Bilanz
So war die Berliner Theatersaison
Aus und vorbei. Die großen Bühnen sind schon in den Ferien oder stehen kurz davor. Bevor es im Herbst wieder losgeht, lassen wir die Spielzeit noch einmal Revue passieren. In Elf Stichworte - von A wie Amphitheater bis Z wie Zumutungen.
Von Stefan Kirschner
A wie Amphitheater
Die klassische Form des Theaters erfreut sich auch im 21. Jahrhundert in Berlin großer Beliebtheit: ob nun in der Off-Szene wie beim Hoftheater Hexenkessel oder bei staatsgetragenen Einrichtungen wie der Volksbühne. Deren temporäre Ausweichspielstätte direkt vor dem sanierungsbedingt geschlossenen Bau am Rosa-Luxemburg-Platz erfreute naturgemäß nicht alle. Einige Anwohner empfanden die volksbühnentypische Interpretation der griechischen Tragödien als ein wenig zu laut. Die Besucher der Agora, wie die Volksbühne ihre Behelfsspielstätte nannte, haderten eher mit dem Regen und den ausgegebenen Capes. Eine alte Erkenntnis: Anders als im Stammland des Amphitheaters spielt das Sommerwetter in unseren Breiten selten mit.
C wie Container
Berlins Theater sind kostenbewusst. Wenn man Gastspiele schon vor der Premiere einkalkuliert, dann braucht man Bühnenbilder, die sich möglichst problemlos transportieren lassen. Das Maxim Gorki Theater hat in diesem Bereich Maßstäbe gesetzt: In "Ödipus auf Cuba" wurde gleich im Container gespielt.
D wie draußen
Anders als bei der Volksbühne scheinen die Wetterskeptiker beim Deutschen Theater in der Mehrzahl zu sein: Dort wurde die Saison – das Haupthaus war wegen Sanierungsarbeiten geschlossen – ebenfalls draußen eröffnet: Allerdings – gut bedacht – in einem Zelt. Leider enttäuschte das künstlerische Resultat: Weder Ernst Stötzners "Mirandolina"- noch Michael Thalheimers "Was ihr wollt"-Inszenierung konnten einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Außer: siehe E.
E wie Erde
Das zentrale Element der Eröffnungsinszenierungen. Für den Shakespeare im Zelt ließ das Deutsche Theater einige Kubikmeter Erde herankarren, die für die Vorstellung leicht bewässert wurden. Auch an der Schaubühne kämpfte Lars Eidinger als "Hamlet" unter Thomas Ostermeiers Regie mit diesem Element. Und weil sich im Laufe einer Saison natürlich immer irgendetwas entwickelt, wurde aus dem Schlamm zum Beginn der Spielzeit am Ende Sand: Damit war der Boden der Volksbühnen-Agora ebenso bedeckt wie der Bühnenrand in "Dingos" an der Schaubühne.
F wie Finale
Ein Intendantenwechsel lässt sich gut mit einem Umzug vergleichen: Anstelle der Wohnung wird das Repertoire kräftig ausgemistet. Das Deutsche Theater nutzte den Abschied von Oliver Reese für eine kleine Werbeaktion: Unter dem Motto "Finale" zeigte das Haus zum Saisonende 39 Inszenierungen zum definitiv letzten Mal. Fehlte eigentlich nur die DT-Finale-Karte, die zum Sommerschlussverkaufs-Preis den Besuch aller 39 Produktionen ermöglicht hätte.
K wie Kostüme
Gäbe es einen Preis für die schönsten Kostüme, Guido M. Kretschmer hätte ihn für Katharina Thalbachs "Wie es euch gefällt"-Inszenierung an der Komödie am Kurfürstendamm verdient gehabt. Und weil es kein Licht ohne Schatten gibt, sollte auch die Peinlichkeit der Saison erwähnt werden: die Häschenkostüme in "Gefährliche Liebschaften" am Deutschen Theater.
M wie Musik
Vollkommen verständlich und vollkommen unerklärlich – so ist Musik. Regisseure können mit ihr trefflich des Gedankens Blässe überdecken, vorzugsweise wenn sie auf der Bühne selbst erzeugt wird: Frank Castorf hält in "Kean" treu zu seinem Lieblings-Livegitarristen Steve Binetti (der eigentlich aus Bünde in Westfalen kommt), Barrie Kosky verzaubert das Publikum im "Traumspiel" im Berghain mit Barockklängen und Falk Richter lässt "Kabale und Liebe" an der Schaubühne von fünf Cellistinnen untermalen.
R wie Regiekonzept
Das kann ziemlich in die Hose gehen, besonders, wenn die Technik nicht begeistert, sondern versagt. So wie bei der Premiere von Jette Steckels "Caligula"-Inszenierung in der Box des Deutschen Theaters. Dort sollten eigentlich die Besucher ihr Gesicht auf den Fotokopierer legen, dem aber verging schnell die Lust aufs Dauerablichten.
S wie Statistik
Der Meister der monatlichen Statistik ist Claus Peymann. Der Chef des Berliner Ensembles veröffentlicht regelmäßig die ökonomischen Daten. Die können sich natürlich sehen lassen: So lag die Auslastung in dieser Spielzeit bei 88 Prozent.
T wie Tiere
Viehzeug auf der Bühne – das ist stets eine Herausforderung, denn auch liebe Tiere neigen dazu, Schauspielern die Schau zu stehlen. Am Berliner Ensemble ist das sogar Klaus Maria Brandauer widerfahren. Als eines der zwölf Hühner, die im "Zerbrochnen Krug" auf der Bühne herumlaufen, entgegen den Vorstellungen des Regisseurs Peter Stein beherzt in den Zuschauerraum flatterte, erhielt es tosenden Applaus.
Z wie Zumutungen
Lieber schlecht sitzen als lange stehen – das ging einigen Besuchern von Tilman Köhlers "Woyzeck" im Maxim Gorki Theater während des Durchstehens der 80-minütigen Inszenierung durch den Kopf. Es könnte indes noch schlimmer sein: Beim Ibsen-Festival im norwegischen Bergen brach der Festivalleiter die "Wildente"-Premiere nach neun Stunden ab. Zu diesem Zeitpunkt lief immer noch der erste Akt.
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