31.01.13

Ägyptens Präsident

Die Affen und Schweine des Mohammed Mursi

Ägyptens Präsident Mohammed Mursi ist bei seinem Berlin-Besuch daran erinnert worden, dass er vor ein paar Jahren Zionisten als "Affen und Schweine" bezeichnet hatte. Eine Spurensuche im Koran.

Von Eva-Marie Kogel
Foto: dapd

Mohammed Mursi wurde am Mittwoch von Angela Merkel empfangen. Die Kanzlerin gab ihm statt einem erhofften Schuldenerlass Mahnungen mit auf den Weg
Mohammed Mursi wurde am Mittwoch von Angela Merkel empfangen. Die Kanzlerin gab ihm statt einem erhofften Schuldenerlass Mahnungen mit auf den Weg

Das Arabische ist eine semitische Sprache. Semitische Sprachen sind sehr logisch gebaut. Die meisten Wörter bestehen aus drei Grundkonsonanten, die dann durch Einfügung weiterer Buchstaben gebeugt werden. Die drei Buchstaben k – t – b haben zum Beispiel mit "Schreiben" zu tun: kitab ist das Buch und maktaba die Bibliothek.

Es gibt einige Ausnahmen, die aus vier Grundbuchstaben bestehen, meistens sind das Fremdwörter. Das deutsche Standardwörterbuch für die arabische Sprache listet eines davon auf. Die vier Grundbuchstaben hier: h-t-l-r. Durch Flexion entsteht ein neues, nun arabisches Verb: tahatlara. "Hitlern", "sich wie Hitler benehmen". Besonders für deutsche Ohren klingt das nach einem recht unverkrampften Verhältnis, das die arabische Sprache zu einem der größten Massenmörder der Menschheitsgeschichte pflegt.

Am Mittwoch war Mohammed Mursi auf Deutschlandbesuch. Vor seiner Reise wurde ein Fernsehinterview von 2010 bekannt, das den heutigen ägyptischen Staatspräsidenten zeigt, wie er sich qualvolle viereinhalb Minuten in antisemitischen Ausfällen ergeht. Zionisten bezeichnet er als "Kriegstreiber, die Nachkommen von Affen und Schweinen", mit denen kein Frieden zu schließen sei.

Die Zitate seien "aus dem Kontext gerissen" worden, erklärt Mursi nun den Journalisten auf einer Pressekonferenz. Als ob es einen Kontext gäbe, in dem diese Äußerungen nicht als antisemitisch verstanden werden könnten.

Jedoch sind die Zitate Mursis drei Jahre alt und stammen damit aus einer Zeit, in der man als Muslimbruder größere Aussichten hatte auf einen Platz im Gefängnis als auf eine politische Karriere. Sie sind Teil einer rhetorischen Kampfstrategie, mit der im Nahen Osten der tägliche politische Diskurs bestritten wird und die man genauer betrachten muss, um sie einzuordnen.

"Arabische Straße" setzt Juden und Israel gleich

Mursi bezieht sich mit den "Affen und Schweinen" auf die fünfte Sure des Koran, in der es heißt, Gott zürne denen, aus denen er Affen und Schweine und Götzendiener gemacht habe. Der Kontext der Sure legt nahe, dass damit aber nicht nur Juden gemeint sind, sondern auch Christen. Mit diesen beiden Religionsgemeinschaften musste die junge islamische Gemeinde sich ja auseinander setzen.

Die Beziehung zu den Schwesterreligionen war bisweilen friedlich, in bestimmten Phasen aber auch konfliktbeladen. Dementsprechend bietet der Koran widersprüchliche Aussagen zu Juden und Christen an. Es gibt auch Stellen, an denen ein freundschaftlicher Umgang mit Juden und Christen explizit gefordert wird – eine Verdammung ist aus islamischer Sicht also nicht zwingend notwendig.

Nun finden sich antisemitische Äußerungen bekanntlich auch im Neuen Testament. Doch in westlichen Diskursen kennen wir drei Ebenen: Antisemitismus, Antizionismus und Kritik an der israelischen Regierung. Das ist ja mehr als semantische Kleinkrämerei. Die Rhetorik der Muslimbrüder und der "arabischen Straße" unterscheidet da nicht: Israel, das sind die Juden. Die Wörter "al-Yahud" (die Juden), "al-Zahyuniun" (die Zionisten) und "Israil" finden synonyme Verwendung.

Das spiegelt auch die derzeitige arabische Realität wider. Während jüdische Minderheiten vor der Staatsgründung Israels in vielen arabischen Ländern präsent waren, sind sie spätestens seit den Sechzigerjahren verschwunden. Daher beschränkt sich die Wahrnehmung der Juden heute weitgehend auf die Rezeption des medialen Zerrbilds von Israel. Und deswegen kann Mursi mit antijüdischen Koranzitaten Politik machen.

Unter den Diktatoren, die der Westen stützte und schützte, blieb der grassierende Antisemitismus für europäische und amerikanische Beobachter verborgen. Nun wird endlich deutlich, dass man Aufklärung in der arabischen Welt fördern muss. Antisemitismus ist kein persönliches Problem von Mursi. Dass jemand wie er jetzt Präsident sein kann, bringt erst ans Licht, was für ein alltägliches Phänomen Antisemitismus in der arabischen Welt seit langem ist – in der Politik, im Kulturleben und auch in der Alltagssprache.

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