17.02.13

Berlinale

Guter Wettbewerb verzweifelt gesucht

Der Goldene Bär geht mit "Stellung des Kindes" von Călin Peter Netzer an einen tollen rumänischen Film. Die Krisenstimmung in Berlin vertreibt das nicht. Das Problem ist das Herz des Festivals.

Von Hanns-Georg Rodek
Foto: dpa
Alte Seilschaften und eine besitzergreifende Mutter: Luminita Gheorghiu (2.v.r.) im Goldener-Bär-Gewinner „Stellung des Kindes“
Alte Seilschaften und eine besitzergreifende Mutter: Luminita Gheorghiu (2.v.r.) im Goldener-Bär-Gewinner "Stellung des Kindes"

Am 16. Februar 2002 erhielt "Chihiros Reise ins Zauberland", ein Anime des weltweit verehrten japanischen Trickfilmmeisters Hayao Miyazaki, den Goldenen Bären. Dies stellte, obwohl es niemand bewusst war, einen Wendepunkt in der Geschichte der Berlinale dar. Zum letzten Mal hatte ein renommierter Regisseur den Wettbewerb gewonnen, sieht man von den Gebrüdern Taviani voriges Jahr ab.

In Cannes gehörten seitdem Polanski, Moore, Loach, Haneke und Malick zu den Palmen-Trägern. In Berlin gingen die Hauptbären im gleichen Zeitraum an Regisseure wie Mark Domford-May, Wang Quan'an, Claudia Llosa, Semih Kaplanoglu, Asghar Farhadi – und diesen Samstag an Călin Peter Netzer. Keiner von ihnen ist außerhalb der cineastischen Fachkreise bekannt, und einige nicht einmal innerhalb dieser Kreise.

Was bedeutet das für die Berliner Festspiele? Dass die Bären-Gewinner schlechter wären als die Palmen-Sieger? Wohl kaum. In Rückblick besaßen die Goldenen Bären der Tavianis ("Cäsar muss sterben"), von Kaplanoglu ("Bal – Honig") oder von Farhadi ("Nader und Simin – Eine Trennung") durchaus die Qualität einer Goldenen Palme. Gleiches gilt für Netzers "Die Stellung des Kindes", eine Studie alter und neuer Seilschaften im heutigen Rumänien, kombiniert mit dem Konflikt eines erwachsenen Sohnes mit seiner besitzergreifenden Mutter; sie nimmt einen von ihm verursachten Verkehrsunfall zum Anlass, ihn wieder unter ihre Fittiche zu zwingen.

Etwas Herausragendes ist immer in Berlin

Der Berlinale gelingt es jedes Mal, einen oder zwei oder drei herausragende Filme zu präsentieren. Dieses Jahr gehörten dazu noch "Lektionen in Harmonie" von Emir Baigazin aus Kasachstan (über Schutzgelderpressung unter Schülern) und "Pardé -– Geschlossene Vorhänge" von Jafar Panahi aus dem Iran (der Panahis Verfolgung durch die Justiz thematisiert).

Zum Problem wird hingegen zunehmend das Wettbewerbsumfeld für diese Leuchttürme. Das besteht in Berlin häufig aus grotesken Mixturen wie "The Necessary Death of Charlie Countryman", die Kunst und Kommerz zusammenzwingen, oder immerhin gut gemachtem Normalkinofutter wie "Side Effects"; die Existenbegründung solcher Filme im Wettbewerb sind immer Stars wie Mads Mikkelsen oder Jude Law, die sich gut auf dem Roten Teppich machen.

Dazuhin bietet der Wettbewerb Werke unbekannter Autorenfilmer wie Boris Khlebnikovs "Ein langes und glückliches Leben" aus Russland, die eben nicht zünden; wir konsumieren schnell vergessene Soufflés wie David Gordon Greens "Prince Avalanche"; man wundert sich in "Camille Claudel 1915" über die Formschwankungen sonst interessanter Autorenfilmer wie Bruno Dumont.

Große Namen garantieren kein großes Kino

Das kann durchaus auch in Cannes passieren. Es gab dort Jahre, in denen der Wettbewerb mit großen Namen prunkte und man dann Film auf Film konstatieren musste, der berühmte Regisseur habe nicht seinen besten Tag erwischt. Der Punkt ist aber ein anderer: Diese Künstler und ihre Produzenten und Verleiher wollen nach Cannes. Das hat mit kommerziellen Erwägungen zu tun – das Prestige einer Palme ist größer als das eines Bären –, aber auch mit dem Ruf eines Wettbewerbs.

Viel Feind bedeutet viel Ehr, und wenn man in einer Reihe mit David Cronenberg, Wes Anderson, Walter Salles, Michael Haneke, Bernardo Bertolucci und Ken Loach steht (wie in Cannes voriges Jahr), hat das einen anderen Klang als Konkurrenten wie Fredrik Bond, George Sluizer oder Malgoska Szumowska dieses Jahr in Berlin.

Berlin steckt in der Datums- und in der Renommee-Falle. Die frische Ware für den Kinoherbst schippert im September durch die Kanäle von Venedig, die heißen Oscar-Kandidaten laufen im Oktober Kür in Toronto, und die Kunstfilmwelt zieht es im Mai an ihren Sehnsuchtsort Cannes. Für Berlin bleiben die Franzosen, die Cannes nicht will, die Hollywood-Produkte ohne Oscar-Hoffnungen, größere Namen mit kleineren Filmen und die Deutschen (bei denen dieses Jahr in der Vorauswahl weit und breit nichts Überragendes in Sicht war).

Die Berlinale muss in unbekannten Filmländern suchen

So muss die Berlinale die Ränder des etablierten Filmuniversums abgrasen, in Südamerika, Osteuropa, Afrika, Asien. Es ist kein Wunder, dass die Bären-Gewinner der letzten Jahre von dort stammen, und der Berlinale gebührt das große Verdienst, diese Kinematografien auf die Weltkarte zu setzen.

So notwendig diese Talentsuche ist, so frustrierend kann sie sein. Fatih Akin etwa war ein deutscher Nachwuchsfilmer, als ihn der Goldene Bär für "Gegen die Wand" ins internationale Rampenlicht katapultierte; seitdem hat er der Berlinale keinen Film mehr angeboten, nur noch Cannes. Asghar Farhadi ist ein Berlinale-Gewächs, sein "Alles über Elly" gewann den Silbernen Bären und "Nader und Simin" den Goldenen, dem noch Golden Globe und Oscar folgten; sein neuster Film wird in Cannes uraufgeführt. Warten wir ab, wo Călin Peter Netzers nächster Film laufen wird.

Apropos Netzer. Anhand von Günter Netzer lässt sich gut erklären, was mit der Berlinale geschieht. Groß geworden ist Netzer bei Borussia Mönchengladbach – aber irgendwann kaufte Real Madrid das Talent weg. Die Berlinale ist das Borussia Mönchengladbach der Kinowelt, wobei das Borussia-Spitzenteam der 1970er gemeint ist. Sie entdeckt Talente, vermag sie aber nicht zu halten.

Berlin verliert die Talente an Cannes

Sie kann ihnen nicht die finanzielle Perspektive bieten, denn in Deutschland gibt es nur einen Weltvertrieb, der Verkäufe garantieren kann; Frankreich hat ein knappes halbes Dutzend. Und der Ruf des Berlinale-Wettbewerbs hat stark gelitten: Um bekannt zu werden, kann man nach Berlin, um berühmt zu werden, muss man nach Cannes.

Das ist das Dilemma von Berlin. Einen einfachen Ausweg, wie das Auswechseln des Direktors oder seines Auswahl-Komitees, gibt es nicht. Und doch ist es Zeit, der sich schleichend verschlimmernden Krise des Wettbewerbs Einhalt zu gebieten, weil sie den Ruf des gesamten Festivals gefährdet. Der eine radikale Schnitt, seine Abschaffung, wäre Selbstmord aus Angst vor dem Tod; das viel zitierte Beispiel Toronto, das ohne Preisvergabe auskommt, sticht nicht, denn Toronto hat den eingebauten Datumsvorteil des Aufgalopps zu den Oscars.

Ein anderer Schnitt hingegen scheint möglich: den Wettbewerb von dem Ballast der Durchschnittlichkeit zu trennen, den man in Kauf nimmt, damit die Stars über den Teppich stolzieren. Die Stars sollen weiter kommen, aber für eine separate Sektion, nennen wir sie "Spezial". Dann aber bräuchte man zwanzig wagemutige, aufregende, stilsichere Filme für den Wettbewerb, und davon waren wir dieses Jahr weit entfernt. Die wenigen Perlen, die es gab, hat Wong Kar-wais Jury zielsicher herausgefischt.

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