16.02.13

Filmpreis Der wilde Osten räumt bei 63. Berlinale ab

So, 17.02.2013, 00.02 Uhr

Der Film „Child's Pose“ des Regisseurs Călin Peter Netzer gewann als bester Film die Berlinale. Den Silbernen Bären als bester Hauptdarsteller gewann der Bosnier Nazif Mujic, ein Laienschauspieler.

Video: Reuters
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Von Hanns-Georg Rodek

Die Gewinner der Berlinale stehen fest: Der Goldene Bär geht an Calin Peter Netzer für den Film „Die Stellung des Kindes“ über Seilschaften in Rumänien. Drei überragende Filme kommen aus Osteuropa.

Die Berlinale hat ein Problem. Gut, sie hat mehrere. Aber das größte sind ihre Gewinner. Es sind ausgezeichnete Filme, wie "Pozitia Copilului" (Stellung des Kindes) von Calin Peter Netzer, der am Samstagabend den Goldenen Bären in Empfang nahm. Oft sogar rangieren sie unter den besten ihres Jahrgangs, wie vor zwei Jahren "Nader und Simin – eine Trennung", der nach Berlin auch den Oscar gewann.

Aber man bekommt sie nicht zu sehen. 300.000 Kinoverrückte stürmen die Vorstellungen des Festivals, dann hebt das Raumschiff Berlinale wieder in den Hyperraum ab. Zurück bleiben die Filme, nun auf sich selbst gestellt und vom etablierten Distributionssystem aufs Schändlichste im Stich gelassen. Berlinale-Gewinner brauchen zwischen einem halben und anderthalb Jahren, um in die deutschen Kinos zu kommen, denn die Verleiher kümmern sich nicht um sie, weil keine großen Namen beteiligt sind.

"Calin Peter Netzer?" werden die Verleihchefs fragen. "Verwandt mit dem bekannten Netzer?" Nein, ein 37-jähriger Rumäne, dessen drei bisherige, vielfach ausgezeichnete Spielfilme keinen deutschen Verleih interessierten. Sein "Die Stellung des Kindes" – der Titel bezieht sich auf die gleichnamige Yoga-Stellung – ist eine Studie alter und neuer Seilschaften im heutigen Rumänien, kombiniert mit dem Konflikt eines erwachsenen Sohnes mit seiner besitzergreifenden Mutter; sie nimmt einen von ihm veranlassten Unfall zum Anlass, erneut ihre erstickenden Fittiche über ihm auszubreiten.

Wer ist Luminita Gheorghiu?

Das ist brillant geschrieben, temporeich inszeniert und von Luminita Gheorghiu als Mutter bewundernswert gespielt. Doch wer, um einen Verleiher von morgen zu zitieren, ist Luminita Gheorghiu? Den Preis für die beste Darstellerin ging an die Chilenin Paulina García, die als Witwe "Gloria" voller Lebensmut nochmals auf Partnersuche geht.

Einige Verleiher könnten Danis Tanovic kennen, dessen "No Man's Land" den Oscar gewann. Auch seine "Episode aus dem Leben eines Eisensammlers", die ihm den Großen Preis der Jury und dem Laien-Hauptdarsteller Nazif Mujic den Schauspieler-Preis einbrachte, spielt in Ex-Jugoslawien.

Ein Roma-Vater hält seine Familie mit dem Sammeln von Alteisen über Wasser, doch als das Baby im Mutterleib seiner Frau stirbt, verlangt das Krankenhaus für die Operation Vorkasse. Der "Eisensammler" besticht durch die fatalistische Unaufgeregtheit, mit der er sein dramatisches Geschehen erzählt.

Der dritte überragende Film stammt ebenfalls aus dem wilden Osten, aus Kasachstan. Er heißt "Uroki Garmonii" (Lektionen in Harmonie) und auch dessen Regisseur Emir Baigazin kennt hierzulande kein Mensch. Selbst der Markenname "Bären-Gewinner" dürfte nicht stark genug sein, das zu ändern.

(Hanns-Georg Rodek)
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