01.02.13

Theater

Die "Kebab Connection" kommt jetzt ans Grips Theater

Regisseur Anno Saul bringt seinen Film "Kebab Connection" auf die Bühne des Grips Theaters. Kollege Sönke Wortmann drängte ihn dazu.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Im Kassenhäuschen: Regisseur Anno Saul gibt sein Theaterdebüt am Grips, am Sonnabend hat „Kebab Connection“ Premiere
Im Kassenhäuschen: Regisseur Anno Saul gibt sein Theaterdebüt am Grips, am Sonnabend hat "Kebab Connection" Premiere

Schuld war Sönke Wortmann. Hätte der Filmemacher nicht die Initiative ergriffen, hätte Anno Saul noch länger auf sein Theaterdebüt warten müssen. Die beiden sind gut befreundet, hatten sich zum Essen verabredet. Wortmann, der in Köln wohnt, inszenierte gerade am Grips Theater "Frau Müller muss weg". Und schwärmte seinem in Berlin lebenden Kollegen von der Theaterarbeit vor. Saul war anfangs skeptisch. Es ist toll, so intensiv mit Schauspielern zu arbeiten, sagt Wortmann. Das mach' ich beim Drehen auch, antwortet Saul. Das ist eine Wahnsinnserfahrung, sagt Wortmann. Saul sitzt im Besprechungszimmer des Grips Theaters und spricht den Dialog nach.

Die beiden kennen sich seit ihrem gemeinsamen Studium an der Filmhochschule München, Saul war Wortmanns Trauzeuge, in dessen Filmen ist er auch schon aufgetreten. Ich habe doch gar keinen Stoff, sagt Saul. Nimm doch einen deiner Filme, schlägt Wortmann vor. Bei "Grüne Wüste" kriegen die Leute Depressionen, antwortet Saul. Vielleicht "Kebab Connection"? Superidee, denk' mal drüber nach, sagt Wortmann.

Und schlägt das Projekt prompt am nächsten Tag dem Grips Theater vor. Die Dramaturgie ist begeistert. Und ruft sofort bei Anno Saul an. Der ist ziemlich überrascht, will kneifen, verweist auf die zwei Filme, die er demnächst dreht, da habe er keine Zeit, die Theaterfassung zu schreiben. Aber das Grips lässt nicht locker. Und der Regisseur setzt sich abends nach dem Dreh an den Schreibtisch. "Da war ich dann noch ein bisschen müder als sonst."

Culture-Clash-Komödie

"Es hat sich total gelohnt und Riesenspaß gemacht", resümiert Saul wenige Tage vor der Premiere. Die findet am Sonnabend um 19.30 Uhr am Hansaplatz statt, das Stück für ein erwachsenes Publikum ist mit der Altersangabe "E+" versehen. Unter dem Label Culture-Clash-Komödie kam der Film 2005 in die Kinos. "Kebab Connection", am Drehbuch hat auch Fatih Akin mitgewirkt, spielt mit vielen Klischees. Es geht um die Rivalität von Türken und Griechen, um deutsch-türkische Beziehungen, um Heimatverlust. Aber eigentlich darum, dass der 20-jährige Ibo unbedingt Filmemacher werden will und sich deshalb über die Vaterschaftsnachricht seiner Freundin Titzi nicht besonders freut. Angst vor Verantwortung. Angst davor, die Träume nicht verwirklichen zu können. Und dieses Problem eint alle jungen Väter, unabhängig von der Herkunft.

Eigentlich ein klassischer Grips Stoff. Aber halt ein Film, der zudem auch noch mit dem Medium Film spielt. Bevor Anno Saul an die Theaterfassung ging, hat er das Protokoll des Films herausgeholt, "Figuren wie die drei Mafiosi gestrichen, Szenen zusammengelegt und Dialoge umgeschrieben". Er habe den Stoff wie eine "Knetmasse benutzt".

Lebendige "Democrazy"

Beim Film "versuche ich eine Illusion herzustellen: Die Wand zwischen Zuschauer und Figur soll möglichst dünn und durchlässig sein, damit echte Identifikation möglich ist, obwohl es sich um ein Kunstprodukt handelt". Beim Theater aber gebe es die Verabredung, dass etwas vorgespielt werde. Weil die "Herstellung von Illusion" deshalb nicht möglich sei, "sind wir in die entgegengesetzte Richtung gegangen und haben Übergänge und Orte nicht fest definiert, sondern fließend gemacht". Das Stück spielt auch nicht mehr im Hamburger Schanzenviertel, sondern einfach in einer Großstadt.

Wenn Saul über Hamburg spricht, klingt er wie ein Hanseate. Aufgewachsen aber ist der 1963 Geborene in Bad Neuenahr, studiert hat er in München. Und als wir während des Gesprächs auf einen früheren CSU-Generalsekretär kommen, der Saul vom Aussehen her an seinen türkischen Gemüsehändler erinnert, wechselt der Regisseur in den bayrischen Dialekt und spielt eine Szene aus einem Gerhard-Polt-Film nach, in dem ein Politiker auf Einladung der Hans-Seidel-Stiftung in einem fiktiven afrikanischen Land einen Vortag über "Democrazy" hält.

Ohne Musik geht es nicht

Eigentlich überraschend, dass Anno Saul erst jetzt sein Regiedebüt am Theater gibt. Aber er hat sich schlichtweg nicht getraut. Bezeichnet sich selbst als "begeisterter, regelmäßiger Theatergänger seit Mitte der 80er Jahre. Ich gehe mindestens so oft ins Theater wie in einen Kinofilm." Angesichts etlicher großartiger Inszenierungen hat ihm der Mut zur Theaterregie gefehlt. Da mussten Sönke Wortmann und das Grips nachhelfen. Saul erzählt von diversen Münchner und Berliner Aufführungen, die Begeisterung für Regisseur Luk Perceval eint beide Gesprächspartner. Er schwärmt von der "Othello"-Inszenierung des Flamen in München mit Thomas Thieme, das Bühnenbild dominierte ein riesiger Flügel, an dem ein Jazzpianist saß und improvisierte.

Weil es "ohne Musik nicht geht", gibt es auch in "Kebab Connection" eine Live-Band. Ulrich Kodjo Wendt, der in dem Film den finalen Hochzeitssong und für das Theaterstück die ganze Musik komponiert hat, spielt Akkordeon und steht gemeinsam mit zwei Kollegen auf der Bühne. Die besteht aus verschiedenen Spielebenen, auch im Theaterraum, der rundum mit fiktiver Leuchtreklame ausgestattet ist, tauchen Schauspieler auf.

Auf ein legendäres Film-Requisit müssen die Zuschauer allerdings verzichten: den handgeschweißten Drachenkinderwagen. "Den gibt es wohl nicht mehr", sagt Saul, denn beim Film werden Ausstattungsstücke nicht eingelagert, sondern "verkauft oder verschenkt". Und ein Nachbau wäre zu teuer gewesen, schließlich ist das Grips ein armes Privat-Theater.

Neben Fatih Akin hat sich auch Sönke Wortmann zur Premiere angemeldet. Er muss ja schließlich schauen, was er angeschoben hat.

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