29.01.13

Computerfilm

"R'ha" – ein Märchen aus Einsen und Nullen

Innerhalb von sieben Monaten schuf ein Berliner Filmstudent ein kleines Meisterwerk. Sein computeranimierter Alien-Kurzfilm hat die Aufmerksamkeit fast aller großen Hollywood-Studios erweckt.

Foto: Screenshot/Youtube

Erschreckende Brillanz: Eine fiktive Stadt wird von Maschinen mit Raketen beschossen. Screenshot vom Alien-Kurzfilm "R'ha" des Berliner Studenten Kaleb Lechowski
Erschreckende Brillanz: Eine fiktive Stadt wird von Maschinen mit Raketen beschossen. Screenshot vom Alien-Kurzfilm "R'ha" des Berliner Studenten Kaleb Lechowski

Es hört sich an wie ein Märchen aus Einsen und Nullen: Kaleb Lechowski, ein 22-jähriger Filmstudent aus Berlin, erschafft ganz allein in sieben Monaten Schwerstarbeit einen computeranimierten Kurzfilm, in dem ein Alien von einem Roboter festgehalten, gefoltert und verhört wird. Noch bevor der sechsminütige "R'ha" getaufte Film online gestellt wird, bekommt Lechowski einen Anruf aus Amerika. Der Film-Manager Scott Glassgold ist am Apparat, er hatte den Trailer zu "R'ha" gesehen, der erst der zweite Film des Studenten der privaten "Mediadesign Hochschule" ist: "Bei Kaleb Lechowski und 'R'ha' ist die Ausführung und die Qualität sofort offensichtlich. Das Niveau seiner Kunstfertigkeit explodiert auf dem Bildschirm wirklich von der allerersten Einstellung an", erklärt Glassgold.

Diese Einschätzung bestätigt sich. Innerhalb von einer Woche wird der Film über eine Million Mal angeschaut und auch Produzenten auf der anderen Seite des großen Teichs sind begeistert. "Fast alle großen Hollywood-Studios haben Interesse gezeigt", sagt Glassgold weiter. Denn Lechowski soll aus diesem Kurzfilm nun ein Werk von epischer Breite schaffen und seinen Plan dazu im Februar in Kalifornien vorstellen. Der bisherige Plot des hauptsächlich in dunklen Farben auf Englisch produzierten Kurzfilms: Der Roboter will vom Alien die Koordinaten seines Heimatplaneten erfahren, um diesen zu zerstören. Als das Alien ihm entgegenbrüllt, dass dies "Wahnsinn" sei, antwortet die Maschine kalt: "Wahnsinn ist eine unlogische Fehlfunktion. Ich leide nicht an solchen organischen Schwächen."

Die Story, dass von organischer Intelligenz geschaffene Maschinen die Macht über ihr Handeln übernehmen ist nicht neu und etwa durch die "Terminator"-Filme mit Hollywoods Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger weltbekannt. Und dass organisch denkende Wesen sich mit Computerprogrammen unterhalten, als seien sie ebenfalls lebendig, zeigte schon das "ELIZA"-Experiment des Berliner Informatikers Joseph Weizenbaum, der einen elektronischen Psychoanalytiker entwickelte. Dass aber ein einziger Student eine Qualität erreicht, die sonst nur von großen Film-Studios mit Hunderten Mitarbeitern gezeigt wird, ist außergewöhnlich.

Das Internet als kreative Demokratie

Die Mimik des gequälten Aliens ist ausgefeilt, die Raketen-Explosionen in einer riesigen Zukunftsstadt sind erschreckend brillant umgesetzt. "Ich war immer schon sehr leidenschaftlich bei künstlerischen Projekten, ob es nun ein Bild war, das ich malte oder eine Kathedrale, die ich modellierte", erklärt Lechowski selbst. Zehn Stunden täglich ohne Pausen habe er an "R'ha" gearbeitet und merkte bald, dass er auf dem richtigen Weg war: "Ich glaube, als ich das erste mal einen Teil mit Farbkorrektur als Video gesehen habe, und auch, als ich das erste Mal eine Version mit Ton anschaute, dachte ich, dass ich etwas beeindruckendes erschaffen habe."

Doch Lechowski, mit seinem seltenen, alttestamentarischen Vornamen Kaleb, ist Perfektionist und ruht sich nicht auf Etappenerfolgen aus: "Man konzentriert sich schnell wieder auf die Probleme und Fehler, die dann aufkommen." Für Scott Glassgold, der, wie er sagt, ständig im Internet nach "Regisseuren und Weltenerschaffern" sucht, ist der Erfolg von Lechowski eine logische Konsequenz. Er glaubt, dass die Qualität von "R'ha" auch ohne seine Aufmerksamkeit aus den riesigen Datenmengen des Internets herausgestochen wäre: "Ich glaube fest daran, dass das Internet die ultimative kreative Demokratie ist. Wenn Sie etwas Außergewöhnliches machen, was Kaleb getan hat, werden die Leute darauf aufmerksam werden."

Nun bleibt abzuwarten, ob Lechowski die großen Bosse in Hollywood überzeugen kann, denn der Plan ist, eine Geschichte zu entwickeln, die einen Kinofilm trägt. Zur Zeit feilt er an einem "Pitch", dem Vortrag, an dem so viel hängt. "Ich schreibe an der Geschichte, mache einige szenische Entwürfe. Im Grunde das gleiche, wie für den Kurzfilm. Nur mit einem anderen Ziel und im größeren Rahmen", sagt er. Dabei verzichtet er zunächst auf professionelle Hilfe von Drehbuchschreibern, auch, um sich seine "gewisse Blauäugigkeit" zu erhalten, die ihn schon so weit gebracht hat. Was die oft gehypte Berliner Kreativen-Szene angeht, ist Lechowski skeptisch aber hoffnungsvoll: "Es gibt sehr viel Potenzial, doch ich glaube in Deutschland denkt man im allgemeinen zu klein, was Film angeht. Vielleicht ändert sich das ja in der kommenden Zeit."

Die Chance des Lebens

Bei seiner Vorstellung in Hollywood ist es dann vielleicht ein bisschen so wie in dem Lied des weißen US-Rappers Eminem. Der musste, wie im Film "8 Mile" zu sehen, ebenfalls als Außenseiter auf dem Punkt überzeugen. Lechowski hat eine Chance, die er nutzen sollte: "This opportunity comes once in a lifetime." Lechowskis Manager Scott Glassgold ist jedenfalls optimistisch, was das Happyend des Märchens aus Einsen und Nullen angeht: "Der Weg, einen Film fertigzustellen, ist immer verschlungen und voller Biegungen. Aber ich bin ziemlich Zuversichtlich, dass das Endresultat eine Kinofilmversion von 'R'ha' sein wird."

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