01.02.13

Pro-Sieben-Show

Nerds und aufgetakelte Püppchen beim Freak-Defilee

Großspurig preist ProSieben das neue Format "Beauty & The Nerd" als "ultimatives soziales Experiment" an. Dem Zuschauer wird aber nur Trash vorgesetzt. Höhepunkt ist die Ankündigung des Nackt-Föhnens.

Von Ligia Dana Tudorica
Foto: ProSieben/Charlie Sperring

Bei der neuen ProSieben-Show „Beauty & The Nerd“ geht es um eine Symbiose zwischen der Schönen und dem Nerd.

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In "Beauty & The Nerd" erzählen die ProSieben-Macher die Mär vom einseitig Begabten. Wie der Blinde, der den Lahmen trägt und mit dessen Augenlicht durch die Welt wandert, soll die Schöne mit dem Nerd eine Symbiose eingehen: Ich zeig dir meinen Lipstick, du mir deinen Joystick.

Schönheit und Geist – dieses Paar könnte gemeinsam die Welt regieren. Im Trash-TV verkommt diese Begegnung aber zu pubertären Doktorspielchen. Teilnehmerin Pia bringt es gleich zu Anfang auf den Punkt und klingt dabei wie Daniela Katzenberger: "Ich bin schöner als meine Intelligenz."

In dem Show-Experiment wird eine von acht Frauen von Anfang bis Mitte 20 – "Beauties" genannt – jeweils einem sonderbaren und etwa gleichaltrigen Mann, der als Nerd fungieren wird, an die Seite gestellt. Cedric, Mathestudent, stellt sich den Teilnehmerinnen so vor: "Ich bin 23, sehe aber jünger oder älter aus."

"Challenges" in südafrikanischer Luxusvilla

Die ungleichen Paare müssen es maximal vier Wochen lang in einer Luxusvilla in Südafrika miteinander aushalten und dazu noch ein Team bilden. Gemeinsam haben sie Herausforderungen, "Challenges", in verschiedenen Disziplinen zu bestehen. Es gilt, die konkurrierenden Paare nach und nach auszuschalten – mit Hirn und langen Fingernägeln. Das Siegerpaar gewinnt am Schluss 100.000 Euro.

Umgerechnet sind das mehr als tausend Blondierungen beim Friseur des Vertrauens, was vor allem die weiblichen Teilnehmerinnen interessieren dürfte – die Schönen sind nämlich hauptsächlich Blondinen. Wenn sie nicht gerade vor dem Spiegel stehen, verdienen sie ihre Brötchen als Kellnerin, Stewardess, Verkäuferin oder Arzthelferin.

Sie hören auf blumige Namen wie etwa Kimberley, Kamilla, Anissa und Jacqueline. Diese manchmal recht künstlichen Pflänzchen treffen auf haarige, verschrobene Gestalten – Martin, Michael und Sven. Ihre Berufe erscheinen so aufregend wie ihre Namen: Sie sind IT-Experten, Mathestudenten, Physiker.

Fließende Grenzen von Nerd und Proll-Schönheit

Die Wahl der Paare verläuft nach recht unterschiedlichen Kriterien. Der Geografie-Student Marius wählte Pia aufgrund ihrer positiven Ausstrahlung und weil sie nicht aussehe, als würde sie rummeckern. Mode-Verkäuferin Martina stellt sich als "kleiner Fresssack" vor (was man ihrer Figur nicht ansieht), womit sie sich für Physiker Sven qualifiziert.

Stewardess Siw wählt Programmierer Sven, weil er sie an ihren Vater in den 1970er-Jahren erinnert. Michael schließlich verzieht keine Miene, als seine Auserwählte Anissa ihm steckt, dass sie ihre Haare stets nackt föhnt.

Nicht nur an dieser Stelle beschleicht einen das Gefühl, dass die Grenzen von Nerd und Proll-Schönheit fließend sind. Beide ähneln einander mehr, als man vorher dachte. Deswegen ist das vermeintliche Konzept der Sendung, eine Annäherung von zwei vollkommen unterschiedlichen Welten, von vornherein nicht stimmig.

Die Protagonisten ähneln einander nicht, weil sie wirklich wesensverwandt sind, sondern, weil sie der Trash-TV-Choreografie gehorchen. Das Skript verzerrt die Personen in sonderbare Einzelgänger und aufgetakelte Modepüppchen, die immer wieder über das schreckliche Fremdwort "Gravitation" stolpern.

Trash-TV von kusmagkscher Anständigkeit

Teil des Freak-Defilees waren zwei relativ sinnfreie Challenges. Die Männer mussten als "00 Nerd" in James-Bond-Manier einen Parcours zur Schönen überwinden und dabei "ihre ganze Männlichkeit" in die Waagschale werfen. Die Frauen hatten die Aufgabe, ihren Nerd, der versteckt in einer Box stand, zu ertasten. In manchen Situationen griffen die Teilnehmerinnen fast in die heilige Mitte.

Dem Zuschauer blieb auch wirklich keine Plattheit und Zote erspart. Die unfreiwillig komischen Momente waren andererseits köstlich: "Was machst du morgens als Erstes?", fragte eine der Beauties ihren Nerd. Die Antwort: "Aufstehen."

Beim Ausscheidungsquiz, bei dem zwei nominierte Paare gegeneinander antraten, durfte man erfahren, wie sich die Macher den Wissens-Kosmos von Nerd beziehungsweise Schönheit vorstellen. Der Spezialist soll wie aus der Pistole geschossen den Begriff French Nails zuordnen können und die unterbelichtete Schöne soll Anakin Skywalker verorten.

Sowohl für sie als auch ihren Nerd sind diese Fakten in ihrem Kontext unnützes Wissen. Und somit Allgemeinbildung. So macht das Trash-TV die beiden Randgruppen doch auf gewisse Weise gesellschaftsfähig.

Der Umgang der konkurrierenden Teilnehmer war von einer wahrhaft kusmagkschen Anständigkeit geprägt. Das 2005 von US-Schauspieler Ashton Kutcher entwickelte Format ("Beauty and The Geek"), das mittlerweile in mehr als 20 Ländern läuft, ist in seiner deutschen Ausgabe frei von Zickereien oder Intrigen. Überall Fair Play, sodass am Ende Julia und Martin erhobenen Hauptes die Villa als erstes Verliererpaar verlassen konnten.

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