06.02.13

Historienmalerei

Was Gemälde über die Weltgeschichte verraten

Es gibt zahlreiche Bilder, die berühmte Szenen aus verschiedenen Jahrhunderten zum Thema haben. Helge Hesse hat 74 Gemälde ausgewählt, anhand derer er in seinem Buch die Weltgeschichte erklärt.

Von Marion Lühe
Foto: Getty Images

Vieles, was Jacques Louis David sich für sein Gemälde „Der Tod des Sokrates“ von 1787 vorstellte, stimmt tatsächlich mit der Geschichte überein
Vieles, was Jacques Louis David sich für sein Gemälde "Der Tod des Sokrates" von 1787 vorstellte, stimmt tatsächlich mit der Geschichte überein

Im Sommer 1793 stieg eine junge Adlige, bewaffnet mit einem langen Küchenmesser, im französischen Caen in eine Kutsche und machte sich auf den Weg nach Paris. Um dem jakobinischen Terror, der im fünften Jahr der Revolution die Provinz erreicht hatte, ein Ende zu setzten, wollte Charlotte Corday den Wortführer der Radikalen Jean-Paul Marat töten.

Sie fand Marat in seiner Wohnung, wo er gerade ein Bad gegen sein quälendes Hautekzem nahm, und stach auf ihn ein. Ein berühmtes Gemälde von Jacques-Louis David zeigt den ermordeten Marat als eine Art Christus in weißen Tüchern. Es ist bezeichnend, dass Helge Hesse in seinem Buch nicht auf dieses ikonenhafte, propagandistische Gemälde des Revolutionsmalers David zurückgreift.

Stattdessen hat er zur Illustration des historischen Ereignisses ein eher unbekanntes Bild ausgewählt, das Paul Jacques Aimé Baudry fast sieben Jahrzehnte später malte. Der Blick des Betrachters richtet sich hier nicht auf den Ermordeten, sondern auf die blasse, in die Ecke gedrückte Mörderin, die selbst fast ein bisschen erschrocken über ihre Tat zu sein scheint.

Der Tod des Sokrates

Bei vielen der in dem Buch durchweg farbig abgedruckten 74 Bilder, die Hesse zu jeweils drei- bis vierseitigen Texten über den Lauf der Geschichte inspirierten, steht deutlich der Wunsch nach Authentizität im Vordergrund. Natürlich, räumt Hesse ein, ist historische Wahrheit auch immer eine Frage der Perspektive. Ein Hang zur dramatischen Inszenierung gehört vor allem auf den Gemälden aus dem 19. Jahrhundert, als die Historienmalerei Hochkonjunktur hatte, einfach dazu. Und doch gewinnt man beim Betrachten vieler der klug ausgewählten Bilder den Eindruck: So in etwa könnte es gewesen sein.

Giuseppe Diottis "Der Tod des Sokrates" von 1806 beispielsweise hebt sich in seiner Nüchternheit deutlich von den zahlreichen, pathetisch überhöhten und historisch unkorrekten Darstellung dieses Ereignisses ab. Und Columbus wird auf dem Bild von Lorenzo Delleani aus dem Jahr 1863 nicht wie üblich als strahlender Eroberer gezeigt, sondern als gescheiterter Held, der in Ketten gelegt auf einem Frachtschiff nach Spanien zurückkehrt. Das haben die historisierenden Bilder, die Hesse präsentiert gemein: Sie sind aus der Rückschau gemalt, zeigen ein Ereignis, das oft hunderte von Jahren zurückliegt und wissen daher immer schon um Sieg oder Niederlage.

So erkennen wir auf William Bell Scotts Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen imposanten Bild der Römer, die an der Grenze zu Schottland den Hadrianswall zur Sicherung ihres Reiches bauen, im Rücken des mächtigen Zenturio bereits die heranstürmenden Barbarenhorden, die den Zerfall des Römischen Reichs ankündigen.

Die Kraft der Historienmalerei

Manche monumentale Gemälde, etwa die Darstellung von Jeanne d'Arcs Einzug in Orleans oder George Washingtons Überquerung des Delaware, könnten auch Standbilder aus Historienfilmen sein. Andere zeigen über Jahrzehnte sich hinziehende Entwicklungen, die der Maler in einer Momentaufnahme verdichtet hat. In William Turners Bild "Regen, Dampf, Geschwindigkeit" aus dem Jahre 1844, das eine Eisenbahn im dichten Nebel zeigt, spiegelt sich der Widerspruch zwischen technischem Fortschritt und romantischer Sehnsucht nach der Vergangenheit wider.

Die nur schemenhaft zu erkennende Lok erscheint als etwas Vorübergehendes, als ein beliebiges historisches Ereignis, das nur für einen Augenblick lang unsere Aufmerksamkeit erregt. Was bleibt ist die zeitlose Kraft der Natur, der undurchdringbare Wirbel aus Dampf und Regen.

Indem Hesse bei den Gemälden verweilt und genau hinsieht, gelingt es ihm, selbst eher unspektakuläre Werke – etwa Carl Salzmanns Bild der ersten elektrischen Straßenlampe auf dem Potsdamer Platz – zum Sprechen zu bringen.

Gewiss lässt sich auf diesem knappen Raum kein fundiertes historisches Wissen vermitteln, aber das ist auch nicht die Absicht des Buches. Es regt auf vergnügliche Weise dazu an, sich Gedanken über Geschichte zu machen und zeigt, dass man sich der historischen Wahrheit auch auf Nebenwegen nähern kann.

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