10.02.13

Fernsehen

ZDF startet letzte Staffel mit Kommissarin Sarah Lund

Diese Krimiserie gehört zu den besten, die aus Dänemark kommen. Jetzt sendet das ZDF die dritte und (erst einmal) letzte Lund-Staffel.

Von Elmar Krekeler
Foto: ZDF/Tine Harden

Die Chefin und der Assistent: Kommissarin Sarah Lund (Sofie Gråbøl) und Kriminalassistent (Pelle Koppel) am Tatort
Die Chefin und der Assistent: Kommissarin Sarah Lund (Sofie Gråbøl) und Kriminalassistent (Pelle Koppel) am Tatort

Einmal hat Kommissarin Sarah Lund von der Kriminalpolizei Kopenhagen tatsächlich Sex. Wahrscheinlich. Ganz genau wissen wir das nicht.

Irgendwann mitten in der dritten Staffel der legendären dänischen Fernsehserie, die Sören Sveistrup um sie und die Verbrechen von Kopenhagen geschrieben hat und die jetzt im ZDF anläuft, sehen wir sie mit einem Mann. Einem Kollegen vom Geheimdienst, wie denn auch sonst.

Sie küssen sich. In einem Hotelzimmer. Ungefähr so wie sich zwei Hirsche auf der Wiese, die Geweihe ineinanderkrallen, tun sie das. Draußen ist es wahrscheinlich wieder Nacht und ganz bestimmt regnet es, wie es immer regnet über Kopenhagen in den vierzig Fernseh-Stunden, die wir, die Dänen vor allem, die Deutschen und die Briten, Sarah Lund kennen.

Er schält sie aus ihrem inzwischen legendären dunkelblauen Kratzwollepulli von den Färöer Inseln, den mit dem weißen Schneemuster, den die Briten seit Monaten geradezu wie verrückt im Internet bestellen, obwohl das Ding 280 Euro kostet.

Am nächsten Morgen ist Lund, die keiner Sarah nennt, weil sich das irgendwie verbietet, leidlich nackt und allein.

Doch Sex haben, gehört nicht zu Lund

Das hätte nicht passieren dürfen. Das hat sich Sofie Gråbøl eigentlich von ihrem inzwischen auch schon legendären Drehbuch-Autor Sören Sveistrup verbeten. Sex haben, von Liebe wollen wir gar nicht reden, gehört nicht zu Lund, so wenig wie laut lachen.

Sie habe, hat Gråbøl gesagt, die 1968 geborene dänische Schauspielautodidaktin, die es als Lund ähnlich zu Weltruhm brachte, wie Nomi Rapace als Lisbeth Salander, sie also habe Sarah Lund als Mann angelegt, sie sei Clint Eastwood, und Clint Eastwood habe halt keine Freundin.

Hätte sie Kassandra gesagt statt Eastwood und dass die warnenden Seherin aus der Antike auch nie einen Liebhaber hatte, sondern nur Vergewaltiger, es hätte genauso gestimmt. Weil auch Sarah Lund eine Kassandra ist. Und weil sie in hand- und wetterfester Kleidung, mit männlichem Schritt und mit einer Unerbittlichkeit ihrer Intuition durch die drei Fälle folgt, die ihr Sören Sveistrup auf den drahtigen Leib geschrieben hat, dass es schon archaische Züge hat.

Mann in sieben Teile zerhackt

Wie überhaupt es schon einer Trilogie griechischer Tragödien gleicht, das ganze, einzigartige, unfassbar spannende und perfekt geschnittene Spiel aus Politik, Polizeiarbeit und Privatheit, aus Intrigen, Korruption und immer wieder Verrat, das da von den Studios des Dänischen Rundfunks aus in die Welt geschickt und dort ähnlich absorbiert wurde, wie "Borgen", die wahrscheinlich beste TV-Politik-Serie aller Zeiten und der schiere Krimi "Die Brücke". Kopenhagen, hat Sveistrup gesagt, ist Theben.

Nehmen wir nur den Beginn der dritten und (erst einmal) letzten Lund-Staffel. Es ist dunkel, es ist November (Dänemarks fünfte und längste Jahreszeit, er dauert gefühlt mindestens sechs Monate), es ist Wahlkampf (das ist es irgendwie immer, wenn Kommissarin Lund ermittelt).

Frans Baks finstere Musik wummert los, wie sie immer loswummert in Lunds Welt, wie die Ultraschallklänge aus dem mechanischen Inneren eines dämonischen Aliens scheppert es aus den Lautsprechern.

Ein Frachtschiff schlingert im Hafen von Kopenhagen. Ein Totenschiff. Es gehört der Reederei Zeeland, einem systemrelevanten Unternehmen in Dänemark, hat zwei bestialisch zugerichtete Leichen an Bord und einen Mann, der sich blutig losmacht von seinen Fesseln, der seinen Folterern zu entfliehen sucht, über die Reling springt. In sieben Teile zerhackt wird er später auf einem Schrottplatz gefunden. Das Schiff heißt Medea.

Die Tochter wird entführt

Die ist einschlägig vorbestraft in der Kulturgeschichte der Menschheit, dass sie Kinder umgebracht hat. Und darum genau geht's auch in Lunds drittem Fall. Um tote Kinder, besser gesagt: um ein totes Mädchen und um Emilie Zeuthen.

Das ist die neunjährige und engelgleiche Tochter von Robert Zeuthen, dem Firmenerben von Zeeland, wohnhaft, göttergleich in einem schick abgezäunten kleinen Privatdorf vor Kopenhagen. Und er überlegt, die Produktion ins Ausland zu verlegen. Der dänische Ministerpräsident – smart und blond – versucht das zu verhindern. Er will ja just gerade wieder gewählt werden.

Da wird Emilie entführt. Der Entführer meldet sich, sagt, dass er eine Schuld eintreiben werde und verlangt von Zeuthen, selbst festzulegen, wie viel ihm seine Tochter wert ist.

Lund, die sich nach einem Vierteljahrhundert an der Front aus dem aktiven Ermittlerdienst zurückziehen wollte, steht nach kaum einer Viertelstunde schon wieder zwischen allen Stühlen, hat Ärger mit dem Sohn, dem Chef. Und dem Ministerpräsidenten passt das alles auch überhaupt nicht.

Im Folgenden verstrickt Sören Sveistrup die Fäden seiner mythischen Geschichte aus der Alltagswelt der kränkelnden modernen Demokratie, wie man es von ihm kennt, wie möglicherweise nur er es kann. Ganz langsam, als hätte er alle Zeit der Welt, lässt alles zusammen schießen, die gesellschaftlichen Ebenen, die Sphären, die Menschen.

Bis es nicht mehr unterscheidbar ist. Bis diese Krimi-Serie, die sie ja eigentlich ist, Mechaniken der Macht und ihres Missbrauchs freilegt und Abgründe des menschlichen Abirrens von geradezu shakespeareschen Ausmaßen. Bis es universell ist. Denn es ist zwar Kopenhagen, was man da sieht, es ist feucht und dunkel, gern wird in Tunneln ermittelt, im Untergrund, mit der schweren Taschenlampe auf dem Arm, warm sind nur die schönen Lampen in den Büros. Überall ist alles irgendwie bankrott. Es könnte genauso gut Berlin sein oder London.

Sveistrup und seine wechselnden Regisseure brauchen dafür keinen Schnickschnack, keine künstliche Begrenzung der Erzählzeit, keine Splitscreens, keine Szenenstaccato. Die Ermittlung zieht sich über Wochen, das Tempo ist erstaunlich niedrig, die Schnittfolge ist langsam, bleibt langsam, auch als die Zeit immer knapper, die Not immer größer wird, Emilie zu retten, als Wahlkampf und Lebenskampf in eins fallen. Die Konzentration auf die Gesichter und was die Geschichte mit ihnen anstellt, ist groß, die Bild-Ästhetik bleibt auf erschütternd hohem Niveau gleich.

"Kommissarin Lund: Das Verbrechen" im ZDF, am 10. Februar 2013, 22.00 Uhr

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