05.02.13

Immigration

Britanniens böses Erwachen bei der Einwanderung

Nach dem Zweiten Weltkrieg öffnete sich England der Immigration – allerdings ohne Konzept und mit britischem Laissez-faire. Jetzt erschrickt das Land über die Folgen. Eine Spurensuche.

Von Thomas Kielinger
Foto: Getty Images

Junge Immigranten warten im Juni 1948 darauf, von Bord der „Empire Windrush“ zu gehen, die sie von Jamaika nach England gebracht hat
Junge Immigranten warten im Juni 1948 darauf, von Bord der "Empire Windrush" zu gehen, die sie von Jamaika nach England gebracht hat

Am 30. Dezember 1930 lief auf der Hamburger Werft Blohm & Voss ein dieselgetriebenes Motorschiff vom Stapel, das in der Einwanderungsgeschichte Englands nach dem Zweiten Weltkrieg geradezu ikonographische Bedeutung gewinnen sollte. Ursprünglich unter dem Namen "Monte Rosa" für Kreuzfahrten der Hamburg-Südamerikanischen-Dampfschiffahrtsgesellschaft bestimmt, wurde der Dampfer unter den Nationalsozialisten der "Kraft-durch-Freude"-Flotte zugeschlagen, nahm 1940 an dem Überfall auf Norwegen teil und wurde Ende des Krieges bei der Evakuierung von Deutschen aus Danzig und Ostpreußen eingesetzt.

Im Mai 1945 fiel das Schiff in Kiel als Kriegsbeute an die Briten, die es zu einen Truppentransporter für die Route Southampton-Singapur/Hongkong umfunktionierten und es "Empire Windrush" tauften. Mit diesem Schiff beginnt die Geschichte der Einwanderung nach Großbritannien und damit die Verwandlung der Insel von einer weißen anglo-protestantischen Nation in die multi-ethnische Gesellschaft von heute. Die deutsche "Monte Rosa" erreichte als britisches Motorschiff "Empire Windrush" die historische Krönung ihrer Laufbahn.

492 karibische Passagiere hatte das Schiff auf seiner einzigen zivilen Fahrt auf dem Weg von Australien nach England in der letzten Maiwoche 1948 in Kingston, Jamaika, an Bord genommen, ausnahmslos Männer. In England seien die Straßen mit Gold gepflastert, hatten jamaikanische Schifffahrtsagenten, die sich mit den Tickets ein schnelles Geld verdienen wollten, verbreiten lassen.

Von der Geschichte überrollt

Die Wirklichkeit sah anders aus, wie heute wieder, wo London Bulgaren und Rumänen davon abhalten möchte, auf die Insel zu kommen: die Straßen seien hier eben nicht mit Gold gepflastert. Wie 2013 darbte Großbritannien auch 1948 an strenger Austerity, Lebensmittel waren noch rationiert, die Stimmung gedrückt, Unterkunft schwer zu finden, Arbeit ebenfalls – kein Willkommen erwartete die Einreisenden, als sie am 22. Juni 1948 in der Themse andockten und von der "Empire Windrush", geborene Monte Rosa, an Land gingen.

"Die Ankunft einer so beträchtlichen Zahl von Menschen, und das ohne organisierte Vorkehrungen, muss Schwierigkeiten und Enttäuschungen hervor rufen", warnte Arbeitsminister George Isaacs, noch ehe das Schiff überhaupt eingetroffen war. "Ich hoffe, man wird keine Ermunterung aussprechen für andere, dem zu folgen."

Eine rührende Mahnung, von der Geschichte völlig überrollt. Unter den Engländer herrschte damals teilweise noch praktizierte Apartheid. "No Blacks. No Dogs", starrte den Ankömmlingen vor manchen Unterkünften entgegen, und es war kaum ein Trost für sie, dass die Abweisung manchmal auch die Iren erwischte: "No Blacks. No Dogs. No Irish."

Ein Hafen für alle Verfolgten

Galten 1948 noch 492 Einwanderer als "eine beträchtliche Zahl von Menschen", so hatten sich nur zehn Jahre später bereits eine viertel Million Immigranten in England angesiedelt, eine generöse Regelung für Angehörige des Commonwealth. Die Teilung Indiens, die Flucht von Nationalchinesen nach Hongkong, erste Unruhen in Afrika ließen die britische Option für viele Notleidende attraktiv genug erscheinen. Eine Einwanderungsflut konnte sich niemand in England vorstellen.

War die Insel im Übrigen nicht von alters her ein Hafen für alle Verfolgten und Sicherheit Suchenden gewesen? "Kein flüchtig Haupt hat Engelland / Von seiner Schwelle noch gewiesen", sang Ferdinand Freiligrath 1838. Das trug den Briten weltweiten Respekt, weltweite Bewunderung ein.

Die Masseneinwanderung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte vorrangig farbige, nicht-weiße Menschen auf die Insel – das wurde zu einer neuen Herausforderung für die traditionelle Liberalität des Landes. Und so kam das Jahr 1968 – nein, nicht "'68" wie auf dem Kontinent. Ein ganz anderer Sturm sollte in England losbrechen.

Ein neues Gesetz zum Verbot der Rassendiskriminierung im Arbeits- und Wohnungsmarkt, der "Race Relations Act", war von der Labour-Regierung verabschiedet worden, doch ein namhafter Abgeordneter der Konservativen, Enoch Powell, aus dem Wahlkreis Wolverhampton, nahm Anstoß.

Powell galt als intellektuelles Genie, Altphilologe von Haus aus, begabter Rhetoriker und brillanter Linguist, der unter anderem fließend Urdu beherrschte, das Hauptidiom Pakistans und vieler von Powells Wählern in Wolverhampton.

Breitseite gegen die amtliche Einwanderungspolitik

Ausgerechnet am 20. April 1968 – die Koinzidenz mit dem Geburtstag Adolf Hitlers sollte er später zutiefst bedauern – wählte der Politiker einen Auftritt vor dem "Conservative Political Centre" im Midland Hotel in Birmingham, um eine wuchtige Breitseite zu führen gegen die laxe amtliche Einwanderungspolitik.

"Wir müssen wahnsinnig sein, buchstäblich wahnsinnig", so intonierte Powell, "um als Nation den jährlichen Zufluss von um die 50 000 Immigranten zuzulassen. Es ist, als schaue man einer Nation dabei zu, wie sie ihren eigenen Scheiterhaufen aufschichtet."

So ging es weiter im tönenden Text, bis zu jener Stelle, mit der er als die "Rivers of blood"-Rede in die Geschichte eingehen sollte. Der Altphilologe in Powell holte die "Aeneis" des Vergil herbei, das römische Nationalepos, und darin die Prophezeiung der Cumäischen Sybille über "schreckliche Kriege und den Tiber, der mit viel Blut schäumt".

Wörtlich: "Wenn ich in die Zukunft blicke, erfüllt mich Vorahnung; wie der Römer scheine ich 'den Fluss Tiber mit viel Blut schäumen' zu sehen. Jenes tragische und ausweglose Phänomen, das wir mit Schrecken auf der anderen Seite des Atlantiks beobachten kommt hier durch unseren eigenen Willen und unsere eigene Achtlosigkeit über uns. Einzig entschlossenes und sofortiges Handeln wird es auch jetzt noch abwenden. Ob es den öffentlichen Willen geben wird, dieses Handeln zu verlangen und durchzuführen, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass der große Verrat darin bestünde, zu sehen und nicht zu sprechen."

Koexistenz zwischen den einzelnen Ethnien

Powell hatte an das Unberührbare gerührt und sich zum Sprachrohr der schweigenden Mehrheit gemacht. Die stimmte ihm enthusiastisch zu, wie tausende von Zuschriften und spontane pro-Powell Demonstrationen belegten. Die politische Klasse reagierte anders. Edward Heath, damals Vorsitzender der Tories, entließ den Parteifreund prompt aus dem Schattenkabinett, er wurde ein Paria unter seinesgleichen.

Der aufreizende Ton der Rede aber, die unter anderem impliziert hatte, dass Einwanderer nie richtige Briten würden werden können, hatte auch einen positiven Effekt: Sie mobilisierte weiße und farbige Gruppen in Gemeinden und Städten, die jetzt daran gingen, den konservativen Politiker eines Besseren zu belehren und zu beweisen, dass es durchaus so etwas wie eine Koexistenz zwischen den einzelnen Ethnien in Großbritannien gebe.

Der langfristige Effekt freilich war ein negativer: Es wurde seit Powells Rede fast unmöglich, Rassen- und Einwanderungsfragen nüchtern und sachlich zu diskutieren, mit der Folge, dass politisch korrektes Beschweigen an die Stelle einer offenen Debatte trat. Niemand wollte es riskieren, als Rassist abgestempelt zu werden. So wanderte das Thema in den Untergrund, wurde eines der großen Tabus der britischen Gesellschaftsgeschichte für mindestens drei Jahrzehnte nach dieser Rede.

Viel Toleranz, aber auch Indifferenz

Stattdessen stieg Multikulturalität in den Rang eines erstrebenswerten Ideals auf. Die Tore öffneten sich weiter, als Idi Amin, Ugandas Diktator, 1971 die in seinem Land lebenden indische Mittelklasse des Landes verwies – in England fanden sie rettende Aufnahme. Was tat es da, dass auf der Rückseite von so viel Toleranz auch Indifferenz gegenüber den Neuankömmlingen im Spiele war, sie einfach den öffentlichen Dienstleistern aufgebürdet wurden, die sich abmühten, der Heerscharen Herr zu werden, ob im Schul- oder Gesundheitswesen, im Wohnungs- oder Arbeitsmarkt. Das Problem ist heute akuter denn je.

Man könnte zur Beschreibung der Einwanderung, die nach keinem "Gesamtkonzept" verlief, sondern nach typisch britischem Laissez-faire einfach passierte, vielleicht John Seeley zitieren, einen bekannten Historiker des 19. Jahrhunderts, und was dieser in einer berühmt gewordenen Schrift von 1883 über "The Expansion of England" vortrug. "Wir scheinen gewissermaßen", so schrieb Seeley, "eine halbe Welt erobert und bevölkert zu haben in einem Anfall von Geistesabwesenheit."

Immer wieder ist dieses Wort zur Beschreibung der Unsystematik herangeholt worden, mit der England sein Empire errichtete nach Maßgabe sich bietender Möglichkeiten, nicht nach irgendeiner theoretisch-abstrakten Vorgabe. Ähnlich ist die Metamorphose der britischen Gesellschaft durch Einwanderung in der Nachkriegsära vor sich gegangen: Unordentlich, im Stil eines großen, unter der multikulturellen Fahne gutgeheißenem "muddle through", eines irgendwie Durchwurstelns, dessen Ende einfach für undurchdenkbar galt. Zu Recht hatte Enoch Powell von "Achtlosigkeit" gesprochen.

Horror vor abstrakten Gedanken

Erst heute erwacht Großbritannien vollends aus dieser Achtlosigkeit, zumal nach 2004 die Flutwelle aus Osteuropa weitere Hunderttausende auf die Insel spülte. Das Problem aber liegt im britischen Naturell – es ist diese eingefleischte Abneigung gegenüber philosophisch-gründlicher Annäherung an die Probleme des Lebens. Die Einwanderung als eine Frage notwendiger Bevölkerungspolitik anzugehen, mit Bindewirkung für spätere Generationen, wäre ein höchst befremdlicher Gedanke gewesen.

George Orwell resümierte es bündig in seiner Schrift von 1941, "England Your England": "Die Engländer sind nicht intellektuell veranlagt", schreibt er, "sie haben einen Horror vor abstrakten Gedanken, sie empfinden keine Notwendigkeit für irgendwelche philosophische oder systematische 'Welt-Sicht'".

Doch wenn aus 50.000 jährlichen Einwanderern zur Zeit Enoch Powells "River of blood"-Rede heute im Durchschnitt 500.000 geworden sind, ein wenig verringert nur durch die Zahl der gleichzeitigen Auswanderer, rückt die Notwendigkeit zum Handeln, zu kontrollierter Immigration, unabweisbar auf die Agenda.

Zu spät? Plötzliche Abwehrreaktionen, wie gegenüber den befürchteten Strömen aus Rumänien und Bulgarien, lassen darauf schließen: sie haben etwas Panikartiges an sich. Ein Land wehrt sich gegen die Folgen seiner Attraktivität – und die Folgen seiner, wie Orwell schrieb, Abneigung gegenüber einer "systematischen Welt-Sicht".

Zahlt nicht jede Gesellschaft einen Preis für ihre besten Qualitäten?

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