10.02.13

Berlinale

Von falschem Schweiß und echter Angst

James Francos Film "Interior: Leather Bar" spürt herausgeschnittenen Schwulenszenen aus dem 80er-Jahre-Thriller "Cruising" nach. Er offenbart das Zusammenspiel von Schweiß-Glanz-Spray und Angst.

Foto: Berlinale

Immer feste druff: Hier werden expliziten Schwulenszenen aus dem Achtzigerjahre-Hit „Cruising“ nachgestellt.
Immer feste druff: Hier werden explizite Schwulenszenen aus dem 80er-Jahre-Hit "Cruising" nachgestellt.

Wenn das kein echter Kino-Lockvogel ist: 40 legendär verschollene, offenbar allzu explizite Film-Minuten, rekonstruiert von James Franco ("127 Hours") und seinem Co-Regisseur Travis Mathews.

Um fast eine Dreiviertelstunde gekürzt kam William Friedkins infernalischer Thriller "Cruising" 1980 in die Kinos, Al Pacino spielte darin einen heterosexuellen Undercover-Polizisten, der in der schwulen Lederszene New Yorks einen Serienmörder aufspüren soll – mit sich selbst als Köder. Er sehe den Mordopfern so hübsch ähnlich, meint sein Chef.

33 Jahre später ist Franco, Schauspieler, Regisseur, Dichter und Maler und seit Jahren als Trendereignis auf der Berlinale vertreten (etwa in "Howl" als Allen Ginsberg oder in "Milk" als Geliebter Sean Penns), so etwas wie die extrem anschlussfähige Idealbesetzung für ein solches Unterfangen.

Dem auf dieser Berlinale filmisch wiederauferstehenden River Phoenix zum Beispiel (der Wettbewerb zeigt den bislang unvollendet gebliebenen Film "Dark Blood" mit dem 1993 verstorbenen Schauspieler) widmete Franco letztes Jahr seine Regiearbeit "My Own Private River", was wiederum auf "My Private Idaho" anspielt, Phoenix spielte hier unter der Regie Gus van Sants einen schwulen Stricher. Van Sant wiederum ist im diesjährigen Wettbewerb mit "Promised Land" vertreten; und so weiter.

James Francos Liebe ist weit vernetzt

Francos weit vernetzte Liebe zu gefährdeten, grenzverletzenden, unbedingten Künstlerfiguren und seine Lust an der Erforschung der Porno-/Popkulturgeschichte offenbaren sich im diesjährigen Panorama außerdem auch noch in "Maladies" (dort spielt er einen wahnsinnig werdenden Ex-Schauspieler) und in "Lovelace" über die legendäre "Deep Throat"-Darstellerin Linda Lovelace. Franco tritt hier als Hugh Hefner auf.

Die "Cruising"-Idee verspricht also ein recht vielschichtiges Vergnügen zu werden. Doch dann das: "Interior: Leather Bar" befremdet in den ersten, viel zu langen Minuten gründlich. In einem Dickicht aus küchendiskursivem Bekenntnis-Blabla hält Franco seine Kamera brav auf die redenden Sofa-Köpfe der Beteiligten am Filmset, Franco selbst ereifert sich ausdauernd und mit niedlichem Rebellencharme über die "fucking" Sinnenfeindlichkeit der Gesellschaft, und der entfernt an den jungen Al Pacino erinnernde Hauptdarsteller Val Lauren erklärt einem ahnungslosen Komparsen still, wer Al Pacino war: "Mein Lieblingsschauspieler."

Ach je, ein Making-of mit Gymnasiastencharme! Reingefallen auf den Lockvogel. Doch dann, allmählich, setzt eine Metamorphose des Filmbildes, der Körper und der Erzählebenen ein. Ganz langsam, und es ist verblüffend.

Diskursgestrüpp statt Arthouse-Porno

"Interior: Leather Bar" zeichnet also erst einmal das Diskurs-Gestrüpp nach, durch das man sich bei der Beschäftigung mit "Cruising", einem Film aus der Ära vor Aids, einen Weg bahnen muss, um an so etwas wie einen körperlichen, subtanzhaften Kern zu gelangen.

"Cruising" lief 1980 außer Konkurrenz im Wettbewerb der Berlinale und löste sowohl in den USA als auch in Deutschland Empörung gerade auch bei Homosexuellen aus: Friedkin bediene homophobe Klischees, hieß es, Schwulsein werde undifferenziert mit einem dämonisierten, brutalen, verantwortungslosen Milieu gleichgesetzt. Während des Drehs wurden die aus der realen Szene rekrutierten Komparsen von schwulen Aktivisten als Verräter beschimpft und bedroht.

James Franco will nun offenbar freilegen, was "Cruising" tatsächlich nicht gezeigt hat: und das ist weniger die explizite Ausformulierung von Penetrationen als vielmehr das Zusammenspiel von künstlichem Schweiß-Glanz-Spray und echter Angst.

Elegant und fast unmerklich tastet sich Francos Konzept dann voran: Während des kühl konzentrierten Geschminkt- und Besprühtwerdens zerlegt das Filmbild die Körper und Gesichter sukzessive in Fragmente, die sich immer drängender einander anzunähern und zu mischen scheinen, noch bevor der eigentliche Dreh den Darstellern genau das abverlangen wird.

Überall Schwänze, Schwänze, Schwänze

Es wird dann auch Sex vor laufender Kamera geben; als Zuschauer sehen wir dabei aber vor allem die fast ungläubig aufgerissenen Augen Vals, der zunächst noch neben seinem Regisseur die Szene beobachtet, bis dieser "Zeit fürs Mittagessen!" ruft.

Auch in den Pausen gleiten Fiktion und Realität ineinander: Franco lauscht dem Pacino-Darsteller die Angst und den Überdruss ab, die dieser ins Handy spricht ("überall Schwänze, Schwänze, Schwänze"); man wird aber auch Zeuge, wie offensiv Lauren an dem festhält, "was James will" – was das ist, bleibt gleichwohl im Diffusen. Das eigentliche Narrativ dreht sich also mehr um den unbedingten Respekt vor dem künstlerischen Wollen; um die Bereitschaft zu einem, man kann es nicht anders sagen, Opfer, zu einer Auslieferung zumindest, einer Hingabe vielleicht.

Wie seltsam maskenhaft Al Pacino in "Cruising" diesen bereitwillig abtauchenden Cop spielte, fällt im Nachhinein ja erst so richtig auf, je intensiver Francos Kamera auf dem weichen, nachdenklichen Gesicht des Pacino-Darstellers nach umherschweifenden Beklommenheiten fahndet.

Cool ließ Al Pacinos Miene offen, was sein Auftrag wirklich mit dieser Figur anstellte – oder die realen Aggressionen jenseits des Filmsets mit ihm selbst. Ein unbekannter Provinzschauspieler stellt sich 33 Jahre nach "Cruising" diesem Drama nachträglich zur Verfügung: Seine einsame Stellvertreterschaft, in der er sich dem Fremden aussetzt, das er nicht zu sein glaubt und das er zu verstehen und sogar zu verkörpern versucht, das hat mit kleiner, blütenweißer Toleranz nichts gemein, viel aber mit Gefährdung und mit Größe.

Quelle: Die WELT
10.02.13 4:00 min.
Hanns-Georg Rodek sieht in Paulina Garcia eine erste Anwärterin auf den Silbernen Bären. Auch in den anderen beiden Wettbewerbsbeiträgen des dritten Tages stehen interessante Frauenfiguren im Zentrum.
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