14.02.13

Rechtsphilosoph

Ronald Dworkin machte die Moral lebendig

Ronald Dworkin hat die angloamerikanische Rechtsphilosophie in Theorie und Praxis geformt – gegen alle Widerstände. Nun ist der Amerikaner im Alter von 81 Jahren in London gestorben.

Von Mara Delius
Foto: dpa

Der Rechtsphilosoph Richard Dworkin bei einer Rede im Quirinalspalast in Rom
Der Rechtsphilosoph Richard Dworkin bei einer Rede im Quirinalspalast in Rom

Was bedeutet es, angelsächsisch zu denken? Einfach gesagt: intellektuell in England und in Amerika zu Hause zu sein, die Geistestraditionen beider Länder verwoben fortzuführen. Komplexer: ihre eigentümliche Beweglichkeit voranzutreiben, indem Wissenschaft und ihre Anwendung im Leben zusammengedacht werden.

In den Bereichen von Philosophie und Recht, jenen seit ihrer Entstehung ineinanderwachsenden Feldern des Nachdenkens über das gute Leben, hat in den vergangenen fünfzig Jahren vor allem ein Denker diese Eigenheit beschützt und beherzigt: Ronald Dworkin.

Die Widerstände hätten kaum stärker sein können. In der Rechtsphilosophie, gerade in ihrer jahrhundertealten kontinentaleuropäischen Ausprägung, liegt es nahe, jeden Text, der vor einem liegt, als Gesetz zu behandeln, also ihm mit einer ernsten Ehrerbietung zu begegnen, die jedoch oft respektvoll stumm vor den Buchstaben erstarrt.

Widerstand gegen die Kontinentalphilosophie

Wäre es vielleicht möglich, einem Gesetzestext nicht als flacher, papierner Sachlage zu begegnen, sondern wie einem Versprechen, das umgesetzt werden will, weil es den Aufruf in sich trägt, ins Lebendige verwandelt zu werden? Das war die leuchtende Herausforderung, die Ronald Dworkin kühl erkannte, und der er sich ein Leben lang stellte.

Seine Biografie liest sich wie eine Meistererzählung aus der angelsächsischen Akademikerwelt, mit Schauplätzen von schiefergrauen Ostküstenstädten über zugige Collegehallen bis in das wilde Dickicht des Denkens in Manhattan.

Dworkin, 1931 geboren, wächst in kargen Verhältnissen in Rhode Island auf, gewinnt ein Jurastipendium für Harvard, fällt durch Schärfe und Brillanz auf, wird als Rhodes Scholar für Philosophie nach Oxford geschickt, kehrt 1957 zurück, um einem der einflussreichsten Richter des Landes zu assistieren.

Recht bedeutet Moralität

Dort, über dem Atlantik, hat Dworkin seine Philosophie gefunden, sie ist es, die ihn aus der juristischen Praxis wieder ins Denken und an die Universität, nach London und New York zurücktreibt: eine gelassene Renitenz in Moralfragen. Es müsse bei Fragen des Rechts immer um die Verantwortung gegenüber individueller und kollektiver Moralität geben, schreibt Dworkin.

Aus heutiger Sicht mag das zahm klingen. In den Siebziger- und Achtzigerjahren aber, in denen Dworkin seine aus politischen Debatten um Gleichheit und Abtreibung etwa geformten Thesen zu einflussreichen Werke wie "A Matter of Principle" und "Law's Empire" meißelte, wirkten sie wie Affronts gegen die vorherrschende rechtspositivistische Lehre. "Taking Rights Seriously" von 1977 brach mit den beiden anderen wichtigsten Stimmen der Zeit, der von John Rawls und der von Richard Rorty.

Dass Dworkins Moralität eben nichts Erkaltetes oder Karges innewohnt, im Gegensatz zur von Kant geprägten Kontinentalphilosophie, zeigte sein letztes Werk, "Justice for Hedgehogs" (2011), das vergangenes Jahr auf Deutsch als "Gerechtigkeit für Igel" erschien: Der Titel bezieht sich auf Isaiah Berlins Unterscheidung zwischen Intellektuellen, die, wie der Fuchs, viele Ideen haben, und denjenigen, die eine große haben. "Wenn wir es schaffen, ein gutes Leben zu führen", schreibt Dworkin in seinem manchmal blumigen, aber nie parfümierten Ton, "glitzert unser Leben wie winzige Diamanten im kosmischen Sand".

Am Donnerstag ist der Atlantiker Ronald Dworkin im Alter von 81 Jahren in London gestorben.

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