Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
22.07.07

Kunst

Drei Farben Weiß - der "Rohkunstbau"

Saubere Wäsche, Tampons und wabernder Nebel: In seiner 14. Ausgabe konzentriert sich der "Rohkunstbau" auf die Farbe Weiß. Und auf das französische Ideal der "Egalité". Das traditionsreiche Ausstellungsprojekt ist in diesem Jahr in einen neues Domizil gezogen.

© Roland Horn
Rohkunst5_BM_Berlin_Hamburg.jpg

Erst mal darf man das Navigationsgerät umprogrammieren. Wer zum "Rohkunstbau" will und wie gewohnt Groß Leuthen ansteuert, steht vor verschlossenem Tor. Privatbesitz. Das schön verfallene Wasserschloss wurde im letzten Jahr überraschend verkauft, die Rohkunstbau-Macher durften ihre Bilder einpacken.

Bei der letzen Ausstellung im Sommer 2006 hatte Monica Bonvicini noch ihre Leuchtschrift vor die Schlossterrasse am Seeufer platziert: "Not for you". Als ob sie schon was geahnt hätte. "Drei Farben – Blau" hieß die Ausstellung. Es ging um die Freiheit.

Welche Rolle spielt die Gleichheit heute?

Die gute Nachricht: Ein Ersatzort ist gefunden. "Rohkunstbau" findet in Schloss Sacrow bei Potsdam statt, zumindest in diesem Jahr. Die Zukunft ist noch unsicher. Ein Wanderzirkus soll das Projekt auf keinen Fall werden. "Ein weiterer Umzug wäre wohl der Tod von Rohkunstbau", sagt der künstlerische Leiter Arvid Boellert.

Mit Schloss Sacrow, das zur Stiftung Preußische Schlösser und Gärten gehört, bietet sich jedoch ein würdiger Platz an. Genauso schön rau und stockfleckig, direkt am Wasser und die Anreise führt über brandenburgische Buckelpisten. Das ist das Rohkunstbau-Gefühl.

"Drei Farben – Weiß" heißt nun die 14. Ausgabe des Ausstellungsprojekts, die neben Nachwuchskünstlern auch ein paar ausgemachte Kunststars aufs Land geholt hat. Der Titel bezieht sich auf die "Drei Farben"-Trilogie von Krzysztof Kieslowski. Anfang der Neunziger hatte der polnische Regisseur in seinen Filmen untersucht, welche Rolle die Ideale der Französischen Revolution heute noch spielen. Wie Kieslowski orientiert sich Rohkunstbau an den Farben der Trikolore. Ein Drei-Jahres-Plan: 2006 die blaue Freiheit, 2008 hoffentlich die Brüderlichkeit in Rot. Und aktuell eben Weiß – Gleichheit.

Richters Bild erinnert an die Glienicker Brücke

Ein reinweißer Traum ist das Werk von Thomas Rentmeister, das im Erdgeschoss von Schloss Sacrow zu sehen ist: Eine Lkw-Ladung Hotelbettwäsche, akribisch auf Kante gefaltet und sauber gestapelt – bis unter die Zimmerdecke. Die Lücken zwischen den Laken hat Rentmeister mit weißen Haushaltsgütern wie Watte, Zuckerwürfeln, Tampons, Tic Tacs oder Zigarettenfiltern ausgestopft. So ergibt sich eine witzige und reizvolle Oberflächenstruktur.

Sehenswert ist auch Ayse Erkmens Beitrag im zentralen Gartensaal. Vorgefertigte Plastikelemente verbinden sich zu einer scheinbar organisch gewachsenen Dornröschenhecke. Genormte Gleichheit wird zur großen weißen Einheit, und Erkmen hat bravourös die zwei Ausstellungsvorgaben mit einer Klappe erschlagen.

Andere Künstler fordern da mehr Hirnakrobatik. Gerhard Richters monochrom graue "Fingermalerei" von 1969 ist zwar nur eine Tonstufe von Weiß entfernt, lässt sich ansonsten aber in seiner verstockten Abstraktheit kaum mit französischen Revolutionsprinzipien verbinden. Schon eher erinnern die pastosen Schlieren des Bildes an die Formen der Glienicker Brücke, die man vom Fenster des Ausstellungsraumes sehen könnte, wenn die Bäume im Park noch nicht grün wären.

Der weiße Nebel steigt aus dem Fundus der Kulturgeschichte

Schloss Sacrow – das ist auch ein Stück deutsch-deutsche Grenzgeschichte. Bis 1989 zerschnitt die Berliner Mauer das Anwesen. Auf Schloss Sacrow bildeten die Grenzer ihre Wachhunde aus. Im Dritten Reich hingegen hatte sich der Generalforstmeister Friedrich Alpers, ein linientreuer Nazionalsozialist, auf Schloss Sacrow einquartiert und es kräftig umbauen lassen. So ist das Gelände ein architektonisches Palimpsest mit bewegter Vergangenheit. Was wiederum Julian Rosefeldt zu seiner bombastischen Videoarbeit "The Ship of Fools" inspiriert hat.

Ein abgeblätterter, dunkler Festsaal. Vier Monitore mit kurzen Filmsequenzen, die in der Umgebung von Sacrow gedreht wurden. Auf einem Bildschirm sieht man bellende Schäferhunde. Ohrenzerfetzender Lärm vom deutschesten aller Waldis. Auch die anderen Filme behandeln "Heimatthemen". Man sieht den tätowierten Rücken eines Neonazis, der im Dämmerlicht in ein Moor stapft. Daneben eine weitere "Rückenfigur" an einem Seeufer, aus dem der wunderbare weiße Nebel steigt .

Matthias Claudius und die romantische Bildsprache eines Caspar David Friedrich – Rosefeldt bedient sich im Fundus der deutschen Kulturgeschichte. Deutschland, das Sommermärchen. Und richtig: In einer anderen Filmsequenz zieht ein Schiff vorbei, auf dem ausgeflippte Fußballfans überdimensionierte Deutschlandfahnen schwenken.

Candice Breitz wirft die Jukebox im Kopf an

Nationalismus ist ein Konzept, das bestimmte Menschen ausschließt. Wirklich egalitär ist dagegen die Popmusik. Sie ist die selbst gewählte Gefühls-Gleichschaltung jenseits von Hautfarbe und Einkommenssteuerbescheid. Die Südafrikanerin Candice Breitz hat in Schloss Sacrow Spiegel aufgehängt, die mit Texten von Pop-Bands wie Depeche Mode, Tears for Fears oder The Police verziert sind.

Beim Lesen springt im Kopf die Jukebox an. Pop als Lingua Franca. Mit den Fans als dem eigentlich machtvollen Kollektiv hat sich Breitz bereits in früheren Videoarbeiten beschäftigt.

Gleichheit - ein schwieriger Wert

Ihr Optimismus fordert seinen Kontrapunkt und findet ihn im Beitrag von Thomas Demand. "Attempt" von 2005 funktioniert nach dem bewährten Demand-Prinzip von Nachrichtenbild-wird-Pappmodell-wird-wieder-Foto und zeigt die Ansicht eines Arbeitszimmers, in dem ein selbstgebauter Raketenwerfer steht.

Mit der Waffe plante die RAF 1977 einen Anschlag auf die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Ein trauriges Bild. Vor Gericht sind alle Menschen gleich. Doch die RAF-Terroristen haben diesem demokratischen Prinzip anscheinend nicht mehr getraut. Ihre ganz eigene Vorstellung von Gleichheit hat sie zu Verbechern werden lassen.

Rohkunstbau: Bis zum 26. August 2007, immer Sa & So 10-20 Uhr, Schloss Sacrow, Krampnitzer Strasse 33, Sacrow. Informationen: www.rohkunstbau.de

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote