11.02.13

"Günther Jauch"

Bruder gegen Bruder im Glaubenskrieg um die Pille

Bei Günther Jauch hat selten eine Sendung so viel Aufregung ausgelöst wie die über die "Pille danach" und die katholische Kirche. Jauch setzte am Sonntag erneut auf das Thema - mit vielen Emotionen.

Foto: pa/ZB/dpa-ZB
Günther Jauch
Günther Jauch diskutierte mit seine Gästen: "Die Glaubens-Frage: Wie lebensnah ist die Kirche?"

Ein 58 Jahre alter Mann sieht Fernsehen und schreibt danach einen am Kern seines Lebens kratzenden Brief. Er schreibt, dass seine Mutter bei einer Vergewaltigung geschwängert wurde und er das daraus entstandene Kind ist. Bis heute wisse er nicht, wer sein Vater ist. Kontakt zu seiner Mutter, die sich von ihm abgewandt habe, habe er keinen mehr.

"Ich habe bis jetzt nur darunter gelitten", schreibt der Mann zu seinem Leben als ungewolltes Kind. Die Vorwochen-Sendung von Günther Jauch zum Thema Kirche hat den Mann zu diesem Brief veranlasst, Jauch las Auszüge an diesem Sonntagabend vor.

Selten bekam der Moderator ein solches Feedback auf eine Sendung wie auf die, in der er sich auch mit dem Fall des von katholischen Krankenhäusern in Köln zurückgewiesenen mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers befasste.

Die Entscheidung der Krankenhäuser, der Frau nicht die sogenannte Pille danach zu geben, hatte Martin Lohmann in der Sendung gerechtfertigt und dafür höhnisches Gelächter geerntet. Auch der Auftritt des Chefs des katholischen Fernsehsenders K-TV hat einen Mann dazu bewegt, einen Brief an Jauch zu schreiben.

Bruder gegen Bruder

Es war Lohmanns Bruder Klaus. Und auch bei ihm kratzte die Sendung so sehr an seinem Innersten, dass er nun selbst zu Jauch in die Sendung ging. Klaus Lohmann tat dort nichts weniger, als sich vor Millionen Menschen gegen seinen eigenen Bruder zu stellen. "Hätte ich dort gesessen, hätte ich ihm heftig widersprochen", sagte der Leiter eines katholischen Kindergartens. "Mir ist die Unterscheidung zu meinem Bruder wichtig."

So sehr berührt die aktuelle Glaubensdiskussion also viele, dass sogar Brüder gegen Brüder aufstehen und Menschen wie der Sohn der vergewaltigten Frau Intimstes von ihrem Schicksal berichten. Und wie krass steht dem entgegen, was zwei der profiliertesten konservativen Theologen zuletzt beizutragen hatten.

Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, der das unsägliche Wort über die "Pogromstimmung" gegen die katholische Kirche sprach. Und Kölns Kardinal Joachim Meisner, der seine Entschuldigung und Betrübtheit über den Vorfall in den Kölner Krankenhäusern nun um das Wort der "Katholikenphobie" ergänzte. Versucht da der Klerus, sich in eine Opferrolle zu bringen?

Weihbischof widerspricht Chef der Glaubenskongregation

Erzbischof Müller und Kardinal Meisner kamen nicht zu Jauch. Dafür wagte es nun mit dem Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke aber immerhin ein Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz in die Runde. Jaschke gewann beim Publikum gleich Sympathien, weil er von Anfang an Nachdenklichkeit und Selbstkritik spüren ließ: "Die Entfremdung bewegt mich wahnsinnig, sie macht mich krank", sagte er zur wachsenden Abwendung der Gläubigen von der Kirche.

Oder: "Kirche ohne die Menschen, ohne die Barmherzigkeit, ohne den Blick für die Menschen ist nicht Kirche." Und Jaschke ging auch auf Distanz zu Müller. "Ich halte gar nichts von solchen Worten", sagte er zum Begriff der Pogromstimmung. Konsequent vermied der Weihbischof jede Polarisierung. Hilfreich war für Jaschke, dass sich die "Konkurrenz" auf seine Seite schlug.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, versuchte erst gar nicht, seine von Skandalen verschonte Kirche als bessere Alternative anzupreisen. "Am Leibe Christi leidet ein Glied mit, wenn es dem anderen schlecht geht", sagte Schneider - die aktuellen Diskussionen würden der Kirche insgesamt schaden.

Grüne fordert Grundgesetzänderung wegen Kirche

Ohne einen Hardliner wie Martin Lohmann entwickelte die Sendung einen Charakter, in dem die persönlichen Erlebnisse und Bewertungen der Gäste eine große Rolle spielten. Linke-Politiker Oskar Lafontaine erzählte, warum er als ehemaliger Ministrant, der seinen Glauben nicht mehr praktiziert, dennoch nicht aus der Kirche austritt.

Es gehe ihm darum, eine Institution zu unterstützen, die die wichtige Aufgabe der Wertevermittlung übernehme. Moderator Johannes B. Kerner erzählte, warum er nach Jahren wieder in die Kirche eingetreten ist: "Als ich raus war aus der Kirche, habe ich mich der Kirche viel näher gefühlt." So drohte das Gespräch ein bisschen zu verplätschern, wäre nicht noch eine hochpolitische Komponente hinzugekommen.

Sylvia Löhrmann, Grünen-Politikerin, stellvertretende Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, brachte diese ein. Löhrmann forderte mit Blick auf die von der Verfassung gesicherten Sonderrechte der Kirche eine "Weiterentwicklung des Grundgesetzes".

Eine Art Verfassungskommission schlug sie vor, besetzt etwa mit Laien, Kirchenvertretern und Juristen. Der Aufhänger für diesen Vorschlag der Grünen-Politikerin ist das Selbstbestimmungsrecht der Kirche. Dieses steht neben dem allgemeinen Recht - was Löhrmann für problematisch hält. Konkret nannte sie die erhebliche juristische Stärkung der Antidiskriminierung im allgemeinen Recht in den vergangenen Jahren - im Kirchenrecht fehlt diese.

Kirchenrecht kann diskriminieren

Zu welchen erheblichen persönlichen Verwerfungen dies führen kann, zeigten drei Gäste. Ihre Fälle wirkten wie ein "Gar nicht" als Antwort auf den Sendungstitel "Die Glaubens-Frage: Wie lebensnah ist die Kirche?".

Da war Margret Köhler, eine Leiterin eines katholischen Kindergartens. Sie war geschieden und heiratete ein zweites Mal. "Die erste Reaktion war: 'Das dürfen Sie nicht!' Meine Antwort war: 'Das habe ich aber jetzt getan'", sagte Köhler. Sie verlor ihren Job.

Der zweite Fall war der von Laura Dalhaus, einer jungen Ärztin. Sie ist katholisch und arbeitet in einem katholischen Krankenhaus, kann aber wie viele ihrer Generation mit der Amtskirche nicht mehr viel anfangen. Doch falls sie konvertieren würde oder aus der katholischen Kirche austreten würde, würde sie wohl ihre Stelle verlieren. Und schließlich war da noch Heinz Höver.

Katholische Sexualmoral weckt negative Gefühle

Höver war katholisch und ehrenamtlich stark in der Kirche engagiert. Aber er ist homosexuell. Und nachdem er sich geoutet hatte, sei er von seinen Aufgaben ausgeschlossen worden - der Pfarrer habe ihn fortgejagt, sagte Höver bitter.

Im Einzelfall Hövers zeigte sich wieder, wie viele negative Emotionen die Sexualmoral der katholischen Kirche weckt. Als Weihbischof Jaschke sagte, bei der Haltung zur Homosexualität habe sich "sehr, sehr viel geändert", entwickelte sich ein Nein-doch-nein-doch-Dialog mit vielen Zwischenrufen Hövers.

Vermutlich ließe sich eine ganze weitere Jauch-Sendung mit dem Thema "Die Kirche und die Schwulen" füllen. Oder ähnlich emotional "Die Kirche und die Wiederverheirateten" - es haben sich rund um die katholische Kirche viele Gefühle aufgestaut, die gerade stark nach außen drängen.

Das sagten Günther Jauchs Gäste

Präses Nikolaus Schneider,

Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland:

"Am Leibe Christi leidet ein Glied mit, wenn es dem anderen schlecht geht."

Sylvia Löhrmann,

stellvertretende Ministerpräsidentin von NRW (Grüne) und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken:

"Die Kirche muss sich ernsthaft damit auseinander setzen, ob sie noch nah bei den Menschen ist und ob sie noch nah bei den Gläubigen ist."

Oskar Lafontaine,

Fraktionschef der Linken im saarländischen Landtag:

"Ich glaube an die katholische und christliche Soziallehre."

Hans-Jochen Jaschke,

Hamburger Weihbischof:

"Der Mensch muss der Weg der Kirche sein."

Johannes B. Kerner:

"Es ist doch gerade so, dass unsere Kirche kein Fettnäpfchen auslässt."

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