15.02.13

"Tokyo Family"

Seufzen zu Ehren des japanischen Kino-Meisters

Lernen von den Älteren: Mit "Tokyo Family" legt der japanische Regisseur Yoji Yamada ein Remake des berühmten Films "Reise nach Tokio" von Yasujiro Ozu vor – humorvoll und melancholisch.

Foto: Berlinale

Läuft auf der Berlinale: „Tokyo Kazoku“, Yoji Yamadas Hommage an „Reise nach Tokyo“, das Meisterwerk seines Lehreres Yasujiro Ozu von 1953
Läuft auf der Berlinale: "Tokyo Kazoku", Yoji Yamadas Hommage an "Reise nach Tokyo", das Meisterwerk seines Lehreres Yasujiro Ozu von 1953

"Kein Platz für Eltern" von Leo McCarey war 1937 einer der größten Misserfolge im Hollywoodkino der 1930er Jahre und zugleich einer der folgenreichsten Filme, die dieses Jahrzehnt hervorbrachte. Die Tragikomödie handelt von einem älteren Paar, das sein Zuhause verliert und entdecken muss, dass es im Leben ihrer Kinder überzählig ist. Der Misserfolg war nachhaltig. Bertrand Tavernier bemühte sich mehrfach darum, McCareys Film zumindest dem französischen Publikum näher zu bringen, scheiterte jedoch jedes Mal.

Der Film fand andere Wege, Filmgeschichte zu schreiben. Der Japaner Yasujiro Ozu schätzte ihn so sehr, dass er nach seinem Vorbild 1953 "Reise nach Tokio" drehte. Auch in der Zeit des New Hollywood wurde er wiederentdeckt: Paul Mazurskys "Harry und Tonto" lehnt sich an McCareys Film an. Tavernier erwies ihm mit "Daddy Nostalgie" seine Reverenz. Und als Doris Dörrie vor einigen Jahren mit "Kirschblüten – Hanami" ihre Hommage an "Reise nach Tokio" drehte, hatte sie die Inspirationsquelle Ozus sehr wohl im Hinterkopf.

Besitzt es nicht eine schöne Unausweichlichkeit, wenn Yoji Yamada, ehemaliger Regieassistent Ozus und einer seiner gelehrigsten Schüler, nun ein offizielles Remake des berühmtesten Films seines Meisters vorstellt? "Tokyo Kazoku" (Tokyo Family) ist ein mehrfacher Jubiläumsfilm – das Original kam vor 60 Jahren in die japanischen Kinos und Yamada kann auf eine 50-jährige Regiekarriere zurückblicken –, mithin eine weihevolle, ja offiziöse Angelegenheit. Sonntagsreden werden in diesem filmischen Festakt indes keine gehalten.

Bei der Galavorführung blieben nur wenige Augen trocken

"Tokyo Family" folgt dem damaligen Drehbuch von Ozu und Kogo Noda erstaunlich getreu. Die Geschichte des Rentnerpaares aus der Provinz, das seine drei Kinder in der fernen Hauptstadt besucht und von ihnen wie eine lästige Stafette weitergereicht wird, hat Yamada sacht in die Gegenwart transportiert. Aber auch mit Handys und GPS kommen sich die Generationen nicht viel näher als zuvor. Vollends überzeugend ist die Aktualisierung nicht: Im Alter von 68 Jahren ist man heutzutage in der Regel rüstiger, als es Senioren in Ozus Nachkriegsjapan noch waren.

Yamada nimmt gegenüber dem Original eine entscheidende Änderung vor. Dort war die im Krieg verwitwete Schwiegertochter Noriko (gespielt von Ozus Lieblingsdarstellerin, der sublimen Setsuko Hara) die Einzige, die ein herzliches Interesse an den betagten Besuchern zeigte. Bei Yamada lebt der Sohn noch. Er erscheint anfangs als der nichtsnutzigste unter den Kindern. Seine Freundin Noriko, die hier eine Spur zu herzig geraten ist, will zwischen ihm und dem strengen Vater vermitteln.

Stärker als sein Meister setzt Yamada humorvolle Akzente. Die Wehmut des Films schmälert das nicht. Wenn ich das Rascheln der Taschentücher und die Seufzer der Zuschauer in meiner Reihe hochrechne, blieben bei der Galavorführung im Friedrichstadtpalast offenbar nur wenige Augen trocken. Yamada absolviert das Pflichtprogramm. Er zitiert ikonische Ozu-Einstellungen, tut dies aber so knapp und dezent, dass sein Film nicht im Hommage-Gestus stecken bleibt.

Generationenvertrag zwischen zwei Künstlern

Sein Remake vermeidet es ehrfürchtig, das Original zu übermalen. Das wäre ohnehin aussichtslos, gehört es doch zu den Ewigkeitswerken der Filmgeschichte. Yamada zeigt sich vielmehr als Schüler, der in der Manier des Lehrers arbeitet. Der Generationenvertrag hat zwischen diesen beiden Künstlern noch eherne Gültigkeit. Er ist ihrer Seelenverwandtschaft geschuldet. Yamada filmt seine Figuren mit jener Höflichkeit, mit der man einem geplagten Gast ein weiches Kissen reicht.

Er gehört seit "Twilight Samurai" von 2003 zu den bescheiden funkelnden Fixsternen der Berlinale; nicht nur seine Samurai-Trilogie, auch die ihr nachfolgenden Filme waren eine Verabredung, auf die man sich alle zwei Jahre zuverlässig freuen durfte. Sie schienen stets aus einer anderen Zeit in die Gegenwart hinüber geweht zu sein. Dieses Element konservativen Widerstands zeigt sich in diesem Jahr auch in einem bezeichnenden technischen Aspekt. Während "Reise nach Tokio" als Berlinale Classic in einer digital restaurierten Fassung projiziert wird, zählt "Tokyo Family" zu den kaum zehn Prozent von Filmen, die noch auf Zelluloid gedreht wurden.

In der Zusammenschau der Filme werden die unterschiedlichen Handschriften deutlich. Ozus Stil ist konzentrierter, er kadriert seine Stillleben des Alltags rigider. Yamada trägt Sorge dafür, den Hintergrund seiner Bilder geschäftiger wirken zu lassen. "Tokyo Family" ist der zerstreutere Film. Ozus Einverständnis mit der grausamen Einrichtung der Welt ist melancholisch. Sein Schüler hingegen räumt diskret der Zuversicht ihren Platz ein. Es ist müßig, ihre Qualitäten gegeneinander auszuspielen; Klassiker und Hommagen spielten noch nie in der gleichen Liga. Beide Filme erzählen eine Geschichte, die jeder Generation neu nahegebracht werden darf. Sie ist heute so herzzerreißend aktuell, wie sie es schon 1937 war.

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