14.02.13

Eurovision Song Contest

Berlin singt "LaLaLa" - ESC-Vorentscheid skurril wie nie

Ohne Stefan Raab wird am Abend entschieden, wer Deutschland in Malmö vertritt. Die ARD setzt auf alte Ideen und unbekannte Künstler.

Von Holger Kreitling
Foto: dpa

"Unser Song für Malmö" heißt die Show, in der sich entscheiden wird, wer Deutschland beim ESC in Schweden vertritt. Zwölf namhafte Acts werden dafür mit eigenen Songs in Hannover vor rund 11.000 Zuschauern auf der Bühne stehen. Die Show wird von Anke Engelke (Foto) moderiert. Und diese Künstler treten an:

13 Bilder

Überraschende Botschaften auf Lateinisch zu verkünden ist keine Sache des Papstes allein. An diesem Donnerstag singen Pater Vianney Meister, Abt Rhabanus Petri und Diözesanpriester Andreas Schätzle die Worte: "Ave maris stella, Dei Mater alma, Atque semper Virgo, Felix caeli porta". Meerstern, sei gegrüßet, Gottes hohe Mutter, allzeit reine Jungfrau, selig Tor zum Himmel! Zu diesem Stundengebet aus dem elften oder zwölften Jahrhundert gibt es ordentlich Schlagzeug und Kawumms-Pathos.

Die Priester & Mojca Erdmann, wie die Casting-Band heißt, wollen aber nicht zum Mittelalter-Festival auf Burg Dunkelhausen, sondern zum Eurovision Song Contest (ESC) in Malmö. Bloß keine Vorurteile: Im Nebenberuf war das Projekt bisher ziemlich erfolgreich. Könnten Sakro-Pop und die lingua franca des ersten Jahrtausends also europaweit neue Anhänger gewinnen?

ESC-Kooperation mit Stefan Raab ausgelaufen

Sprachliche Alternativen zum Latein gibt es genügend. Die bayerische Band LaBrassBanda singt in "Nackert" recht unverständlich in Mundart, es geht wohl um einen Nachmittag am See mit der schönen Huaba Vroni. Die Sängerin Betty Diettrich glänzt dagegen mit der klar artikulierten Aufforderung "LaLaLa".

Der Gesangswettbewerb dümpelt in diesem Jahr vor sich hin als müsse es ihn gar nicht geben. Die ARD hat das Verfahren wieder an sich gezogen, nachdem die Kooperation mit Stefan Raab und ProSieben ausgelaufen ist. Und siehe: Es geht allenthalben rückwärts, vom einstigen Kuchen liegen bloß Krümel auf dem Tablett. Die Idee, in Castingshows den Sänger für Deutschland zu finden, hatte im vergangenen Jahr enttäuschende Quoten erbracht. Präzeptor Thomas D. war ein weit weniger glücklicher Zampano als Raab, obwohl der gekürte Roman Lob in Baku 2012 einen respektablen achten Platz ersang.

Zwölf fast unbekannten Teilnehmern und ein kompliziertes Verfahren

Diesmal gibt es eine Show mit zwölf fast unbekannten Teilnehmern, übertragen wird aus einer Arena in Hannover. Das Auswahlverfahren ist enorm kompliziert. Um mit den Priestern im Kirchen-Bild zu bleiben: Beim berühmten Investiturstreit nach 1076 kann es nicht unübersichtlicher gewesen sein. Damals fanden Reichstage, Synoden und Konzile statt mit der Frage, wer wen ins Amt einsetzen darf. Alle wollten mitmachen.

2013 geht die Amtseinsetzung so: Ein Drittel Einfluss haben ARD-Radiohörer, die seit Tagen online abstimmen sollen. Ein Drittel Einfluss hat das Fernsehpublikum, das nach der Show per Telefon wählen soll. Ein Drittel Einfluss liegt in den Händen einer Jury. Darin sitzen die Sänger Roman Lob und Tim Bendzko, Anna Loos, Schauspielerin und im Nebenberuf Sängerin der Band Silly, ESC-Moderator Peter Urban und Mary Roos. 1972 errang Roos mit "Nur die Liebe lässt uns leben" den dritten Platz beim ESC in Edinburgh. Damals gewann übrigens Vicky Leandros für Luxemburg. Sehr lange her.

Es drohen lange Jahre im Mittelmaß

Die ARD gibt sich alle Mühe, das neue System als Erfolg zu verkaufen. Unter anderem wollte man der schwedischen Sendung "Melodienfestivalen" als Vorbild folgen, aus der die spätere ESC-Siegerin Loreen mit ihrem Dance-Popsong "Euphoria" hervorgegangen war. Aber "Melodienfestivalen" ist eine lange eingeführte, beim Publikum sehr beliebte Sendung, und was mit "Unser Star für Malmö" wird, ist bis zum Abschneiden Mitte Mai in Malmö erst mal unklar.

Stefan Raab hatte den deutschen ESC erfolgreich beherrscht und mehr oder weniger komplett an sich gezogen, das hat namentlich den WDR als begleitende Anstalt ein wenig bedrückt. Raab hatte Lena Meyer-Landrut gefunden, die sich kurzzeitig zum Star mauserte und praktisch ganz Europa verzückte. So etwas passiert nicht ständig. Es sind nun wohl lange Jahre im Mittelmaß zu befürchten.

Hamburgerin Mia Diekow orientiert sich an Lena

Natürlich ist der ESC keine Bühne für gestandene Größen, die Blamage wäre kontraproduktiv. Auffällig sind nun einige Kopisten im Feld. Cascade aus Bonn, erfahrene Dance-Pop-Band, eifern mit "Glorious" deutlich dem Vorjahressieger "Euphoria" nach, bloß etwas heller und blonder. Feiste Elektroklänge nach der Rezeptur des Franzosen David Guetta sind gleich mehrfach vertreten. Das mag mehrheitsfähig sein oder nicht, kommt ein bisschen darauf an, ob nicht bloß die Fans von Mary Roos vor dem Fernseher sitzen.

Die Hamburger Sängerin Mia Diekow präsentiert ihr "Lieblingslied", als habe sie Tanzstunden bei Lena Meyer-Landrut genommen, und der Rhythmus des Liedes ähnelt ebenfalls "Satellite".

Gute Chancen für die Söhne Mannheims

Einziger bekannter Act und schon deshalb mit einer höheren Gewinnchance ausgestattet sind die Söhne Mannheims. Ohne Xavier Naidoo singen sie "One Love", ein Melange aus HipHop, Soul und R'n'B, die sowohl im Text als auch musikalisch eher angestrengt und gewollt klingt als lässig. Refrain: "One Love. Wir werden keinen Schritt weiter kommen ohne zu riskieren." Da ist trotz der holprigen Sprache etwas dran. Moderatorin der Sendung wird Anke Engelke sein, sie sagt: "Die Mischung ist wild, anders kann man das nicht sagen". Wenn wir im voraus einen Gewinner von "Unser Star für Malmö" prognostizieren müssten, dann Anke Engelke.

Eine Sendung, dann Schluss. Ab nach Malmö. Ein ähnlich kurzes Verfahren hat es zuletzt 2008 gegeben, damals traten in Hamburg fünf Konkurrenten an. Es siegte die Mädchen-Band No Angels mit dem Lied "Disappear" – und verschwand prompt beim ESC auf dem drittletzten Platz. Man muss nun kein Kleriker oder Konzils-Erfahrender sein, um zu sagen: schlechtes Omen. In "Ave maris stella" heißt es hoffend noch: "Lös der Schuldner Ketten, mach die Blinden sehend, allem Übel wehre, jeglich Gut erwirke".

"Unser Song für Malmö", ARD, heute Abend (14. Februar 2013), 20.15 Uhr.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Sonderabgabe Zukunft des "Soli" spaltet Länderchefs
Ebola Dieses Flugzeug soll Leben retten
Fans besorgt Angelina Jolie hat gesündigt
Per Zufall Bibliothekar findet Shakespeare-Original
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Transport mal anders

Unterwegs per Elektro-Einrad oder schwimmendem Bus

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote