07.02.13

Kinofilm "Inuk"

Robben töten gibt dem Leben wieder einen Sinn

Ewiges Eis, viele Probleme und eine Reise ins Innere: Der großartige grönländische Film "Inuk" erzählt eine einfache Geschichte – und führt seine Figuren dennoch in dramatische Grenzsituationen.

Von Eckhard Fuhr
Quelle: Neue Visionen
02.02.13 2:01 min.
Preisgekrönter Abenteuerfilm über den kleinen Inuk, der im kalten Grönland mit einem Jäger eine gefährliche und entbehrungsreiche Reise antritt, um am Ende zu sich selbst zu finden.

Inuk, ein junger Inuit, lebt mit seiner Mutter in der grönländischen Hauptstadt Nuuk. Das ist kein besonders einladend wirkender Ort, eine arktische Siedlung, deren Straßen immer mit Schnee bedeckt sind. Eisiger Wind pfeift um die Ecken. Die Mietshäuser tragen tapfer ihre bunten Fassadenfarben. Doch das hellt das Bild nicht wirklich auf. Andererseits ist Nuuk eine normale Stadt mit normalen Bewohnern. In den Cafés treffen sich Jugendliche wie in anderen europäischen oder amerikanischen Städten auch, sie tragen die gleichen Klamotten wie ihre Altersgenossen auf der ganzen Welt, hören dieselbe Musik und haben Probleme, die Jugendliche so haben.

Inuk hat ein großes. Seine Mutter ist dem Alkohol verfallen, lässt die Wohnung verwahrlosen und kümmert sich nicht um ihren Sohn. Der muss Schnitzereien, Inuit-Kunsthandwerk, verkaufen, um sich Essen besorgen zu können – ein erster Hinweis darauf, wo das Rettende zu suchen sei: Besinne dich, junger Inuit, darauf, wo du her kommst.

Davon will Inuk gar nichts wissen, zumal er noch nicht einmal weiß, wo er herkommt. Er trägt seine Kopfhörer, dröhnt sich mit Musik voll und sieht zu, dass er einen halbwegs warmen Schlafplatz findet, um nicht nach Hause zur Mutter und ihren Saufkumpanen zu müssen. In einem Auto wird er morgens halb erfroren gefunden.

Es geht um alles, das Leben, die Identität

Grönland gehört zum Königreich Dänemark. Der skandinavische Sozialstatt betritt nun in Gestalt einer Dänisch sprechenden Sozialarbeiterin die Bühne. Das Jugendamt entscheidet, dass Inuk in ein Jugendheim nach Ummannaq hoch im Norden geschickt wird. Es gibt dieses Heim tatsächlich. Der Inuk-Darsteller Gaba Petersen – ein schauspielerisches Naturtalent – lebt wirklich dort.

Wenn das Jugendheim in Ummannaq Ausflüge macht, dann geht es nicht darum, dass die Jungen und Mädchen einmal an die frische Luft kommen. Dann geht es um alles, um das Leben, die eigene kulturelle Identität. Und bei den Inuit heißt das: Es geht um die Jagd. Auch Inuk wird mit einigen anderen auf eine solche Fahrt mit Hundeschlitten auf das Packeis hinaus zu den Robbenjagdgründen geschickt. Die Jäger, denen sie sich anschließen sollen, wehren sich zunächst. Sie seien keine Babysitter, sagen sie. Doch es winkt bares Geld. Schließlich willigen sie ein.

Mit großem Hallo tauschen die Jugendlichen Jeans gegen Hosen aus Eisbärenfell. Irgendwo her kennen sie das noch dieses altmodische Zeug. Es gibt nichts Besseres bei der Kälte. Inuk wird dem Jäger Ikuma zugeteilt, der von Ole Jorgen Hammeken gespielt wird, einem grönländischen Spezialisten für die Inuit-Kultur. Von nun an fokussiert sich die Erzählung immer mehr auf diesen Jungen und diesen Mann.

Ein Fest auf dem Eis

Wäre der penetrante Soundtrack in "Inuk" nicht, der die grandiose Naturkulisse immerzu noch übertrumpfen will, man könnte sich im Kino von nun an ganz dem Knirschen der Schlittenkufen, dem Hecheln der Hunde, dem Wechsel des Wetters überlassen. Denn eigentlich sind es diese Geräusche und die eisig weiße Endlosigkeit um ihn herum, die Inuks Verkapselung aufbrechen. Er öffnet sich. Es gibt sogar ein Fest auf dem Eis, als Inuk seine erste Robbe erlegt hat. Hinter Tarnsegeln auf Kufen krochen er und Ikuma an sie heran. Ikuma überlässt Inuk das Gewehr. Das Fadenkreuz des Zielfernrohrs fasst den Kopf des Tieres. Im Schuss fällt es in sich zusammen. Nachher machen sich alle fröhlich über die rohe Leber her.

Natürlich ist, das verlangt das Genre, dieser Jagdzug für die beiden Hauptprotagonisten auch eine Reise ins eigene Innere, in die eigene Geschichte, zu den eigenen Traumata. Für Inuk ist das der Tod des Vaters, eines berühmten Eisbärjägers, der bei dem Versuch, seinen kranken Sohn über dünnes Eis ins Hospital zu bringen, einbricht und nicht wieder auftaucht.

Ikuma erzählt ihm diese Geschichte, die auch die von Inuk verachtete Mutter in einem anderen Licht erscheinen lässt, denn sie setzte die gefährliche Schlittenfahrt fort und rettete das Kind. Ikuma wiederum wird durch Inuk an seinen Sohn erinnert, mit dem er nie zusammen leben durfte. Er hegt ihm gegenüber väterliche Gefühle und ist gleichzeitig voller Aggression. Das führt die beiden in eine dramatische Grenzsituation.

Die Jägerkultur der Ureinwohner

Regisseur Mike Magidson und sein Co-Autor Jean-Michel Huctin meinen es bitter ernst mit dieser großartig einfachen Geschichte. Das Leben in der Stadt mit zentral beheizten Wohnungen und Essen aus dem Supermarkt ist falsch. Das traditionelle Jägerleben ist richtig. Wer sich nicht selbst verlieren will, muss Robben schießen und ein Hundegespann lenken können. Um Fragen, die Europäer stellen, wenn es um Grönland und die Jägerkultur seiner Ureinwohner geht, also die nach den Folgen des Klimawandels zum Beispiel, schert sich dieser Film recht wenig.

Natürlich behauptet er nicht, dass alle Grönländer zur traditionellen Lebensweise zurückkehren sollen. Die globale Moderne ist auch auf das Packeis vorgedrungen. Unter den Pelzanoraks tragen die Jäger Funktionskleidung, wie man sie überall in Outdoorläden findet. Aber so wie lesen und schreiben sollte doch jeder auch jagen können. Ohne dieses Verhältnis zu Welt ist der Inuit verloren. Gaba Petersen weiß noch nicht, ob er bei der Schauspielerei bleibt oder doch Jäger und Fischer wird.

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