17.02.13

"Blauwärts"

Enzensbergers Hommage an einen Flüchtigen

Hans Magnus Enzensberger hat gedichtet, Jan Peter Tripp gemalt und Justine Landat ein Buchkunstwerk daraus gemacht. Doch eigentlich ist "Blauwärts", das Buch, eine Hommage an einen schmerzlich Vermissten.

Foto: picture-alliance/ dpa

„Esoterik nicht nötig. Das Übersinnliche: / gern, aber lieber portofrei und ganz in der Nähe“: der Lyriker, Essayist und prinzipiell schwer festlegbare Hans Magnus Enzensberger
"Esoterik nicht nötig. Das Übersinnliche: / gern, aber lieber portofrei und ganz in der Nähe": der Lyriker, Essayist und prinzipiell schwer festlegbare Hans Magnus Enzensberger

"Blauwärts" bewegt sich der Leser, der über diesem Buch zum Betrachter mutiert, weil Bild und Text sich so eng aneinander schmiegen. In die Ferne und Tiefe des Wassers scheint er zu streben. Sein blaues Wunder könnte er, nimmt man den Titel in seinem ganzen Anspruch ernst, in der Unschuldsbläue des Mantels erleben, den die Mutter Gottes auf mittelalterlichen Gemälden trägt.

Die Gewänder der Tuaregs im Norden Malis zeigen uns ein eher noch hoffnungsvolleres, leuchtenderes Blau, ein Enzianblau, das Novalis in seinem "Heinrich von Ofterdingen" als die Farbe der Blauen Blume der Poesie in unser Spektrum gestellt hat. Hans Magnus Enzensberger vermutet das blaueste Blau "Hinter der Nebelwand im Gehirn".

Freilich könnte man auch denken, dass Justine Landat, die hier Gedichte in Bildern "inszeniert" hat, uns das Blaue vom Himmel herunter lügt oder zumindest uns einen blauen Dunst vorzumachen versucht. Ein paar Abstriche muss man wohl machen.

"Blauwärts" führt weder zur Madonna, noch zu den Tuaregs: "Esoterik nicht nötig. Das Übersinnliche: / gern, aber lieber portofrei und ganz in der Nähe." Hans Magnus Enzensberger, der im November 1929 in Kaufbeuren zur Welt kam und in München lebt, bleibt auch im Alter ein intellektueller und disziplinierter Kopf.

"Plötzlich / sind Souvenirs aus Timbuktu da, / Ikonen, geraubte Säuglinge. Überall / ein und dieselben Rasierklingen, / Kongressteilnehmer und Killerbienen", soviel Gegenwart und Analyselust signalisierte schon Enzensbergers Gedicht "Weltmarkt" im Band "Leichter als Luft" des Jahres 1999. "Weichere Wörter, / weniger Krach in der Lyrik / und im Verbrauchermarkt", das forderten jene "moralischen Gedichte" von vor vierzehn Jahren, und bis heute ist Hans Magnus Enzensberger ein genügsamer Metaphysiker geblieben.

Alte Bekannte

Aber warum nun dieser "Ausflug zu dritt", der ins Blaue führen soll? Der deskriptive, hyperrealistische Radierer, Zeichner, Akrylmaler und Bühnenbildner Jan Peter Tripp, geboren 1945 im Allgäu, hat seine unabhängig von den Gedichten entstandenen Realfantasien zu diesem gemeinsamen Ausflug beigesteuert. Tripp, der Meisterschüler von Rudolf Hausner, dem Mitbegründer der Wiener Schule des Fantastischen Realismus, war in Oberstdorf im Allgäu ein Mitschüler des späteren Schriftstellers W. G. Sebald gewesen.

1976 hatten sich beide in Stuttgart wiedergetroffen; eine lebenslange Freundschaft war daraus entstanden. Jan Peter Tripp schenkte damals dem Autor ein Porträt des Juristen Daniel Paul Schreber, unter dessen abgehobener Kalotte eine Spinne als Sinnbild der "immerfort wuselnden Gedanken", so Sebald, hervor kriecht. Jener Jurist war als Sohn des Pädagogen und Orthopäden Schreber, des Namensgebers der Schrebergarten-Bewegung, einer der berühmten frühen Patienten der Psychoanalyse geworden.

Zweifellos hat sich W. G. Sebald für diesen Daniel Paul Schreber mit dem Spinnenhirn interessiert. Über diese Zusammenhänge erfährt man Einiges in der später von Florian Höllerer edierten Rede Sebalds zur Eröffnung des Stuttgarter Literaturhauses: "Zerstreute Reminiszenzen" von 2008.

Möchte man verstehen, was Jan Peter Tripp, W. G. Sebald, der sich auch Max nannte, und Hans Magnus Enzensberger miteinander zu tun haben, muss man sich diesem kleinen Ausflug in die Literatur- und Geistesgeschichte anschließen. Enzensberger ist als Herausgeber der "Anderen Bibliothek" so etwas wie der Entdecker W. G. Sebalds gewesen.

"Der uns naheging"

So kam es, dass Enzensberger ein Gedicht zu einer gemeinsamen Publikation von Sebald und Jan Peter Tripp beigesteuert hat. Es handelt sich um den Band "Unerzählt", der 33 Texte Sebalds und 33 Radierungen Tripps enthält, erschienen im Hanser Verlag 2003.

Gewiss waren sich der Suhrkamp Verlag, Hans Magnus Enzensberger und Jan Peter Tripp dieser Zusammenhänge bewusst und wollten nun gemeinsam fünfzig neue Enzensberger-Gedichte blauwärts in einem schönen durch Grafiken und auch durch Fotos bereicherten Band auf den Weg geben. Die fünf Porträts des alten "Max" Sebald zählen mit Enzensbergers Gedicht über den, "Der uns naheging", zu den anrührendsten Zeugnissen dieses Bandes. Sebald (Max oder W. G.), Enzensberger und Tripp sind das eigentliche Trio dieses "Ausflugs zu dritt".

Dass die Buchgestalterin Justine Landat, die in Werbeagenturen arbeitete, dieses ganz unbestritten schöne Buch "inszeniert" hat und zugleich – statt Sebald – die Dritte im Bunde sein soll, leuchtet unter literarästhetischen Gesichtspunkten nicht unmittelbar ein. Die Geschichte der Buchgestaltung ist geprägt von wunderbaren Künstlern und Herstellern, die oft erst bekannt wurden, nachdem die von ihnen gestalteten Bücher längst erschienen waren.

"Gleichsam als Brille auf der Nase"

Im Falle von "Blauwärts" sind Gedichte und Bilder mit viel Feingefühl einander zugeordnet, aber die Eingriffe in die Druckanordnung einiger Gedichte stören denn doch.

Hans Magnus Enzensberger hat sich große Verdienste um die moderne deutschsprachige Dichtung erworben, und er ist einer der ganz großen Aneigner zeitgenössischer Poesie aus dem Ausland. Er ist einer der Entdecker und Förderer von Ausdrucksformen der Moderne, doch die stern- oder zickzackförmige Anordnung seiner Gedichtzeilen machen ihn noch nicht zum experimentellen, visuellen Dichter, dessen Poesie ihre Impulse aus der grafischen Gestaltung gewinnt.

Diese schafft hier keinen Surplus. Eher macht sie die Lektüre mühsam und den Leser missmutig, weil er keinen Sinn darin erkennt, Gedichtzeilen erst durch ständiges Verkanten des Buches lesbar zu machen. Die beglückende Augenkunst dieser neuen Gedichte offenbart sich nicht im Schriftbild, sondern in ihrer naturkundlichen Genauigkeit und Tiefenschärfe, auch in Witz und Gewitztheit des Urteils. Und damit die Augen nicht ins bloße Schweifen geraten, sitzt die Idee "gleichsam als Brille auf unserer Nase".

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
U.S. President Barack Obama and First Lady Michelle wave as they board Air Force One to depart from Berlin
19.06.13Minutenprotokoll
Obama in Berlin – Bye Bye, Mr. President

US-Präsident Barack Obama, Ehefrau Michelle und die Töchter Sasha und Malia haben in Berlin ein eng getaktetes Programm absolviert. Der Tag der Obamas im Minutenprotokoll. mehr...


Joachim Sauer zeigt Malia (l.) und Sasha sowie Michelle (r.) und Auma Obama die Mauergedenkstätte. Er habe viele Geschichten erzählt, heißt es später
07:24"Sonderprogramm"
Joachim Sauer erklärt der First Family die Hauptstadt

Michelle Obama und ihre beiden Töchter Malia und Sasha haben mit Angela Merkels Ehemann Joachim Sauer Holocaust-Mahnmal, "Mauerpanorama" und Bernauer Straße in Berlin-Mitte besucht. mehr...


Zwei Linkshänder mit Humor: US-Präsident Barack Obama und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am Brandenburger Tor in Berlin
07:31Obama in Berlin
Was Klaus Wowereit und Barack Obama gemein haben

Berlins Regierender Bürgermeister findet auf dem Podium am Brandenburger Tor einen lockeren Umgangston mit US-Präsident Barack Obama. Die beiden verbindet eine Gemeinsamkeit aus ihrer Jugend. mehr...


„Das Internet ist für uns alle Neuland“, sagte Kanzlerin Merkel in einer Pressekonferenz mit US-Präsident Obama
19.06.13Häme bei Twitter
"Die kleine Angela möchte aus #neuland abgeholt werden"

Mit einer Bemerkung über das Internet zog Kanzlerin Merkel im Netz viel Spott auf sich. In Sekundenschnelle wurde #Neuland zum meistdiskutierten Begriff auf Twitter in Deutschland. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
Top-Thema

Aus dem Bett ihrer Suite im „Ritz-Carlton“ kann das Präsidentenpaar auf den Potsdamer Platz schauen
Obamas Hotel in Berlin

Hier übernachtet die First Familiy

Video Nachrichten mehr
Berlin-Besuch Obamas Rede in voller Länge
Berlin Präsident Obama verabschiedet sich nach dem Dinner
Berlin-Besuch Absperrungen und Hitze am Brandenburger Tor
Deutschland-Besuch Familie Obama zu Gast in Berlin
 
Top Bildershows mehr
US-Präsident

Barack Obama und sein Tag in Berlin

Eigenes Programm

First Lady Michelle Obama in Berlin

First Lady

Das ist die Stilikone Michelle Obama

Bei 35 Grad

Dirk Nowitzkis 35. Geburtstag in Berlin

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote