04.02.13

Krimi-Autor Kutscher

Diese Berliner Monstrositäten sollten in Serie gehen

Wie bitte, in Deutschland gibt es keinen Stoff für TV-Serien? Die Berlin-Krimis von Volker Kutscher sind nicht nur spannend. Sie erschaffen auch ein Gesellschaftspanorama der zwanziger Jahre.

Von Jenny Hoch
Foto: picture alliance /

Tatort seines jüngsten Romans: Kutschers vierter Rath-Krimi „Haus Vaterland“ spielt im berühmten Berliner Vergnügungsetablissment gleichen Namens
Tatort seines jüngsten Romans: Kutschers vierter Rath-Krimi "Haus Vaterland" spielt im berühmten Berliner Vergnügungsetablissement gleichen Namens

Es ist das T-Shirt, das einem als erstes auffällt. Darauf ist als Schattenriss das Konterfei eines Mannes zu sehen, der Kennern der Fernsehserie "Breaking Bad" wohlbekannt ist. Auch wenn der Schriftsteller Volker Kutscher es unter einem Literatensakko aus Cord und einem unauffälligen beigefarbenen Mantel versteckt, gibt es keinen Zweifel. Es handelt sich um Walther White, genannt "Heisenberg".

Das ist kein Zufall, als gewiefter Krimiautor legt Kutscher nicht nur in seinen Büchern, sondern auch mit seinem Äußeren Fährten, die auf seine literarische Agenda hindeuten. Wer sich jetzt fragt, was um Himmels Willen das HBO-Meisterwerk "Breaking Bad" über einen krebskranken Chemielehrer, der aus Not anfängt, Crystal Meth zu kochen, mit der erfolgreichen Buchreihe des Kölners zu tun hat, die im Berlin der Weimarer Republik spielt, ist schon mittendrin in einem eigenen Krimi.

Fiktion und Realität schieben sich übereinander, sobald man in dieses Universum eintaucht. Denn so wie amerikanische Serien neben der konkreten Storylinie immer auch ein gültiges Gesellschaftsporträt zeichnen, entwirft Kutscher ein plastisches und sorgfältig recherchiertes Porträt der Zwanziger Jahre in Berlin, das bis zur Machtergreifung Hitlers reicht.

Was die Geschichte an Monstrositäten bereithält

"Die Akte Vaterland", der vierte und jüngste Band, spielt im Sommer 1932 kurz vor den Reichstagswahlen. Die Lage wird immer brenzliger, Nazis und Kommunisten liefern sich blutige Straßenschlachten. Der reaktionäre Reichskanzler Franz von Papen putscht am 20. Juli die demokratische Regierung Preußens aus dem Amt – und mit ihr auch die Spitze der Berliner Polizei. Im Buch erlebt Charlotte Ritter, Dauerfreundin der Hauptfigur Gereon Rath und ehrgeizige Kommissar-Anwärterin, wie deren Präsident Bernhard Weiß verhaftet und von der Reichswehr aus der "Roten Burg" am Alexanderplatz geführt wird.

Der Zeit- und Gesellschaftshintergrund dient hier – ebenso wie bei Serien wie "Mad Men", "Boardwalk Empire" oder eben "Breaking Bad", nicht bloß als Kulisse, um dem Plot ein wenig Farbe zu verleihen. Im Gegenteil, Kutscher hat das Verhältnis umgedreht. Die Story tritt in den Hintergrund, im Vordergrund stehen Politik und Lebensgefühl Ende der zwanziger Jahre in Berlin.

Kutschers Trick: Seine Figuren wissen nicht, was der Lauf der Geschichte an Monstrositäten für sie bereithält. Sie leben ahnungslos ihr Leben und können das, was um sie herum passiert, nicht in einen höheren Zusammenhang einordnen. Als Leser hat man dagegen immer im Kopf, was passieren wird. Man weiß, dass Hitler bald die Macht ergreifen und unvorstellbares Unheil über die Welt bringen wird. Die Romane erhalten durch diesen Wissensvorsprung eine existenzielle Größe, die einen nicht mehr loslässt. Zugleich sind die Charaktere so modern, dass sie jeden "Tatort" alt aussehen lassen.

Quickie – gab's schon in den Zwanzigern

Kutscher setzt den Glitter-Stereotypen von den "Goldenen Zwanzigern", Alltagsprobleme entgegen, die heutiger kaum sein könnten. Da ist der eigenbrötlerische Kommissar Rath, der, obwohl eigentlich ein Mann mit Prinzipien, sich doch mit undurchsichtigen Gestalten einlässt und dadurch erpressbar wird. Da ist seine Freundin Charlotte Ritter, eine emanzipierte Frau, die sich auf ihrem Weg nach oben von einem machohaften Kollegen diskriminierend anpöbeln lassen muss. Und da ist das Paar Rath-Ritter, dass es trotz vieler Gemeinsamkeiten einfach nicht schafft, eine funktionierende Kommunikationsebene zu finden.

Sein Detail-Wissen über die Zeit bezieht Kutscher aus Filmen, Büchern, Polizeiakten – und vor allem aus Zeitungen wie der "Vossischen Zeitung" oder dem "Berliner Tageblatt". Die arbeitet er genauestens durch, liest Berichte über Unfälle und Überfälle genauso wie die Kleinanzeigen. "Ich will wissen, was die Menschen damals bewegt hat," erklärt er seine Recherchemethode, "und auch, wie viel ein Gebrauchtwagen gekostet hat."

Auch sprachlich überlässt er nichts dem Zufall. Sagt in einem seiner Bücher jemand "Bulle", dann hat er dieses Wort in einem Friz-Lang-Film aufgeschnappt. Dass er Charlotte Ritter, genannt Charlie, einmal den Ausdruck "Quickie" benutzen lässt, habe zu einer längeren Diskussion mit seinem Lektor geführt, erzählt Kutscher. Es sei zwar nicht belegt, dass dieser Begriff tatsächlich existierte, aber er habe ihn hergeleitet aus der Tatsache, dass es damals in Berlin ein Schnellrestaurant mit dem Namen "Quick" gegeben habe. "Und jemandem wie Charlie, die im Rotlichtmilieu ermittelt, ist diese Wortneuschöpfung zuzutrauen."

Mord im Fresstempel

Viele der Schauplätze, wie eben jenes "Burg" genannte Polizeipräsidium, existieren heute nicht mehr, an dessen Stelle steht heute das schweinchenrosafarbene Einkaufscenter Alexa. Wir beschließen dennoch, einen Spaziergang zu machen und entlang der Spree bis zum Monbijou-Park zu laufen, wo Kutschers Hauptfigur Kommissar Gereon Rath häufig mit seinem Hund Kirie Spazieren geht.

Bevor wir die Gassi-Wiese erreichen, kommen wir am Grill Royal vorbei, das in Sachen Glamour und Weltläufigkeit, wie Kutscher bemerkt, durchaus mit den berühmten Vergnügungs-Etablissements der 20er Jahre mithalten könne. In seinem jüngsten Buch verfolgt Kommissar Rath einen Mord in Zusammenhang mit gepantschten Branntwein im "Haus Vaterland", das bis zur seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg Berlins größter Fress- und Amüsiertempel war. Es gab dort neben Themenrestaurants auch Dioramen und Las-Vegas-hafte künstliche Gewitter, über die schon Siegfried Kracauer fasziniert berichtet hat.

Als wir die Oranienburger Straße erreichen, schlägt Kutscher vor, einen Blick auf das vergangenen Herbst endgültig geräumte Kunsthaus Tacheles zu werfen. Äußerlich steht es da wie immer, Touristenströme paradieren fotografierend vorbei, begierig, noch schnell ein Bild der Kulissen des subkulturellen Nachwende-Berlin zu knipsen.

Diese Krimis haben das Zeug zur TV-Serie

Hier wird noch einmal deutlich, worin die Qualität von Kutschers Büchern besteht. Nämlich darin, dass sie eben kein kulissenhaftes Berlin-Bild transportieren wie es das Tacheles heute tut, sondern der gelungene Versuch sind, die Splitter des Geschichte in einen lebendigen Zusammenhang zu bringen.

Womit wir wieder bei Walther White und "Breaking Bad" wären. "Seitdem es Serien wie diese gibt, gehe ich nicht mehr so gerne ins Kino", erzählt Kutscher, die klassische Hollywood-Dramaturgie interessiere ihn immer weniger. Er sei fasziniert von dieser neuen Art des Erzählens, und auch sein Schreiben sei davon beeinflusst: "Ich erlaube mir, nicht alle Fäden zu verknüpfen, die Dinge offen zu lassen." Den Plot seiner Bücher schon vorher festzulegen habe er längst aufgegeben: "Die Figuren verselbständigen sich während des Schreibens. Also lasse ich ihnen die Vorfahrt."

Es wird oft darüber geklagt, dass es in Deutschland niemand fertig bringt, eine Serie wie "Breaking Bad" zu drehen. Es wurde auch viel darüber geschrieben, dass amerikanische Serien für die Gegenwart das sind, was Gesellschaftsromane für das 19. Jahrhundert waren: Gesellschaftspanoramen, die die komplexe Wirklichkeit abbilden. Genau das sind die Romane von Volker Kutscher, sie würde man gerne als Fernseh-Serie sehen.

Volker Kutscher: "Die Akte Vaterland. Gereon Raths vierter Fall". Kiepenheuer & Witsch, 19,99 Euro. Webseite: www.gereonrath.de

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