04.02.13

Henscheid-Memoiren

"Überall nur Dreck und Müll und Spam und Schrott"

Im Dauereinsatz gegen das literarische Biedermeier: Eckhard Henscheid zieht in seinen "Denkwürdigkeiten" die Bilanz eines wütenden Lebens und überwindet doch am Ende all das Erdengewimmel.

Von Richard Kämmerlings
Foto: picture-alliance / dpa

Gibt es Fortschritt in der Welt? Und wenn ja, was hat die Literatur davon? Der Schriftsteller Eckhard Henscheid, geboren 1941 in Amberg
Gibt es Fortschritt in der Welt? Und wenn ja, was hat die Literatur davon? Der Schriftsteller Eckhard Henscheid, geboren 1941 in Amberg

Aus der Gegenwartsliteratur ist er nicht wegzudenken. Seit den frühen Siebzigerjahren hat er einige der bedeutendsten Romane deutscher Zunge geschrieben und vor allem in den Neunzigern einige veritable Literaturskandale ausgelöst. Legendär sind seine Hasstiraden, die sich über Kollegen oder die Kritik ergießen, zu seinen Lieblingsgegnern zählt Marcel Reich-Ranicki, was auf Gegenseitigkeit beruht. Sein überfeines Ohr für Misstöne aller Art ist Legende, sein Furor weithin gefürchtet. Wegen aberwitziger Äußerungen gilt er als politisch radikal und in manchen Kreisen gar als Persona non grata. Kleiner Tipp: Es ist nicht Peter Handke.

Wer die in dieser Woche erscheinenden "Denkwürdigkeiten" des Satirikers und Schriftstellers Eckhard Henscheid liest, der wird eine tiefe Spaltung in der deutschen literarischen Öffentlichkeit bemerken: "Es gibt unter den Bücherfreunden und -käufern die Belletristikkenner, die stets gefälligen Nobelpreisgehorcher, die willigen Großkritikadepten, die TV-Literaturnachhechler, zuzeiten gab es die berüchtigten Erich-Fried- und die bescheuerten Allert-Wybranietz-Massensolisten." Und halt die Henscheid-Fans, die für dessen "Trilogie des laufenden Schwachsinns" dem durchschnittlichen Büchnerpreisträger die kalte Schulter zeigen würden.

In der traditionellen Höhenkammliteratur firmiert etwa der 1942 geborene Peter Handke als ein Achttausender; der ein Jahr ältere Henscheid aber, der mit Handke bei genauer Betrachtung viel mehr als nur die Fußballleidenschaft teilt, höchstens als Mittelgebirge. In ihrem Anspruch allerdings war die im Umfeld der Satirezeitschrift "Pardon" aufgebrochene Literaturbewegung eine neue Avantgarde.

Gipfelsturm und Erstbesteigung war ihr Ziel: Wenn Henscheid heute konstatiert, dass dank seines Freundes und Mitstreiters Robert Gernhardt das Wort "wichsen" im "FAZ"-Feuilleton sein Debüt feiern konnte, ist es nicht nur ein Witz am Rande. Wie den politisch sonst wenig verwandten Achtundsechzigern ging es um einen Marsch durch die Institutionen.

Emanzipation der Komik als Kunst

Diese Truppe von Zeichnern und Autoren war angetreten, der deutschen Literatur den Kulturdünkel und die Pathosflausen, das Verschmockte und angemaßt Repräsentative auszutreiben. Sie wollten nicht akzeptierten, dass Satire und Komik nur dem Subalternen und Tagesaktuellen zugerechnet wurden, die Ewigkeits- und Wallungswerte aber der sprachreflexiv oder politisch-kritisch aufgebrezelten Literatur, den Walsers, Handkes, Bölls oder Grassens.

Die Bilanz dieser lässigen Revolte ist paradox: An feuilletonistischer Würdigung Einzelner mangelt es nicht, angefangen von der Lichtgestalt Robert Gernhardt, dem Solitär Ror Wolf über die "Pardon"- und "Titanic"-Autoren wie F. W. Bernstein oder F. K. Waechter bis zu Harry Rowohlt. In Henscheids Diktion: "Das ging ein, zwei, ja drei Jahrzehnte gut und immer der Nas' lang in den Fortschritt hinein und flott voran, und es narrte einen bald gar das schon fast sorglose Gefühl, die in den Feuilletons und Preisabsprachegremien hätten vielleicht und notgedrungen auch ein bisschen was gerafft."

Gernhardt zählte plötzlich zur Hochliteratur, die "Neue Frankfurter Schule" wurde mit allen Klassen kanonisiert, anthologisiert, ausgestellt und mit Preisen bedacht. Noch Anfang der Neunziger, als Henscheid sich im "FAZ"-Feuilleton fast ungestraft einen blasphemischen "Spaß mit Suhrkamp" machen durfte, sah es so aus, als sei jetzt die revolutionäre Situation eingetreten, Frankfurt am Main sozusagen Kulturhauptstadt und geistiges Zentrum einer neuen literarischen Spaßguerilla jenseits der damals komplett ironiefreien Suhrkamp-Kultur.

Frankfurter Schule ohne Schüler

Doch für den kurz darauf startenden Pop-Hype und das "Neue Erzählen" war ein Henscheid viel zu Jean-Paul-haft verschnörkelt, sprachverliebt und ornamental. Mit dem damals immer berühmter werdenden Rainald Goetz hatte er in Sachen Temperament und Streitlust vieles gemein, nur hörte er eben keinen Techno, sondern Wagner, und mit dem Internet hatte er es (und das gilt bis heute) nicht. Anders als im Fall der Popliteratur, die mit deutlich weniger Witz und Geist auskam, werden die Geschichtsbücher für Henscheid und Gefährten nicht umgeschrieben. Und schulbildend waren sie am Ende doch gar nicht so sehr gewesen, sieht man vielleicht von Heinz Strunk oder Frank Schulz ab.

So muss Henscheid heute literarisch allerorten wieder "verschnarchtestes Biedermeier" erblicken. Das verleiht den Aufzeichnungen einen tatsächlich barocken Zug des Resignativen, der Vergeblichkeit irdischen Tuns. Angesichts der Literaturnobelpreise für Grass und Jelinek und Herta Müller kriegt er schlicht das kalte Grausen. Doch wozu differenzieren, wenn alles den Bach runtergeht, durch die "gegenwärtige und fast universelle und zutiefst verderbliche Verzauberung unserer Kultur durch Dreck und Müll und Spam und Schrott"?

Die "Denkwürdigkeiten" sind locker gefügt, die grobe Chronologie von den katholischen Kindheitsjahren bis zu den Rückzugsgefechten der Gegenwart wird immer wieder durch Abschweifungen durchbrochen, manches klingt eher wie ein nachträglich verfasstes Tagebuch, vieles bleibt bewusst Fragment. Im Pop würde man von Demoversionen und "Alternate Takes" sprechen.

Schlachten von vorgestern

Lässt man sich jedoch auf diesen Erinnerungssteinbruch ein, kristallisieren sich Leitmotive und Lebensthemen heraus, etwa der Versuch, mit verstorbenen Weggefährten ins Reine zu kommen. Suspekt ist ihm bis heute, wie Robert Gernhardt seine späte Anerkennung genoss. Der Opernleidenschaft sind viele Seiten gewidmet, ebenso dem Stuss diverser Fußballkommentatoren.

Vieles will man heute nicht mehr so genau wissen, etwa Henscheids juristische Fehde mit dem Böll-Erben oder mit der bös, aber sehr lustig attackierten Gertrud Höhler. Dennoch ist die Perspektive interessant, in die Henscheid derlei rückt. Er verhehlt gar nicht die persönliche Über-Betroffenheit, das Obsessive und Rechthaberische seiner Polemik gegen die hier noch einmal versammelten Lieblingsfeinde und diagnostiziert zugleich verwundert ein Lifting seiner Zornesfalten, eine altersmilde Gleichgültigkeit. "Aber ich war im Recht. Wie stets."

Das meint er zum Glück nicht völlig ernst. Eine Grenze nicht nur des guten Geschmacks hatte Henscheid beim Rechtbehaltenwollen definitiv überschritten, als er 2002 in einem Interview mit der rechtsnationalen "Jungen Freiheit" Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers" verteidigte und von einem "sogenannten und speziellen Judentabu" in Deutschland faselte.

Heute spricht Henscheid von einer "verrutschten Formulierung". Selbstkritik hört sich anders an; spürbar ist aber das für Henscheid sehr ungewöhnliche Bedürfnis, die Wogen zu glätten. Wenn er als Antisemit tituliert wird, trifft ihn das tief. Zuweilen lässt er nicht nur Sympathie, sondern sogar Geistesverwandtschaft mit Marcel Reich-Ranicki erkennen.

Was wurde versäumt und was vergeigt?

Die alten Schlachten scheinen geschlagen. Die um den 70. Geburtstag 2011 herum entstandenen Erinnerungen kreisen zum Ende hin um die letzten Dinge: den Tod und das Marbacher Literaturarchiv. Ernsthaft und doch nicht ohne Witz prüft Henscheid sein Werk auf Haltbarkeit: Was wird bleiben, was wurde versäumt und was vergeigt? Dabei können sich auch Irrtümer gelohnt haben; etwas mag falsch, aber gleichwohl "denkwürdig" sein.

Dass er nichts bereue, schreibt er und denkt doch lange über die Frage nach, warum er nie "ein Kinderbuch geschrieben" habe: "Und ich verzichte also weiterhin, mit einem Hauch von Tragik freilich, freiwillig." Der Gott der Kindheit und die Muttergottes rücken ihm wieder näher, worüber Henscheid sich selbst am meisten zu wundern scheint. Und plötzlich sieht sich der Leser mit einer Fülle an Lebensweisheit konfrontiert, die all das Erdengewimmel triumphal transzendiert. Allein für diese letzten hundert Seiten ist dieses Buch ewig gerechtfertigt.

"Das eben ist der Fortschritt, das Schicksal unseres schalen Jahrhunderts: mehr Weltläufigkeit, aber auch weniger Leidenschaft, weniger Tiefe, dafür mehr Flattersinn, weniger Ekstasen, aber auch nicht mehr so viel Verlogenheit." So lautet, auf den Punkt gebracht, Eckhard Henscheids Dialektik der Aufklärung. Er hat selbst nach Kräften dabei mitgemischt.

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