wählte die SPD

Blubacher zitiert den Regisseur Jürgen Fehling, Gründgens habe "jeden Journalisten, der seine Einmaligkeit nicht laut zu verkünden sich bereit fand, mit der Ausstoßung aus der Schrifttumskammer bedrohen" lassen. Gleichzeitig wird der Autor nicht müde zu betonen, dass des "Teufels Intendant", der 1932 noch für die SPD gestimmt hatte, seine herausgehobene Stellung immer wieder nutzte, schwulen Freunden, linken Kollegen und jüdischen Bekannten zu helfen.

Wenn es Gründgens möglich war, setzte er seine Beziehungen zu Hermann Göring und dessen Frau Emmy ein, um in Ungnade gefallenen Schauspielern ein Überleben zu sichern, Kollegen mit jüdischen Ehepartnern vor dem Berufsverbot zu bewahren oder Regimegegnern zur Ausreise zu verhelfen.

Während der Schauspieler Paul Henckels, nach den Nürnberger Rassegesetzen "Halbjude" und mit einer "Volljüdin" verheiratet, dank Gründgens' bis 1944 am Staatstheater engagiert blieb, durfte sich seine Frau in Zeiten verstärkter Razzien und Deportationen nachts in den Garderoben des Theaters verstecken.

Ernst Busch holte Gründgens 1940 sogar aus der Haft im Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit, in dem der kommunistische Schauspieler wegen Hochverrats saß und auf sein Todesurteil wartete. Busch erinnert sich: "Gründgens hat sich nicht gescheut, um mir zu helfen, dem Kammergericht eine schriftliche Erklärung einzureichen, in der er mich wahrheitswidrig als völlig unpolitisch hingestellt hat." Gleichzeitig bezahlte der Intendant Buschs Anwälte. "Gründgens ist tatsächlich der Einzige gewesen, der für mich eingetreten ist und der mir indirekt das Leben gerettet hat."

Immer wieder kleine Fluchten

Immer wieder gelang es Gründgens, die Machthaber auf Abstand zu halten. Blubacher erzählt, wie Goebbels alle wichtigen Künstler – von Heinrich George bis Bernhard Minetti – am 18. Februar 1943 verpflichtete, im Berliner Sportpalast seiner Rede über den "totalen Krieg" Beifall zu spenden, Gründgens aber mit dem Auto kreuz und quer durch die Stadt fuhr, um nirgends erreichbar zu sein und als "Stimmvieh" mit den anderen Schauspielern in die Kameras der "Deutschen Wochenschau" zu blöken.

Das Drängen, an Propagandafilmen wie "Jud Süß" teilzuhaben, lehnte Gründgens trotz traumhafter Gagen genauso ab wie Goebbels' Aufforderung, sich am "Brevier der Treue zum Führer" zu beteiligen. Nur dem antibritischen Propagandastreifen "Ohm Krüger" durfte sich Gründgens auf Befehl von "Humpelstilzchen" nicht verweigern. Während der Dreharbeiten ließ Gründgens allerdings keine Gelegenheit aus, seinen Widerwillen kundzutun. Auf die Gage in Höhe von 80.000 Reichsmark verzichtete er.

Weder Heroismus noch Pathos

Der eigentliche Stein des Anstoßes aber blieb dem Propagandaminister Gründgens' Art der Inszenierung. Die verbannte das Heroische aus dem Theater und ließ die Bühne zu einer festlich-entrückten Gegenwelt werden, in der Ideologie genauso wenig Raum erhielt wie falsches Pathos. Ob Richard III., Hamlet oder Mephisto, als Schauspieler, Regisseur, Intendant gelang es Gründgens, seine Häuser zu Inseln im braunen Meer zu machen, in denen es um das Wort ging – und um Qualität. Selbst heftigste Kritiker im Exil würdigten diese Leistung nach dem Krieg.

Blubacher erläutert sie ausführlich, nennt Stücke, Inszenierungen, Besetzungen von 1933 bis kurz vor Gründgens' Tod am 7. Oktober 1963. Vielleicht ist Gründgens' Auffassung von Ästhetik und Kunst sogar das eigentlich Bleibende neben der Erinnerung an seine Rolle im Dritten Reich.

Die Antrittsrede als Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg vor dem Ensemble 1955 begreift Blubacher jedenfalls zu Recht als Gründgens' Hinterlassenschaft: "Genieren Sie sich bitte nicht, einen Satz richtig zu betonen. Es ist nicht Formalismus! Genieren Sie sich nicht, eine Rolle sicher in den Griff zu bekommen und zu beherrschen. Es ist nicht Manierismus! … Ich würde wünschen, dass die drei Stunden, in denen wir abends unseren Beruf ausüben, festliche Stunden sind, besondere Stunden für jeden von uns. Nur dann werden sie besondere Stunden für den Zuschauer sein. Machen Sie in Ihrem Privatleben, was Sie wollen, aber bringen Sie mir den Alltag nicht auf die Bühne."

Theater als heiliger Raum – das war der Traum von Gustaf Gründgens. Mit "Reichskanzleistil" hat er wenig zu tun und wenn doch, dann wünschte man sich heute als Theatergänger zuweilen ein bisschen mehr Reichskanzlei.

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