01.02.13

Kultur des Abschieds

Trauer und Tränen waren ein Privileg der Reichen

Reiner Sörries hat eine Kulturgeschichte der Trauer geschrieben. Der Kunsthistoriker zeigt, dass unsere Bestattungstraditionen noch gar nicht so alt und mit dem Bürgertum verknüpft sind.

Foto: Getty Images

Überall auf der Welt findet sich der Engel als Symbol des Göttlichen auf christlichen Friedhöfen.

14 Bilder

Auch die Trauer ist nicht mehr das, was sie einmal war. Menschen trauern heute, wann, wo und wie sie wollen, wenn sie es denn noch tun. Aber mit der Freiheit und Beliebigkeit wächst auch ihre Unsicherheit. So überrascht es nicht, dass Millionen Menschen nicht nur wissen wollen, wie man "richtig lebt" und "liebt", sondern auch wie man "richtig trauert".

Schließlich soll das Trauern ins Leben zurückführen. Trauerhilferatgeber sind ebenso gefragt wie neue Trauerprofessionen. Dass da auch das Interesse an kulturgeschichtlichen Erkundungen dieses unübersichtlich gewordenen Terrains zunimmt, erscheint nur folgerichtig.

Eine solche einführende, handliche, anschauliche und gut lesbare Überblicksdarstellung hat jetzt Rainer Sörries vorgelegt. Er ist wie kaum ein anderer für diese keineswegs leichte Aufgabe qualifiziert. Der gelernte Pfarrer und in Erlangen Christliche Archäologie und Kunstgeschichte lehrende Professor, leitet die Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal und ist seit Jahren Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel, eine der interessantesten und renommiertesten Neugründungen der reichhaltigen und weit ausdifferenzierten Museumslandschaft Deutschlands.

Geschichte des Friedhofs

Natürlich hat er, wie es sich für einen kontinuierlich fleißigen, engagierten und nicht nur statusbewussten Professor gehört, neben seinen öffentlichen Aufgaben und Ämtern zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt, zuletzt "Ruhe sanft. Eine Kulturgeschichte des Friedhofs" (2009).

Ausgehend von der in unserer Sprache nicht mit vollzogenen englischen Unterscheidung zwischen "grief", dem individuellen Gefühl(sausdruck) und "mourning", dem gesellschaftlich normierten, ritualisierten und organisierten Trauern, entfaltet er eine facettenreiche Komplexität seines Gegenstandes.

Er berichtet von Trauerzeiten und -phasen, von Trauerzeichen und -ritualen, stellt die Professionen der Trauer vor, also jene, welche die Toten und die Trauernden begleiten – und von ihnen leben. Schließlich informiert er den Leser auch über komparative Aspekte, über multikulturelle Trauer ebenso wie über verschiedene politisch-ideologische Kontexte nichtchristlicher Trauerkulturen. Fast die Hälfte des Buches ist besonderen Aspekten gewidmet.

Sörries beschäftigt sich unter anderem mit der Trauer um den Verlust eines Kindes, eines Tieres oder der um einen suizidalen Toten. Er erörtert die Frage, ob Trauer weiblich ist und schließt mit einer Betrachtung zum Problem, das sein Buch als Leitlinie durchzieht: Wie und warum trauern wir eigentlich.

Trauerkultur und Geld

Dabei tun wir es – menschheitsgeschichtlich gesehen – erst seit kurzer Zeit. Ein ritualisiertes Bestattungswesen entstand mit der Bildung von Sozialverbänden, als der Tod eines Mitgliedes einen Verlust, vielleicht auch eine Bedrohung darstellte, zu dem sich die (Über-)Lebenden so oder so verhalten mussten. Wahrscheinlich ist die religiöse Überhöhung dem Ritual gefolgt, um seit der Renaissance wiederum zugunsten der sozialen Repräsentation zurückgedrängt zu werden.

Diese aber war zunächst ein kostspieliges Unternehmen, was Trauer zu einem Privileg der Reichen machte. Sie hatten Zeit und Geld, die anderen waren in Not und bei einem Todesfall noch mehr. Das eigene Grab, Folge der Säkularisierung und Demokratisierung der Trauer, ist eine Erscheinung erst des 19. Jahrhunderts.

Und erst in dieser Zeit, in der Aufklärung und Romantik der nachfeudalen bürgerlichen Gesellschaft ihr kulturell-sinnliches Profil geben, Liebe zur mehr und mehr dominanten Voraussetzung von Eheschließung und Familiengründung wird, bekommt auch Trauer als individuelles bzw. kollektives Verhalten eine emotional-sinnliche Qualität – über ihre soziale und religiöse Bedeutung hinaus.

Dass eine seelische Gestimmtheit, die mit einem sozial und religiös hoch bedeutsamen Verhalten einhergeht, eine eigene Zeichensprache hervorbringt, liegt auf der Hand. Das kulturgeschichtlich ausgebildete Repertoire reicht vom zunächst vielfach autoagressiven Umgang mit Haaren, Gesicht und Körper über die subtileren Formen des körpersprachlichen Ausdrucks – Klagerufe, Weinen und Körperhaltung – bis hin zur Trauerkleidung, die in archaischen Kulturen als Verhüllung des ganzen Körpers der Anonymisierung des Betroffenen diente und ihn vor den Gefahren der Seelenwanderung Verstorbener oder der Rückkehr der Toten schützen sollte.

Trauertracht der Witwen

Die spätere schwarze Trauertracht der Witwen betont nur noch ihren Status, weil er mit Rechten und Pflichten verbunden ist. Schwarz als Trauerfarbe beginnt sich erst seit dem 17. Jahrhundert durchzusetzen und Weiß zurückzudrängen. Schwarze Kleider trugen zunächst nur die Begüterten, weil schwarze Stoffe teuer waren. Inzwischen hat sich die Farbe der Vornehmen und Wohlhabenden vom sozialen Status der Träger gelöst und ist in den besonderen Anlass abgewandert. Ob jemand reich oder arm ist, trauert, Hochzeit feiert, ist auf den ersten Blick nicht mehr zu erkennen.

Weil der Schmerz über den Verlust eines Menschen und das über die Trauer hinausreichende Erinnerungsverlangen an ihn, immer auch nach materiellen und immateriellen, räumlichen und zeitlichen Fixpunkten sucht, sind nicht zuletzt auch die Orte der Trauer für jede Trauerkultur von größter Bedeutung.

Das individuelle Grab für jeden Verstorbenen und mit ihr die Entstehung von Friedhöfen ist jüngeren Datums und Ausdruck sich verändernder religiöser Einstellungen. Im Mittelalter hatten Trauer und Totengedenken für die Masse der Bevölkerung nur einen spirituellen, immateriellen Halt. Mit der Säkularisierung ist auch hier ein tiefgreifender Wandel eingetreten, der Friedhof, mit Michel Foucault, aus "dem geheiligten Raum der Kirche" hinausgewandert, vor die Kirche.

Anything goes

In einer Zeit, in der immer mehr Menschen weder an die Unsterblichkeit der Seele noch an die Wiederauferstehung der Toten glauben, werden ihre sterblichen Überreste und unvergänglichen Zeugnisse wichtiger. Das macht die Kirche als Ort des Trauerns und Totengedenkens nicht überflüssig, aber es relativiert ihre Exklusivität. Trauerorte sind inzwischen ubiquitär. Sie reichen von den Unfallkreuzen an Straßenrändern und Chausseebäumen und den 'Marterln' in gefahrvoller Gebirgslandschaft über die Grabbriefe mit genauen Positionsangaben bei Seebestattungen bis hin zu den Gedenkseiten im Internet.

Aber nicht erst die globale Verkehrs- und Kommunikationsgesellschaft hat zu dieser Entgrenzung des kirchlichen Trauerortes geführt, auch die modernen Kriege und Gewaltverbrechen haben wesentlich dazu beigetragen. Millionenfach gab es weder sterbliche Überreste der Toten noch genauere Kenntnisse von Zeitpunkt und Ort ihres Sterbens. Das Gedenken der Toten, die in Krieg und Gewaltherrschaft ihr Leben verloren, streift Sörries leider nur. Die politische Pietät hätte ein eigenes, größeres Kapitel, wenn nicht ein eigenes Buch verdient.

Aufschlussreich ist, was der Leser über magische und soziale Trauerrituale erfährt, denn es geht ja beim Trauern nicht nur um die Toten, sondern auch um die Nachlebenden. "Die Trauernden lässt man nicht allein" – so der Verfasser. Und was einst vor allem 'Notnachbarn' und Frauen übernahmen, die Beginen, Seelnonnen oder Lichtmütter, erledigen heute Seelsorger, Therapeuten, Ritualdesigner und andere Trauerbegleiter.

Der Tod als Skandal des Lebens

Sörries schließt mit einem sehr summarischen Ausblick auf die postmoderne Trauerkultur mit ihrer weit fortgeschrittenen Tendenz der Individualisierung und Pluralisierung des Trauerns, die längst mit postmortalen und transhumanen Verheißungen auf den Markt drängt.

Hier wäre der Autor gut beraten gewesen, seinen profunden kulturgeschichtlichen Überblick mit einer philosophischen Betrachtung abzuschließen. Sie hätte seine am historischen Material gewonnenen Erkenntnisse mit den Fragen konfrontieren können, die uns die Veränderungen unseres biologisch-medizinischen Verständnisses von Tod und Leben geradezu aufzwingen. So erscheint sein Bekenntnis, dass nicht die Trauer, vielmehr der Tod der Skandal des Lebens sei, zwar provokativ, aber gegenüber dem vorangegangenen Text doch ziemlich grund- und beziehungslos.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Die Mieten in der Berliner Innenstadt sind durchschnittlich um mehr als sechs Prozent gestiegen. Doch auch das Leben am Stadtrand ist nicht günstiger
07:35Wohnstudie
Am Berliner Stadtrand ist das Leben teurer als in der City

Besonders in der Berliner Innenstadt sind die Mieten deutlich gestiegen. Doch ein Umzug an den Stadtrand lohnt - zumindest aus Kostengründen - nicht. Das liegt vor allem an hohen Mobilitätskosten. mehr...


Schon 2012 lockte der „Summer Rave“ viele junge Berliner in die Hangars des stillgelegten Flughafens Tempelhof
24.05.13Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Sonnabend

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Sonna, den 25. Mai. mehr...


Die eurokritische Partei Alternative für Deutschland will sich im Bundestag für die Interessen der Bürger stark machen. Doch kurz nach der Gründung kriselt es bereits
07:31Parteien
Wie sich die Anti-Euro-Partei in Berlin selbst zerlegt

Kurz vor dem Bundestagswahlkampf kommt es im Berliner Landesverband der Alternative für Deutschland zu großen Reibereien. Drei von insgesamt zehn Vorstandsmitgliedern traten bereits zurück. mehr...


Trotz seiner Mitarbeit bei den Grünen will Christoph Schulze nicht aus seiner Partei austreten
07:34Landtagsabgeordneter
Sozialdemokrat wechselt aus BER-Frust zur Grünen-Fraktion

Christoph Schulze ist langjähriges SPD-Mitglied, doch gleichzeitig auch einer der größten Gegner des BER. Nun will er in der Landtagsfraktion der Grünen mitarbeiten - allerdings als SPD-Mann. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Krawalle Wieder Ausschreitungen in Stockholm
Washington Brücke in USA eingestürzt
Grundsatzrede Obama will strengere Regeln für Drohnenangriffe
Queen of Soul Aretha Franklin braucht eine kleine Auszeit
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Finale in London

Das tippen die Berliner Fans von Bayern und BVB

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote